tocotronix.de Es sind 18 Freaks online.
blank blank blank slides slides slidesblank
Fast-Überfordertsein
Mit freundlicher Genehmigung von Conne Island.

Gibt es den idealtypischen Tocotronic-Fan?
Natürlich nicht.


Aber ein Klischee von ihm existiert nicht nur in meinem Kopf. Der männliche sieht äußerlich so aus, als wurde er von seinen Eltern zu einer veganen Lebensweise gezwungen und ihm gleichzeitig jede sportliche Betätigung verboten. So hat sich ein wenig der Babyspeck bis ins hohe Alter von 18 bis 22 Jahren gehalten. Der weibliche Fan zeichnet sich dadurch aus, daß er noch nie schlechtes auf dieser Welt erlebt zu haben scheint – außer, daß der Freund mit ihr Schluß gemacht hat, und zwar schon nach 14 lebenslangen Tagen.
Kleidungsmäßig darf von beiden Idealtypen nichts ladenneues getragen werden, weil in den verkaufsfrischen Klamotten noch kein abgetragener Weltenschmerz sich verfangen hat. Und außerdem läßt sich mit den zweite Hand-Klamotten besser am Lagerfeuer rumlungern und das gesparte Geld für neue Kleiderei in wunderschöne Holzklampfen investieren – der eigenen Romantik-Verliebtheit und Selbstfindung wegen.
Der Fan von Tocotronic pflegt ein ungeklärtes Verhältnis zur Autorität. Er lehnt sie ab, weil er sie im Alltag übersieht – und sie ihn in aller Regel auch. Bei Toco-Konzerten aber treffen beide aufeinander. Die Autorität in Form der Einlaßkräfte oder Security und die Tocotronic-Fluffe im Tiefenrausch mit sich selbst. Wie ferngesteuert offenbart sich der Toco-Fan als treue untertänige Seele. Aufgefordert vom Ordnerdienst, nicht dies und auch nicht das zu tun, nicht dort ‘rumzustehen, zu -sitzen oder zu -liegen und so weiter und so fort, verliert sich jede Regung vom Anders-Sein im autoritären Charakter des idealtypischen Fans: Der Fan macht ohne Umschweife das, was ihm geheißen. Er murrt nicht, pöbelt nicht und tickt schon gar nicht aus.
Es kommt nun unausweichlich die Frage, was die Toco-Fans denn eigentlich wollen. Nur-so-da-sein-für-die-Band? Für’s Rum-Geningel? Für Nischt? Am Ende weiß man’s nicht.
Das einigende Band von Band und Anhängerschaft ist wohl das Fast-Überfordertsein vom alltäglichen Leben. Darum ging es Tocotronic jahrelang. Und das besangen sie nicht nur, sondern so sind die Drei von der Band auch. „Dumm waren sie nie“, schreibt Drehli Robnik im Beiheft zum neuen Produkt „K.O.O.K.“, „und ihre Klugheit wurde oft unterschätzt (...)“. Sie bestand nicht zuletzt darin, daß Tocotronic in ihren Texten den Haß auf den Alltag zelebrierten. Jenen Haß, der sich mentalitätsbedingt als mutmaßlich für den Ellenbogen-Kapitalismus nicht gemacht aufstaut. Die „markenhaften Haß-Songs“, so besagter Drehli Robnik weiter, machten jedoch auf „K.O.O.K.“ einer „‘neuen Seltsamkeit’“ Platz, die „eine neue umfassende Ohnmacht konstatiert – nachdrücklicher als die vorigen Platten und gerade darin politisch“. Laut Robnik stellte diese „Einsicht in die Ohnmacht im Kontrollkapitalismus (...) zumindest die Machtfrage“. Und das sei „nicht wenig“. Damit hat er Recht. Allerdings nur, wenn ich den Maßstab eben nicht bei den Mentoren Tocotronics wie Jochen Distelmeyer von Blumfeld anlege, sondern an Kosumentenmassen von groß-größer-am größten Musikfestivals. Nicht zuletzt haben die Tocos selbst ihre eigenen Maßstäbe gesetzt. Das Ding mit der VIVA-Preisverweigerung, wo sie als beste National-Band mißbraucht werden sollten, wirkt schließlich fort. Aber vergessen werden darf nicht, daß gerade aus solchen Schlapppen für die Mediengiganten genau jene die Lehren gezogen haben: Inzwischen gibt es VIVA 2 zu einem großen Stück als TV-Format für die Käufer- und Hörerschicht (auch) von Tocotronic-Zeugs. Und alle Welt denkt, dieser Sender da sei korrekt, weil er die „gute“ und „bessere“ Musik spielen würde. Dabei ist er nichts weiter als eine Produkt der Marktentwicklung. Das Zielgruppen-Segment Alternative bringt spätestens seit dem Mord an Kurt Cobain so viel Profit, daß es sich bei weitem lohnt, der Zielgruppe inzwischen einen ganzen TV-Kanal vor die Augen, Ohren und Portemonaies zu setzen. Die Frage ist, ob Tocotronic in der Single „Let there be Rock“ genau diese Veränderung meinen, wenn sie da singen: „Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität“.
Drehli Robnik schreibt abschließend: „Bei Tocotronic funktioniert Philosophie ohne genialische Würden und Autorität von Weisheit, als Teil eines Universums aus Rockpop und warmem Bier“. Ich bin mir da nicht so sicher, ob sich vielleicht am Ende die Band-Philosophie nicht viel mehr um „Rockpop und warmes Bier“ dreht, denn um den beschissenen kapitalistischen Weltenlauf – und sei es eben gerade nur der des Alltags mit all seinen materiellen und anderen Sachzwängen. Ralf

Quelle: CEE IEH #59

rubrikenzitat News
Tourdaten
Diskografie
Texte
Tabulatur
Mailingliste
Chat
Forum
Flohmarkt
Umfragen
Tour-O-Grafie
Bilder
FAQ
Lesezeichen
Downloads & Ulk
Dig. Postkarten
Links
Team
Kontakt
Disclaimer