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Vielen Dank an Martin, von dem wir diesen Artikel übernehmen durften.

Bist du ein Tocotronic?

Kommentar des Textabtippers:
Der Schreiber dieses Textes hat in gewohnter Visions-Manier etwas gegen Tocotronic und glaubt, er sei ein sehr subtiler Ironiker, indem er wie ein Kinderbuchautor schreibt und somit eine Aussage über das Zielpublikum der Band trifft. Die Absicht scheitert, man findet nach der Lektüre nicht Tocotronic beschränkt, sondern den Schreiberling. Neubacher war trotzdem 1996 für mich stilbildend, als dies der erste lange Beitrag war, den ich über Tocotronic hatte. Fragmente und syntaktische Strukturen daraus kommen noch heute in meinen Briefen und Aufsätzen vor.

Bist du ein Tocotronic?

In Hamburg fällt man mit Cordhose und Reklame-T-Shirt nicht weiter auf, wohl aber in anderen Städten. Es ist gut, wenn man Texte singt, die von einem selbst handeln. Überhaupt kann jeder schöne Stücke schreiben. Man muss nur "G-Hm-Dm-C-G-Dm-F-C-Am-Em" mit den richtigen Pausen dazwischen spielen und dazu "Letztes Jahr im Sommer" singen. Im Grunde kann jeder ein Tocotronic sein.

Mark E. Smith ist ein toller Kerl, findet Dirk. Mark E. produziert Platten, die sich kaum voneinander unterscheiden. Dirk findet es gut, wenn eine Band sich nicht groß verändert und macht, was in der Werbung vor Arabella gewürdigt wird, mit "bürgt für Qualität". Das merkt man auch an der dritten Tocotronic-Platte, die Dirk, Jan und Arne innerhalb von vielleicht 13 Monaten aufgenommen haben.
"Du magst unsere Platte nicht?" fragt Dirk. "Dabei haben wir uns sehr verbessert." Ausgefeilte Arrangements. Tolle Texte. Noch mehr Texte auf einer einzigen CD. Noch weit mehr Gitarren-Soli als zuletzt. "Eigentlich komm‘ ich ja vom Jazz", sagt Dirk.
Kein Zweifel: Tocotronic geht es zur Zeit sehr gut. Zum ersten Mal dürfen sie auf Tournee gehen, ohne mindestens vier andere Bands im Package und ohne Interviews nebenher. Sie werden tagelang durch Deutschland gefahren, sogar bis nach Leipzig, sitzen in Cafes herum und dürfen in schönen Frühstückshotels am Kudamm übernachten. Der Seifenhalter im Hotelzimmerbad hat Muschelform, der Teppichboden ist rot und die Polstermöbel auch. Vor allem Jan hat sich sehr dekorativ hingesetzt. Weil er braune Hosen trägt und eine blaue Trainingsjacke, ist er im Sessel gut zu erkennen. Das macht der Kontrast.
Manche sagen, Tocotronic machen Schlaumeiermusik. Das liegt vermutlich daran, dass Christoph Gurk in der ‚Spex‘ der erste war, der sie besprochen hat. Jan, Dirk und Arne sind jedenfalls schlau. Sie studieren größtenteils Jura und haben die meisten Scheine bereits gemacht. Dirk schreibt Texte, die Germanisten gut gefallen. Aus dem Textzusammenhang gelöst ist eine Textzeile wie "Jeden Morgen geh ich ins Bad und wasche mich" natürlich scheiße. Ungefähr so, wie "Sexy, ich würde alles für dich tun". Aber im Ganzen ist "Jeden Morgen" dann doch viel schlauer als "Sexy".
Dirk schreibt manchmal auch Sätze, die ganz ohne Zusammenhang toll sind. "Meine Freundin und ihr Freund", oder "Du bist ganz schön bedient". Die neue Platte heißt "Wir kommen um uns zu beschweren", und das ist auch so ein Satz, der für sich genommen großartig ist. Ich weiß eigentlich nicht genau, warum das so ist. Vielleicht, weil es ein erweiterter Infinitiv ist, bei dem das Komma vergessen wurde. Vielleicht, weil Dirk nie "man" sagt, sondern immer "du", "ich" oder "wir" und "ihr". Tocotronic-Texte sind eigentlich nicht eingängig. Außerdem sind sie aufgrund der schlechten Produktion auf allen drei Platten nur schwer zu verstehen. Und trotzdem ist es selten, dass Dirk bei Konzerten allein singen darf. "Samstag ist Selbstmord" kann man prima mitsingen. Dabei, das muss ich zugeben, habe ich bei "Hamburg rockt" immer "Tabakhände" verstanden und mitgesummt und nicht "Gitarrenhändler". Dirk kriegt manchmal einfach nicht die Zähne auseinander.
Wenn Dirk ein neues Stück geschrieben hat, ist er ziemlich nervös. "ich rede nicht gern über das, was ich meine", sagt er. "Es ist mir sehr unangenehm, wenn ich Jan und Arne etwas vorspielen muss, was sehr persönlich ist. Später auf der Bühne habe ich damit aber kein Problem. Dann hat das Lied so viele Veränderungen und Verfremdungen erfahren, dass es einfach nur noch ein Lied ist." Dennoch: Über Texte reden mag Dirk nicht. "Ich finde es doof, Sachen zu erklären. Ich meine, die Gedanken sind manchmal ja schon ein bisschen verquer. Man raubt ihnen den Charakter, wenn man das erklärt." Jan, der Bassgitarrist, findet das auch. "Manchmal ist weniger eben mehr", sagt er und gibt sich damit als einer zu erkennen, der den Ernst des Lebens bereits begriffen hat.
Jan könnte auch als Model Karriere machen. Auf all diesen schlecht belichteten und verwackelten Polaroid-Bildern sieht er ziemlich gut aus. Außerdem guckt er nie in die Kamera, sondern immer ein bisschen verschämt zur Seite. Vielleicht, weil er auf der einen Seite einen fiesen Furunkel hat, habe ich zuerst gedacht. In Wahrheit hat Jan natürlich keinen Furunkel. Er findet es nur gut, so etwas wie ein Markenzeichen als Weggucker zu haben. Ein bisschen Weltschmerz und –vergessenheit.
Außer an seiner Bassgitarre spielt Jan regelmäßig an Plattentellern herum und legt Sachen auf, die nach Möglichkeit mit "S" anfangen: Soul, Surf, Sixties, Synthie. Und Shelter, weil es verdammt wichtig ist im Leben, wenn irgendwer an irgendwas glaubt. "Spackomat Sound System", nennt er sich als Plattenaufleger. Obwohl: Er hört auch andere Sachen. "Einen schönen Dixie mal", sagt er. Das mit Shelter sei übrigens ernst gemeint. Jan hat immer Probleme mit Drogentypen gehabt, sagt er. Dann gab es auf einmal Leute, die cool aussahen und tolle Musik machten, aber nicht nur ständig vom Saufen faselten. "Minor Threat, Youth Of Today - tolle Bands. Vor allem, weil man sich über die natürlich auch kaputtlachen kann. Bands sind gut, wenn sie nicht immer ganz ernst genommen werden müssen. The Who, weil Keith Moon Schlagzeug spielt. Dinosaur Jr., weil sie völlig bescheuerte Gitarrensoli machen. Auch Chuck Berry ist toll. Ohne Chuck Berry säßen wir heute nicht hier."
Wie Jan legt auch Arne Platten auf, aber in erster Linie für sich selbst. Wenn er Lust hat, lässt er ab und an den Kassettenrecorder mitlaufen und verteilt das Ergebnis unter der Arbeitsbezeichnung "Die Mehrheit will das nicht hören, Arne". Arne ist bestimmt der wahrste Tocotronic. Er sagt wenig, redet in Halbsätzen ohne Prädikat und macht trotzdem die besten Witze von allen Dreien. Eigentlich macht er nichts anderes. Auf der Bühne darf er dummerweise fast nur Schlagzeug spielen. Tocotronic sind klasse, weil sie die einzige Band sind, die es sich leisten kann, einen wie Arne bloß Schlagzeug und manchmal Gitarre und Casio-Orgel spielen zu lassen.
Dirk hingegen darf praktisch alles. Auf der Bühne singen, zum Beispiel. Und Stücke schreiben. Dirk hat die Gnade der späten Geburt. Er darf sich als politisch links einordnen, ohne pflichtschuldig für jedes Antifa-Benefiz-Konzert herbeispringen zu müssen. Er darf sagen, dass "Knast" und "Bullen" doofe Begriffe sind, die die Älteren ausgelutscht und abgestempelt und in Schubladen geworfen haben. Natürlich sind auch Tocotronic schon mal für Dinge aufgetreten, die einige für gute Zwecke halten. Sie waren sogar bei einem "Vorwärts-Polit-Fest" in Zürich zusammen mit Franz-Josef Degenhardt. Trotzdem sind ihnen solcherlei Veranstaltungen suspekt. "Wenn du dir ständig auf die Schultern klopfst", sagt Jan, "bei ‚Live Aid‘ oder ‚Fuck Chirac‘ oder so ein Scheiß, dann bist du irgendwann nicht mehr glaubwürdig."
In Hamburg hat man mit einer solchen Einstellung zum Glück nicht allzuviele Probleme. Keiner würde erwarten, dass sich Blumfeld zwischen Bap und Grönemeyer einreihen. Es ist nicht schlimm, frauenfeindliche Witze zu machen, wenn man sie nicht bloß Männern erzählt. In diesem Sinne ist Hamburger Schule ganz gut.
Statt flammender Reden wider den Schweinestaat schreibt Dirk seltsam verschlungene Geradeaussätze wie "Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst" und darf Backgammonspieler, Tanztheater und Fahrradfahrer hassen. Die hipste Form der Unkorrektheit seit dem Schokoladenonkel von Max Goldt. Tennisspielen hingegen fände er gar nicht so schlimm. "Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren", heißt ein Lied. "Mit zwölf oder so war ich mal im Tennisverein", sagt Dirk. "Meine Mutter hat gesagt, es ist gut, Sport zu machen, auch damit man Kontakt zu anderen Leuten bekommt. Ich wüsste schon gerne, was passiert wär, wäre ich damals im Tennisklub geblieben. Ich hätte andere Leute kennengelernt, als ich kennengelernt habe. Ich wäre vermutlich ein ganz anderer Mensch geworden."
Gitarre spielen kann Dirk eigentlich nicht so gut. Sein Repertoire umfasst etwa neun Akkorde, Barré-Griffe sucht er konsequent zu vermeiden. "Alte Hüsker Dü-Schule", nennt er das und macht sich seinen mühsam erarbeiteten Dilettanten-Charme beinahe wieder zunichte. Dirk macht nicht den Eindruck, als sei er überhaupt je in einer Schule gewesen. Lesen konnte er bestimmt schon mit drei Jahren. Tocotronic sind Teil ihrer eigenen Jugendbewegung. Und Dirk ist schon lange nicht mehr in der ersten Klasse, sondern eine Art Lehrer. Wenn auch nur fürs Proseminar. Aber ins Hauptstudium wollen sie vielleicht auch nicht. Nicht dahin, wo Blumfeld sind.
"Wir mögen Blumfeld", fällt Jan dazwischen. "Und die Sterne, Mutter, Captain Kirk &. Finden wir alle toll. Vor allem die Sterne." Was Tocotronic von ihren Freunden inzwischen unterscheidet, ist ihre Mehrheitsfähigkeit innerhalb der Masse, die sich für eine unterrepräsentierte Minderheit hält. In Köln sollen sie im Luxor spielen, werden vermutlich aufgrund des Andrangs doch in der Live Music Hall auftreten müssen. Tocotronic machen Frühstücksmusik für Vierer-WGs in Schöneberger Altbauwohnungen.
Tocotronic gefielen meiner 13jährigen Schwester, wenn ich ihr nur endlich meine Platten leihen würde. Bis heute biete ich vergeblich den Wahlausweis von Fear Factorys Burton C. Bell, ein Selbstportrait von Life Of Agonys Joey Z. sowie zwei Paradise Lost-Rubbeltattoos (samt und sonders gestohlen beim letzten Dynamo-Festival in Eindhoven) zum Tausch gegen ein einziges T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein". Zwar hat mir meine Ex-Freundin Julia den Satz irgendwann mit Textilfarbe auf ein Hemd geschrieben, aber das ist irgendwie nicht dasselbe. Tocotronic finden alle toll. "Bei unseren Konzerten sind Teenager da und Twens auch", pflichtet Jan bei, "und Stagediver."
Das Problem: Tocotronic haben eigentlich keine Zukunft. Kaum einer kann ernsthaft daran glauben, dass schlecht gemachte und übellaunig produzierte Rockmusik länger trägt als ein weiteres Jahr. In einem Jahrzehnt, soviel ist sicher, wird man den Namen Tocotronic mit einer gewissen Ehrfurcht im Munde führen. In der Zeit dazwischen allerdings könnte es gut sein, dass man ihn vergisst. Praktisch alle Stücke auf "Digital ist besser", "Nach der verlorenen Zeit" und jetzt auch auf "Wir kommen um uns zu beschweren" sind beliebig gegeneinander austauschbar – Soli hin, Orgel her. Nichts kommt unerwartet. Die Bilder im Booklet sind überall gleich beschissen, bloß das Papier ist irgendwie fester und glänzender geworden. An den rotgeränderten Kaninchenaugen vom Blitzlicht, am fettglänzenden Spiegel auf Arnes Brille und an der scharfgestellten Pattex-Dose inmitten verschwommener Cordhosenbeine ändert das nichts. Arne trägt noch immer keine Kontaktlinsen. Nichts fließt.
"Ach, Scheiße", sagt Dirk. "Wir sind experimentierfreudiger geworden." Manche Stücke sind länger. Andere kürzer. Und schon heute sei die Produktion des vierten Albums in Vorbereitung, mit Streichern, F.M. Einheit am Mischpult, ein Dreifachalbum natürlich. Mit Konzept. Menschen. Tiere. Sensationen. "Wollen wir das?" fragt Dirk. Natürlich wollen sie das nicht. Tatsächlich sind auf "Wie kommen..." nur zwei alte Stücke: "Der Cousin" und "Schritte auf der Treppe". Der Rest ist neu. "Wir sind eben schnell", erklärt Dirk. "So manches Arrangement geht uns gut von der Hand."
Immerhin: Drei Alben haben sie schon geschafft. Die Erde haben sich bereits nach zweien aufgelöst. Das macht Hoffnung. "Wir sind ja jetzt bei der Industrie", sagt Jan. "Geknebelt und geknechtet. Wir dürfen nix mehr sagen und müssen nur noch Platten abliefern, Singles auskoppeln und Videos drehen." Nach "Digital ist besser" sei das übrigens einfacher gewesen: Alle Stücke waren gleich lang. Von der neuen Platte hingegen bringt lediglich "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" alles Notwendige mit, um als Single gewürdigt zu werden. Das Wichtigste: Man kann es prima nachspielen. "G-D-E-C-E-D-E-H-A-C" diktiert Jan, während ich gerade auf dem Klo bin und den muschelförmigen Seifenhalter verschmiere. "Das mit Moll und Dur kriegt ihr ja selber `raus, liebe Leser." Tocotronics sind eben großzügig. Ein Tocotronic darf jeder sein.

Vier quadratische Fotos von Tocotronic vor blauem Wandteppich
Bildunterschrift: Tocotronic im Polaroid-Wahn. Da sie keine Lust auf eine Photo-Session mit unserem Fotografen hatten, schickten die Band uns kurzerhand selbstgemachte...

Quelle: Neubacher, Alexander: Bist du ein Tocotronic? In: Visions 05/96 (Mai 1996), Seiten 62-64

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