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Vielen Dank an Alex, der uns auf diesen Artikel aufmerksam gemacht hat.

Mit freundlicher Genehmigung von XXX.

Auf dem fliegenden Teppich der Rockmusik

Eine tolle Platte, rauscht es seit Wochen durch den deutschen Blätterwald, Tocotronic seien endlich erwachsen geworden. Endlich erwachsen geworden? oder jetzt erst? Ach wo! Über Rockmusik und deutsche Texte.

Von Thomas Kramer


"Volle Power! Depressionen! Aberwitzig! Postmodern!" Mit diesem Overkill sich gegenseitig aufessender Unsinnigkeiten wirbt das Hamburger Rock-Trio Tocotronic derzeit für seine neue Platte. Die Band kann es sich leisten. Seit gestern steht "K.O.O.K" in den Läden, aber bereits vor zwei Monaten erschien die erste Lobeshymne auf das Album. Und es gab kein Halten für die deutsche Presse, vom "Rolling Stone" bis zur "Zeit", alle schnitten sich ihr Kuchenstück ab: Die Feste feiern, wie sie fallen, oder so. Im Intellektuellenmagazin "Spex", dessen Spalten normalerweise von den kalten Stahl-Glas-Bauten der Diskursstrategie regiert werden, wollte der Kritiker gar Hand an sich legen: "Ich würde mich steinigen lassen für diese Platte." So viel einhellige Begeisterung muss misstrauisch stimmen. Zumal eigentlich nur "taz"-Musikredaktor Thomas Gross in der "Zeit" glaubwürdige Argumente lieferte, was an "K.O.O.K" so überragend sein soll. Die anderen Hymniker begnügten sich mit mehr oder weniger tiefsinnigen Erörterungen über Erwachsenwerden, verlorene Naivität und verblichene Jugendlichkeit. Tocotronic, vier Alben lang zu Vorreitern einer adoleszenten Charme-Offensive erklärt, werden nun als gereifte Endzwanziger gefeiert, die es dem Ernst der Welt diesmal auf ganz andere Weise zeigen.
Der Haken ist: Die neue Platte der Band ist tatsächlich grossartig. Das bisherige Konzept des zwar melodietrunkenen, aber unprätentiös direkten und stets leicht unterproduzierten Rocksongs wurde vom Trio zu Gunsten einer verschachtelteren Bauweise aufgegeben. Plakatives wurde eingetauscht gegen Verrätselungen - aber reden wir im Zusammenhang mit dieser Band einmal nicht sogleich von den Texten. Denn "K.O.O.K." markiert das Ende der Textband Tocotronic und signalisiert die Geburt der Musikrockband gleichen Namens.

Die Grenzen des guten Geschmacks

Die neuen Kompositionen klingen weitaus vielschichtiger, weniger absehbar, sind geprägt von einem spielerischen Klangwitz. Sie pendeln zwischen Pavement und Siebzigerjahre-Anleihen, etwa der Parallelführung von Gitarrenlauf und Kopfstimme. Die Gitarre donnert nur noch selten los, meist hüpft sie durch eine präzis gesetzte Klangidee. Der spärliche, aber effektive Einsatz von Synthesizern, Bläsern und Streichern beschert den Liedern zusätzliche Farben. Und Dirk von Lowtzow singt besser denn je. Tocotronic weben mit am fliegenden Teppich des intelligenten Rock Ende der Neunzigerjahre. Das Lied "Die Grenzen des guten Geschmacks, Teil 1" etwa klingt wie ein Echo auf den Blur-Song "Bugman", was umso schöner ist, als die Hamburger Aufnahme längst im Kasten war, als "13" von Blur erschien. Überhaupt haben "13" und "K.O.O.K" einiges gemeinsam: Beide Alben sind sperrig, folgen keiner Dramaturgie des Hineinführens, des Hochplateaus und des Ausplemperns, sondern leben nach viel komplexeren Abläufen. Und man muss sie sich oft anhören, um die musikalischen Bezüge mitzukriegen.
Mit "Erwachsenwerden", wie fast alle Kritiken anführten, hat das nichts zu tun. Überhaupt ist dies eine untaugliche Kategorie, bleibt sie doch genau an der Rückseite des "Jugend"-Etiketts kleben, von dem sie sich eigentlich abheben will. Wie soll man sich das denn vorstellen? Drang bisher die Jugendlichkeit osmotisch durch Magenwand und Fingerkuppen in Dirk von Lowtzows Schreibgriffel? Und in die Drumsticks von Arne Zank? Aufs Bassgriffbrett des Jan Müller? Und jetzt, wo sie erwachsen sind, dringt halt das Erwachsene durch die Poren und lagert sich ab im musikalischen Schaffen? Das dünkt uns doch alles reichlich naiv und Authentizitäts-Huberisch gedacht. Und warum machen die Millionen erwachsener Bands denn nicht mehr als ein paar Hand voll wirklich guter Platten im Jahr?
Auch Rockmusik hat schliesslich mit Konzepten, mit Hirnarbeit, mit Ideen zu tun. Hinter "K.O.O.K." steht ein veränderter Wunsch, nicht einfach die biologisch-soziale Weiterentwicklung; es steckt Gebastel dahinter, Tüftelei. Das Album ist drei grossen Köpfen mit Sound-Erinnerungen entwachsen, mit Rocker-Sozialisation, die sich nun zitieren und frei kombinieren lässt mit neuen, eigenen Ideen. Und wenn man denn unbedingt so will: Nach dem ziemlich eruptiven Tocotronic-Urknall 1994/95 mit den 28 Songs der ersten zwei Platten waren bereits die letzten zwei Alben "erwachsene", durchdachte Werke; das Konzept war einfach noch ein anderes.
Und nun reden wir halt doch von deutschen Texten. Auf der aktuellen Blumfeld-Platte "Old Nobody", über deren Sprache sich Deutschlands Popintelligenz Anfang Jahr die Hirnzellen zerfrass, kommt den Worten primär der Stellenwert einer Beweisführung zu. Die Songtexte sollen etwas zuvor Konzipiertes exemplifizieren, demonstrieren, durchexerzieren. Sie sind Belege für das, was Songwriter Jochen Distelmeyer mit der Platte sozusagen "inhaltlich" wollte. Auf "Ich-Maschine", dem Blumfeld-Debüt, war das ähnlich gewesen, nur in den besten Songs von "L'Etat et Moi" von 1994 konnte die sprachliche Ebene diesen Herleitungscharakter überwinden, zugleich eine Idee kristallisieren und ihr als poetische Form einen Zusatzantrieb verleihen. So etwa, wenn Distelmeyer Walter Benjamins These einer Wirklichkeitsaneignung im Moment der körperlichen Bewegung zu den schönen Zeilen verdichtete: "Eine eigene Geschichte / aus reiner Gegenwart / sammelt und stapelt sich / von selbst herum um mich / während ich durch die Gegend fahr." Auf "Old Nobody" jedoch vermisst man solch funkelnde Stellen fast völlig.
Und bei der Band Die Sterne, ebenfalls aus Hamburg und ebenfalls mit einer neuen Platte am Start, kommen die Songs ohnehin allzu oft als mehrdeutig unentschiedene Auswahlsendungen daher. Je mehr Lieder von den Sternen man kennt, umso unangenehmer beschleicht einen das Gefühl, dass das Intellektuelle, das reflektierend Distanzierte hier einfach geschickt kalkuliert durch die Gegend blinkt. Da heisst die neue Single gerade jetzt, wo alles in die neue Hauptstadt drängt, "Big in Berlin" und hört auf den Refrain "Wir sind viele, und wir sind zu zweit / wir sind big in Berlin tonight." Natürlich reitet Sänger Frank Spilker im Videoclip wie ein Don Quichotte im Glitzerkleid auf seinem Gaul durch die Urbansahara. Aber so ganz wird man den Verdacht nicht los, dass hier die Distanzierung vom 99er-Berlin-Schick primär Alibi ist, um eben doch einen Berlinsong zu machen, der so beliebig nutzbar ist, dass er von den Neuankömmlingen auch zur Hymne umfunktioniert werden kann: "Wir sind viele, und wir sind zu zweit /wir sind big in Berlin tonight". Verkauft sich sicher gut.

In Sachen Enthaltsamkeit

"K.O.O.K." ist da jenseits jeder Anfechtung. Tocotronic haben genau jene Elemente über Bord geworfen, die sie in den vergangenen vier Jahren schnurstracks an die Spitze des deutschen Indierock getragen haben. Was die Weiterverwertung der bisherigen Erfolgsrezepte angeht, ist "K.O.O.K." eine Übung in Sachen Enthaltsamkeit. Seit dem Erstling "Digital ist besser" mit seinen achtzehn Songs von meistens ca. 130 Sekunden Länge galt die Band als Generalvertretung fürs deutsche Jugendgefühl. Die frühen Texte waren Befindlichkeitsbeschreibungen mit Slogan-Gehalt. Songtitel wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Samstag ist Selbstmord" oder "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" wurden zu vielzitierten Losungen, die drei bleichen Hamburger zu Sprachrohren ihrer Generation verklärt. Bei Konzerten trampelten sich Teens und Twens auf den Füssen herum und sangen die Texte lauthals mit. Musikalisch bewegte man sich zwischen hingebretterten Punknummern, melancholischen Balladen und Hymnen en miniature. Das überbordende Mass an Identifikation wurde der Band schon bald unangenehm, sie tat alles, um dem eigenen Ausverkauf zu entgehen. Vier Alben lang versuchte das Trio, weiterzukommen und sich dennoch treu zu bleiben. Ein schwieriges, doch in diesem Fall erfolgreiches Unterfangen. Das originelle an Dirk von Lowtzows Stil war in diesen fünfzig frühen Songs eine sehr charakteristische Behandlung des Erzähl-Ichs, der Einbau von Worten, die zuvor noch nie in einem deutschen Popsong zu finden waren (vom Tanztheater über die Gartenarbeit bis zum Pullunder und zu den Housemusic-Theorien), ein Hang zur zeilenübergreifenden Verschraubung (". . . Bier trinken / mit deinem Vater / mit deiner Mutter / über Musicals reden / und mich / beliebt machen"). Und natürlich eine goldene Nase für die Skurrilitäten des Alltags, gepaart mit einem wohlgepflegten Drang zur radikalen Verweigerung, über deren Vergeblichkeit - weil man ja trotzdem ankommen will bei andern - man sich indes keine Illusionen macht. Das kulminierte dann in einem Songanfang wie dem folgenden: "Auf der Strasse denken Leute, wie sieht der denn aus /Dass Leute doof sind, setz ich als bekannt voraus / In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt / In einer Gesellschaft wie dieser bin ich nur im Weg / Denn digital ist besser / für mich." Das hatte in den Jahren der Pop-Swatch-Farbigkeit einfach Klasse, war für unzählige Deutsch sprechende Jugendliche ein Soundtrack fürs eigene Heranwachsen, es war im German-Pop-Eintopf ein neuer Ton.
Und es hängt den drei jungen Männern von Tocotronic mittlerweile etwas zum Hals hinaus. Im Interview mit Sebastian Wehlings sagten sie dazu: "In gewisser Weise ist dieses Album auch eine Reaktion darauf, was wir die letzten Jahre auf unseren Konzerten erlebt haben. Wovor man Angst hat, ist, dass die Leute nicht mehr kommen, um sich die Musik anzuhören, sondern nur noch, um einen "geilen Abend" zu haben. So wie man zum dreihundertsten Mal in die "Rocky Horror Picture Show" geht, nur noch Reis schmeisst und sich gar nicht mehr den Film anguckt. Wir wollen keine Band werden, die einen Spasskulturabend ausrichtet." Folgerichtig haben Tocotronic die letzten zwei Monate dazu genutzt, in bestuhlten Theatersälen aufzutreten und den Fans das neue Material vorzuspielen, das noch niemand kannte. Da brüllt wenigstens keiner mit.

Das Echo der Verlorenheit

Die Texte, die Dirk von Lowtzow nun für "K.O.O.K." geschrieben hat, sind experimenteller, vager, aber poetischer als die früheren. Viele sind verrätselt, doch sie gefallen sich nicht in einer Geste, wollen sich nicht geheimnisvoll machen, sondern fördern poetischen Mehrwert zu Tage. Hier echot die Verlorenheit aus so mancher Zeilenfolge, fliessen die Worte in ganz normale Alltagsbeschreibungen, die durch den Sprachduktus indes etwas Entrücktes bekommen. "Wir warn ein Team / alles erschien / uns wie für uns gemacht / Unsre Sofas und Regale trugen Namen solcher Menschen / die uns beiden nahestanden / und die irgendwann verschwanden / oder uns nicht mehr erkannten." oder auch ganz anders, etwa im Stück "Die neue Seltsamkeit", das inspiriert ist durch den Film "The Ice Storm" und davon, wie der taiwanesisch-amerikanische Regisseur Ang Lee darin fast nur feinstofflich spürbare Veränderungen der Lebensumstände beschreibt. "Man sagte mir, es sei so weit / es komme eine neue Zeit / und alles, was bis jetzt noch war / sei dann auf einmal nicht mehr da / und noch bevor der Morgen graut / werden vereinzelt Stimmen laut / dass man sich zwar nicht sicher sei /doch man sei auf jeden Fall dabei . . ."
In den neuen Liedern geht es nicht mehr primär um die Message, sondern um ein Ineinandergreifen von Atmosphäre, Textsinn und freistehender Metaphorik; weg vom Linearen, hin zu einem gegenseitigen Verschlingen von Musik und Worten. Daher passt für einmal auch die englische Bezeichnung "Lyrics" besser als das deutsche "Songtext", denn "Lyrik" kommt dem Wortbegriff nach von "das zur Lyra (Leier) Gesungene". Bei Dirk von Lowtzow ist die Lyra halt eine E-Gitarre.
Die ganz grosse Stärke von "K.O.O.K" ist die Tatsache, dass die musikalische Ebene die Texte auf sehr feinsinnige Weise aufgreift, den Charakter des kontinuierlich leicht Verschobenen im beinahe Repetitiven hervorhebt. Dies ist eine zeitlose Platte. Es geht nicht mehr um Slogans und individuell zuordenbare Befindlichkeiten wie auf den früheren Tocotronic-Alben. Hier wird grundsätzlich Menschliches, existenzielles Befragen in Worten und Tönen abgehandelt, die es aus dem 99er-Rock-Kontext herauslösen. Und, Entschuldigung für die Kleberei an den Texten: Zugleich klingt die Platte einfach erstaunlich, wenn man sich auf sie einlässt. Oder wie Thomas Gross, der Musikkritiker der "taz", Ende Mai an einem Berliner Biertisch meinte: "Es ist halt einfach ein richtig gutes Rockalbum geworden!"

Quelle: Tagesanzeiger Juli 99

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