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Aram Lintzel über "Freiburg V3.0"

Neue Medien, alte Feinde: "I don't know why I hate you so much, Bicycle-Riders of this Town", singt die ulkige Computerstimme von Console. Mit Tocotronics "Freiburg" hat Martin Gretschmann eine der umwerfendsten Tocotronic-Hymnen aus dem Jahre 1994 ins Cyber-Jahrtausend hinüber gerettet. "And you demonstrate community", heißt es dann später. Was für ein Blödsinn, denkt sich der Computer des Weilheimer "Mad Professors" und Notwist-Netzwerkadministrators. Während alle Welt von diesem "Internet" redet, das ein "Global Village" sein soll, in dem angeblich Friede, Freude und Eierkuchen das Sagen haben, kennt er die dunkle Wahrheit: Er ist alleine und weiß das sogar. "Freiburg V3.0" macht endlich Schluss mit dem verlogenen Communitygetue der sogenannten Informationsgesellschaft!

Musikalisch ist der Track dann aber doch Vergemeinschaftung, aber eine, die man auch wollen kann. Brachte Consoles Smash-Hit "14 Zero Zero" das Lebensgefühl der deleuzianisch angehauchten Videogame-Generation auf den Punkt und Tocotronics "Let there be Rock" das der hedonistisch-leninistischen AC/DC-Fans, so vereint "Freiburg V3.0" nun endlich diese feindlichen Lager. Das Ergebnis ist bahnbrechend: Die Maschinen knarzen und fiepsen nicht mehr bloß vor sich hin, nein: sie brechen aus ihrer fremd bestimmten Isolation aus und gehen zum gemeinsamen Headbangen über. Das kannte man bisher höchstens von Console-Live-Gigs, bei denen schon mal "Angel of Death" von Slayer durch die Festplatte gejagt wird. Was auf "Freiburg V3.0" passiert, ist mit "Cyberrock" aber nur annähernd beschrieben.

Auch die überdrehte Console-Version lebt natürlich von dem grandiosen Refrain. "Ich bin alleine und ich weiß es und ich find es sogar cool. Und ihr demonstriert Verbrüderung" - was Dirk von Lowtzow vor sieben Jahren aus einer Laune heraus in sein badensisches Tagebuch schrieb, klingt heute ergreifender denn je. Dem konnten sich noch einige andere Remixmeister nicht entziehen; sie prozessierten Consoles "Freiburg V3.0" weiter, verfeinerten den Track und erschlossen seine ganze Bedeutungstiefe. Die beiden "Europe"-Versionen von Sven Mayer und Thies Mynter (Stella) erzeugen eine emotionale Gemengelage aus Groll und Traurigkeit. Spätestens wenn die Melodie aus Dario Argentos Film "Suspiria" (der zitatgerecht im verhassten Freiburg spielt) als digitalisiertes Glockenspiel erklingt, gewinnt die Tristesse das Übergewicht; die melancholischen Synthie-Passagen tun dann ihr übriges. Schließlich kann man das Alleinsein nicht immer "cool" finden; manchmal will man auch dazugehören. In diesem Sinne stimmen die beiden Mixe von Kevin & Paul (das sind Martin Gretschmann und #) geradezu versöhnlich. Gut möglich, dass diesen Sommer auf Ibiza Backgammonspieler und Raver dazu ihre Körper aneinander reiben. Für die frühen Morgenstunden sollte sich die gemischte Partygesellschaft dann den "Helium Remix" von Heiko Laux aufheben. In an- und abschwellenden Sphärenbewegungen wird hier die hassende Subjektivität ausgelöscht. Es sind archaische Elemente, die da agieren, nicht mehr der Computer und erst recht nicht der Mensch.

Alles andere als tanzbar sind die Zustände, in die einen die Version von "And the Lefthanded and Special Guests" hineinmanövriert. Ein fasriges Patchwork aus seltsamen düsteren Sounds, Improvisationsexkursen und geheimnisvollen Sprachfetzen. Zum Erschauern, was die Finnen da abgeliefert haben. Obwohl sie keine persönlichen Erfahrungen mit der trügerisch niedlichen Breisgau-Metropole verbinden, konnten sie sich in deren Abgründe hinein fühlen. Offenbar haben Tocotronic seinerzeit eine raum-, zeit- und soundübergreifende Gewissheit ausgesprochen. Von Helsinki bis Oberbayern, von 1994 bis 2000, von Indierock bis Elektro! Und auch wenn der Gesang nun aus der virtuellen "Konserve" kommt, bleibt der Geist der Originalversion erhalten. Damit das jede/r überprüfen kann, haben wir die auch noch untergebracht. "Mit Verlaub: ein Klassiker", hör ich Tocotronic schüchtern murmeln. "Wo sie Recht haben, haben sie Recht", murmele ich zurück.


Aram Lintzel

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