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Tocotronic - eine eigene Geschichte
Mit freundlicher Genehmigung von knaartz.

Tocotronic - eine eigene Geschichte

von Thomas

Es muss wohl im Frühjahr 1995 gewesen sein, "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung" schreiend fuhr ich durch die Orte, die mir in diesem Augenblick nicht annähernd so fremd erschienen sind, als noch Tage zuvor. Es mag wohl sicher auch am allseits beliebten mawetter gelegen haben, dass ich Stärke in mir spürte, wo vorher noch Verzweiflung meine Entwicklung bestimmte. Doch zumindest die ständig gewollten Stimmungswechsel zwischen Melancholie und dem Freiheit fühlen sind mit einem einzigen Wort zu beschrieben: Tocotronic.
Hier bahnt sich etwas Grosses an, dachte ich, und zum ersten mal bin ich dabei, mittendrin. Denn das, was damals die drei Anafangzwanziger auf Platte pressten, war nicht nur die wohl aufregendste deutschsprachige Veröffentlichung aller Zeiten, sondern, und um mit den Worten eines Intro-Journalisten zu sprechen, das, worauf viele gewartet haben, ohne dass sie es wussten. Das Publimum der Band (von unverstandenen GymnasiastInnen bis zum Endzeitstudenten) fand in der Energie der Musik und der Texte von Tocotronic das, wozu sie bislang nie imstande gewesen sind, es eben so auszudrücken. Wen stört es da noch, dass es Jan im Proberaum gewesen ist, der "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" sagte. Wahrscheinlich hat Dirk auch noch nie halb drei Uhr nachts ein Lied geschrieben, welches er gleich noch einer Freundin durch's Telefon gesungen hat. Die Idee ist gut, ...
In der Presse las man von Identifikationsfolien, und Second Hand Händler hatten Hochkonjunktur bei Trikot-Shirts und Trainingsjacken, möglichst mit Schriftzügen irgendwelcher Sportvereine, die man sowieso nicht kennt. Das ist natürlich nicht schlimm, das waren nur Nebenerscheinunge. Es war ja auch nicht das erste Mal, dass Popmusik die Mode beeinflusste. Ich schaue mir lieber einhundert Tocotronics an, als kleine Mädchen mit Bon Jovi T-Shirt. Energisch versuchten Tocotronic die in der Presse aufgebauten Erwartungen an die Band zu mindern, was mit der "Nach der verlorenen Zeit" wohl eher das Gegenteil bewirkte.
Die Band wurde Thema. Und nur deshalb konnten Lieder wie "Es ist einfach Rockmusik" oder "Ich bin neu in der Hamburger Schule" entstehen. Letzteres als Rechtfertigung für das, was sie machen. Seltsamerweise gab es (und gibt es vielleicht immer noch) Spex-Redakteure, die meinten, dass aus Hamburg nur Diskursrock kommen dürfe. Tragisch, das. Aber Tocotronic wussten eben wie man sich in solcher Situation zu verhalten hat. Bewusst liess man die eigene Naivität in den Mittelpunkt ihrer Person rücken. In einem Medium wie dem der Musikbranche, wo jeder über alles Bescheid zu wissen scheint, gaben sich die drei unbeholfen und unverstanden und persiflierten damit nicht nur sich selbst. Ich erinnere mich an ein Hamburger Schule-Special von MTV, bei welchem Jochen Distelmeyer in einem perfekten Englisch redete, dass sogar studierten Anglisten die Spucke weggeblieben sein muss. Jan Müller dagegen antwortete auf die Frage der Moderators, worum es in ihren Liedern ginge: "There are some hate songs and some love songs and that's all.". Und auf die Frage zur Definition der Hamburger Schule sagte er: "That's a group of musicians that sid together and drink some drinks and listen to music," und unterstützte dies durch reichlich Gestik. Ich bin mir sicher, dass sich die gesamte L'age D'or Posse Löcher in den Bauch gelacht hat. Genauso ironisch waren die Übersetzungen von "Du bist ganz schön bedient" und "Die Idee ist gut..." ins Englische. Da wurde halt aus "Straciatella oder Nuss" - "Cujamara Split".
Eine eigene Geschichte verbindet mich mit diesem Lakonismus. Denn mindestens genauso empfinde ich heute das, was Tocotronic damals für mich bedeutete: Magenkribbeln. So zum Beispiel an einem Dienstag Ende Dezember 1995. Ich kann mich an keine andere Situation erinnern, in der ich nur annähernd so aufgeregt gewesen sein muss wie an diesem Tag um 23:00 Uhr. Nicht, weil ich fürchtete ein Foto von mir jeden Augenblick via VIVA - WahWah sehen zu müssen, sondern aufgrund der damit verbundenen Ausstrahlung des Videos zu "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk". Näheres: VIVA-WahWah kündigte einen Monat vorher eine Videowunschsendung an, zu welcher Zuschauer in Verbindung mit einem eigenen Foto (Motto: WahWah will seine Zuschauer kennenlernen) einen Videowunsch äussern konnten. Und es war eine Qual bis zum endgültigen Drückens des Aufnahmeknopfes meines Videorekorders. Anbei sei bemerkt, dass sich die Sendung auch aufgrund des Videos zu "Johnny & Mary", ein Robert Palmer Cover von Notwist, lohnt.
Dr. Jürgen Kuttner brachte nicht nur meine damalige Lage in einem Satz auf den Punkt: Tocotronic sind Gott! "Ich werde mich nie verändern" stellte im April 1996 auf ihrem mittlerweile dritten Album "Wir kommen um uns zu beschweren" die entscheidenen Erkenntnis dar: Tocotronic können und wollen nicht anders sein als Tocotronic. Das kann man ihnen vorwerfen oder man lässt es sein, dazwischen gibt es nicht. Für mich hatten die neuen Lieder an Charme verloren, auch wenn Dirk schon ein halbes Jahr vorher meinte, dass Charme nicht alles ist, was eine Musik auszeichnet. Und erst durch diese Platte begriff ich, was Tocotronic meinen, wenn sie singen "Es ist einfach Rockmusik". Am eindeutigsten war für mich "Ich heirate eine Familie". Denn dieses Lied hätte niemals auf eine der vorigen Platten gepasst. Es zeigt viel mehr Reife und noch Bürgerlichkeit als alle früheren Stücke, wo es sich doch gerade gegen die Bürgerlichkeit richtete. Aber diese Gradwanderung zwischen Liberalität und Hass, zwischen Larmoyanz und Antibürgertum machen Tocotronic erst zu einer platitüdenlosen Erscheinung, in welcher abgedroschenes bestenfalls zur Verteidigung der eigenen Attitüde benutzt wird. Der Widerstand der Dilletanten. Zum ersten Mal werden Tocotronic direkt: "Und ohne zu sagen was ich weiss, und ohne zu tun was ich will, und ohne das Wissen meiner Eltern fahre ich dorthin. Ich bin nicht hier geboren, doch es ist mir auch egal".
Die Musik von Tocotronic ist simpel, die Texte sind intelligent, cleverer als auf den beiden Alben zuvor. Bestes Beispiel dafür: "Jetzt geht wieder alles von vorne los". Im ungewohnten Break-Beat konstatiert Dirk nach einem sich selbt persiflierenden "Hahhhh", dass alles vergangene Vergangenheit ist und die Zeit gekommen zu sein scheint, der Welt zu zwigen, was Widerstand sein kann - "Hahhhh". In eigener Sache huldigen sie nebenbei noch The Fall und Team Dresch und veröffentlichen den Popsong des Jahres "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen". Als zentrales Statement zum fast allgemeinen Musikschaffen in Hamburg wurde für mich "Ich verachte Euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst". Wo alles Aufbruchstimmung im längst totgeredeten Gitarrenrock und selbstverständlich auch Diskursrock proklamierte, berichten Tocotronic vom Interess für Tennis und Erinnerungen.
Dennoch hätte die Platte auch nach dem Lied "Ich werde mich nie verändern" benannt werden können. Nach drei Alben wird selbst ihre unkonventionelle Art des Liedermachens zum Schema. Was bei "Digital ist besser" noch wirklich naiv un primitiv klang versteht sich mittlerweile als Abgeklärtheit, vielleicht Berechnung. Kein Vorwurf, eher Gefühl. Wie kann man eine Platte kritisieren, auf der ein Text wie "Es ist besser vor dem Stumpfsinn zu kapitulieren. Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren" selbst härteste Antisportler zu überzeugen vermag. Und dann ist da ja auch noch "Ich möchte irgendetwas für dich seiN". Nolens volens zogen die saubere Produktion der Platte und die damit verbundenen Radio- und Fernseheinsätze noch mehr Publikum zu den Konzerten der Band und "Wir kommen um uns zu beschweren" hielt sich für mehrere Wochen in den deutsche Charts. Resultat war die Wahl zur besten band bei der Comet Verleihung von VIVA in der Kategorie "jung, deutsch und auf dem Weg nach oben". Die Tatsache, dass Tocotroic den Preis nicht aufgrund dessen ablehnten, weil sie sich von dem Medium VIVA ausschliessen wollen, hat der Sender bis heute noch nicht verstanden.
Einstweilige Höhepunkte müssen wohl die Auftritte beim Bizarre-Festival und im Rockpalast gewsen sein. Und ganz offen gesagt: Tocotronic waren grottenschlecht. Völlig verloren standen sie auf den grossen Bühnen, hatten gegen technische Defekte und allgemeines rhythmisches Klatschen zu kämpfen - wie bizarr. Ich möchte nicht die alten Zeiten beschwören, in denen die Band vor 400 Leuten spielte und das Publikum noch von dem der Backstreet Boys zu unterscheiden war. Auch möchte ich niemanden kritisieren, der erst durch "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" auf die Band aufmerksam geworden ist und die dazugehörige Platte zwischen "Dookie" und "Smash" einordnet. Aber Tocotronic war anno 1995 viel aufregender als in allen Rockpalästen, Bizarre - und Roskilde - Festivals dieser Welt. Das lag sicherlich auch daran, dass "Digital ist besser" etwas neues darstellte und man mit dieser Platte erstmals Ausdruck fand. Jetzt sind fast drei Jahre Tocotronic für mich vergangen, zu "Es ist egal, aber" gibt es nicht viel zu sagen. Es ist eine schöne Rockmusik Platte, die das reflektiert, was Jan, Arne und Dirk bewegt ohne noch so stark als Folie für andere Jugenden zu funktionieren. Sie weckt in mir das Verlangen nach Erinnerungen und das ist doch auch etwas. Ich glaube nicht, dass es noch zwei Alben von Tocotronic geben wird, jedenfalls nicht solche wie die bisherigen. Mit "Digital ist besser" hat sich mein ganze Verständnis für Musik verändert und auch sicherlich nicht nur MEIN Leben. Ich lese mittlerweile sogar Thomas Bernhard, und das ist doch schon etwas.

Quelle: knaartz mai 98

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