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ÜBERSCHRIFT

Über welche deutsche Band darf man schon sagen, sie sei stilbildend? Über diese! Am Montag kommt nach langer Wartezeit ihr fünftes Album in die Läden. Und es wird ganz sicher wieder Stil bilden.

Sie hatten die besten Titel: "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk", oder "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" oder "Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren". Sie erfanden eine neue Sprache; eine ernsthafte, lakonisch-komische Sprache, die hinter den flachsten Alltäglichkeiten die tiefsten Abgründe aufreißt. Sie pflegten den mauligsten Gesang, und ihre Konzerte waren trotzdem oder wegen all dem oder wegen der noisigen Punk-Gitarren die wildesten, die in der Kategorie des deutschen Indie-Rock zu feiern waren.

Und wer glaubt, dieses hier sei der Beginn eines Nachrufs, der irrt. Es ist eine angemessene Zusammenfassung von fast fünf Jahren tocotronischer Vergangenheit, bevor mit dem neuen Album die Gegenwart beginnt. Und es ist der Versuch, die charmante Bescheidenheit auszugleichen, die Arne Zank, Schlagzeuger und Gelegenheitssänger, im Gespräch an den Tag legt. Eine eher ungewöhnliche Aufgabenverteilung. Aber was ist schon gewöhnlich an Tocotronic, den Slacker-Idolen, den berühmtesten Ikonen der alte-Trainingsjacke-Cordhose-Turnschuhe-Mode-Fraktion? Inzwischen tragen sie schwarze Hemden. Aber die passen ja auch ganz gut.

Vor zwei Jahren haben sie, auch eher ungewöhnlich, den "Viva-Comet" abgelehnt. "Jaahh", sagt Arne bedächtig, "das war vor allem wegen dem Titel "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben", ein beknackter Titel, aber die wollten den nicht ändern." Da haben die Tocos sich beraten, sind zur Preisverleihung gefahren und haben dort erklärt, warum sie den Preis nicht wollen. "Es ging ja nicht darum, sich ganz zu verweigern, das ist ja Quatsch. Dann bräuchte man ja keine Videoclips zu drehen."

"Let there be Rock" heißt die aktuelle Single, und der Videoclip rotiert. AC/DC-Anspielungen, die Fanfare zum "Final Countdown" von Europe und Zeilen wie "Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut" zu deprimierenden Betonlandschaften laden ein zur umfangreichen Sinnanalyse. "Manches versteht einfach keiner mehr", bekennt Arne. "Bei "Let there be Rock" weiß eigentlich keiner mehr so richtig, was die Zeilen im einzelnen bedeuten sollen. Aber im Prinzip ist das schon wahr. Das funktioniert einfach."

Auch die anderen 16 Titel des neuen Albums "K.O.O.K." hauen keine Sloganwahrheiten mehr raus. Sie sind höchstens Mid-Tempo und heißen "Die Grenzen des guten Geschmacks", "Die neue Seltsamkeit" oder "Der gute Rat". Streicher unterstützen die Gitarren. Oft bleibt Dirk von Lowtzow in seinen Texten abstrakt oder ersingt wunderbar melancholische Stimmungen. Die sind noch immer dem Alltag entlehnt, aber die Texte sind allgemeingültiger; ein Versuch, "für das gleiche einen neuen Ausdruck zu finden". Die einen finden darin ein letztes Aufbegehren gegen die formatierte Welt, sie finden Zitate und Spuren von Foucault, Deleuze, Walter Benjamin und anderen Denkern. Die anderen finden darin gar nichts. Sie finden, Tocotronic seien depressiv, nölig, und es sei ihnen ja sowieso immer alles egal gewesen. Arne lacht sein verständnisvollstes Lachen. "Naja, wir hören halt alle gern traurige, melancholische, dahinsiechende Musik. Aber gleichgültig ist das nicht, das ist dann nicht richtig hingehört."

Letztlich läßt sich vieles eben auf ein Motiv zurückführen: "Bei uns werden halt immer so Selbstzweifel thematisiert. Das kann natürlich irgendwann nerven, aber das müssen wir einfach so machen, wir können nichts anderes." Und dann lacht er noch mal, als er das in die Zukunft weiterdenkt: "Das ist das Feld, das wir beackern müssen. Da ist kein Ende abzusehen." Und das ist ja - zumindest aus Sicht der Hörer - irgendwie gut zu wissen.

© julia förster für HAZ - 22. juli 99

Quelle: Contextredaktion Szene

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