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Winseln und Knödeln
Vielen Dank an Martin, von dem wir diesen Aufsatz übernehmen durften.

Winseln und Knödeln

POP Das Hamburger Trio Tocotronic hat schon wieder ein neues Album fertig. Die drei Jungs sind noch immer pubertär und krachig - das nervt zwar, aber es ist gut so.

Die neue CD der Hamburger Band Tocotronic enthält 16 Titel. Sie heißt "Wir kommen um uns zu beschweren", und das ist noch relativ sozial gedacht. Denn in den einzelnen Songtiteln kommt zehnmal das Wort "ich" vor, noch fünf weitere Male "mich", "mein" und so fort. Die letzten sechs Lieder auf dem Tocotronic-Silberling beginnen überhaupt alle mit "ich". Zum Beispiel "Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren" (na ja, wenn's sein muß), "Ich möchte irgend etwas für dich sein" (ja, bitte!) oder "Ich werde mich nie verändern" (Hilfe!). Wie wahr, Veränderung ist nicht die Sache von Tocotronic. Immerhin, die drei Jungspunde aus Hamburg haben es in etwas mehr als einem Jahr auf einen stolzen Output gebracht. Ganze drei Alben mit 44 Songs waren zu verzeichnen, dazu kommen noch diverse kleinere Formate. Den Schwamm auspressen, solange er noch naß ist? Solange der Schmäh noch zieht?

Nein, soviel Berechnung möchte man Tocotronic auch wieder nicht zutrauen. Obwohl die Sache mit der schamlosen Ich-Bezogenheit schon wieder so kokett ist, daß sie einem nicht "passieren" kann. Aber Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank ist es ernst mit ihrer unschuldigen Pubertätsmasche. Motto: Die Jugend ist unser Kapital, und deshalb haben wir nicht viel Zeit - "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" heißt deshalb auch ein Stück auf dem neuen Album, in dem der drohende Abschied von den wonnigwirren jungen Jahren schon vorbeugend beklagt wird. Tocotronic sind naiv, unreif und altklug zugleich, aber sie meinen es so.

Und diese Bekenntnisse zu jugendlicher Konfusion fallen auf mehr als fruchtbaren Boden. Als Tocotronic im Herbst 94 von den Hamburger Indie-Stars Blumfeld mit auf deren Tour genommen wurden, kannte sie noch kein Schwein. Inzwischen haben sie ihre vormaligen Gönner in puncto Popularität zumindest eingeholt. Leicht entsetzt nahm deshalb auch die Redaktion eines hier nicht selten erwähnten deutschen Musikmagazins zur Kenntnis, daß es auch dem aufgeschlossenen Musikhörer von heute offenbar "bitter ernst" mit der Begeisterung für die Hamburger Band ist, und argwöhnte darauf: "Werden Tocotronic die Toten Hosen der späten Neunziger?" Die neue CD wurde im übrigen in Kooperation mit der Polydor-Tochterfirma Motor Music veröffentlicht, was nach jeweils über 10.000 verkauften Einheiten von den letzten Platten nicht mehr allzu überraschend kam.

Allfällige Ausverkaufsverdachtsmomente wollen sich aber nicht einstellen. Gerade weil Tocotronic trotzig an ihrer bewährten Erfolgsformel festhalten, und die ist sicher nichts für den musikalischen Feinspitz. Da schrammeln und krachen die Saiten - Verzerrer ein, Verzerrer aus -, es poltert das Schlagwerk, und Sänger Dirk winselt und knödelt, daß es eine Freude ist. Ganz schöne Katzenmusik. Aber die singende-klingende Jugend muß wohl so daherkommen, scheppern, rasseln und ein bißchen dumm klingen. Auch bei den bevorzugten Themen ihrer Lieder bleiben Tocotronic beinhart auf Linie. Neben den unentwegten Einordnungs- und Zuordnungsversuchen der eigenen Person und der schmerzhaften Konfrontation mit dem Großen Ganzen ("Die Welt kann mich nicht mehr verstehen") werden immer wieder gerne Grußbotschaften an internationale oder lokale Musikerkollegen ausgegeben ("Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith", "Die Sache mit der Team Dresch Platte"), und zu guter Letzt muß natürlich klargestellt werden, was und wen man jetzt wirklich letztklassig findet. Nach der Abrechnung mit der Zunft der Gitarrenhändler heißt es nun also "Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst". Dabei geraten Tocotronic selbst oft gefährlich nahe an eine noch einzuführende Sparte namens Indie-Pop-Kabarett heran.

Es gibt wohl genügend gute Gründe, um Tocotronic ätzend zu finden und nicht weiter ernst zu nehmen. Aber als wirksames Gegengift zu jeder Form von "ernsthafter" Popmusik funktionieren ihre Songs eben doch, und das hat man manchmal bitter nötig. Frechheit siegt, und einmal geht's noch!

Quelle: Duller, Chris: Winseln und knödeln. In: Falter. Stadtzeitung Wien 12/96 (20.3.1996), Seite 23

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