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Aram Lintzel über "KOOK Variationen"

Kaum zu glauben, aber es gibt sie immer noch: Freunde elektronischer Musik, die bei dem Wort "Rock" ihre Sprachlosigkeit vergessen und zu lang anhaltenden Tiraden anheben. Rock? Das Schlimmste, Feind, Ächtung, geht nicht! Okay, auf manchen Bühnen steht es noch: das breitbeinige, von Kastrationsangst geplagte Rock-Subjekt. Doch sind die Zeiten, in denen Rock immer nur als der dumpfe Durchlauferhitzer eines in der Tat fürchterlichen "Hodenbewusstseins" (Dietmar Dath) funktionieren konnte, längst vorbei. R.O.C.K. geht auch ohne Rockismus! Und wer weiß das besser als die Hamburger Band Tocotronic? "K.O.O.K.", ihr betörender Gitarren-Kateschismus aus dem letzten Jahr, war ein ernst gemeintes Statement für Rock ohne die erwähnten fiesen Dreingaben. Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow zeigten, dass sie nicht so sind, wie es ihnen ihre elektronischen Feinde weiß machen wollen. Denn hier artikulierten sich keine unveränderlichen XY-Chromosomen, sondern die Künste der Maske, der Verschiedenheit, kurz: der VARIATION. Bei allem Spaß an der Rock-Pose: Die Drei können auch anders und lassen auch gerne Andere aus sich machen.

Zum Glück erkannten auch einige bekannte und weniger bekannte Festplattenfummler, dass der Toco-Rock nicht von authentischen Trieben handelt. Sie haben deshalb einige Stücke von "K.O.O.K." aus dem alten Rock-Zusammenhang gerissen und in neue, kuriose und oft völlig unerwartete Zusammenhänge geschmissen. Im "Let there be Rock"-Remix des Austrohamburgers DJ DSL (neben Arne Zanks unfassbarer Hawaii-House-Version von "Tag ohne Schatten" mein Favorit) landet Dirk von Lowtzow plötzlich mit Anzug und Fliege in einer Barbecue-Gesellschaft und singt als barhockender Jazzvokalist für die verdutzten Gäste ein mit wahnwitzigen Samples versehenes Ständchen (inklusive Mundharmonika). Kurz zuvor (in den ersten 36 Sekunden des "Fishmob-Erobique Rmx" von "Jackpot") hatte von Lowtzow noch Brille und Hut auf und saß als virtueller Elton John am E-Piano. Auch die beiden anderen Toco-Mitglieder bleiben nicht verschont: Schlagzeuger Arne Zank wird in dem psychedelisch-tribalistischen Ambient-Track von Peter Deimel (Tontechniker beim französischen Black Box Studio und Co-Produzent "K.O.O.K.") in einen selbstvergessenen Bongotrommler irgendwo im Grill-Park um die Ecke verzaubert. Und Jan Müller wird gar völlig entmenschlicht und mutiert in der opulenten, Nightmares on Wax-artigen Downbeat-Version von "Das Geschenk" (im "Electric Mojo vs. Phoneheads"-Mix) zur monströsen Basslinie. Akkustisches Morphing nennt man das wohl. Doch Tocotronic kennen keine falsche Eitelkeit, ihnen behagt es sogar sehr, in unerforschte Kontexte geschleppt zu werden. Die verwirrte Frage "Huch, wo bin ich denn hier gelandet?" ist schließlich tausendmal aufregender als immer und überall zu wissen, wer man ist.

Wenn im Titel von "Variationen" die Rede ist, dann wohl im Sinne von Arnold Schönbergs "entwickelnder Variation". Denn die 13 Remixe (zu denen noch einige mehr hinzukommen werden) kleben nicht an den Originalen, sondern generieren Ableitungen, die wie neue Originale funktionieren. Die Vorgabe lautete ganz offenbar nicht, Tocotronic plumpe Club-Tauglichkeit einzuhauchen (da hätte man ja bloß Paul van Dyk oder so anzuheuern brauchen). Vielmehr ging es den Beteiligten darum, verborgene Strukturen und Ungesagtes freizulegen, so etwa die fiese Sägezahntextur in dem Liebeslied "Jackpot" (K.O. Kompakt-Remix von Tobias Thomas und Olaf Dettinger). Auch wenn einige Akteure aus dem Ladomat-Umfeld stammen, sind ihre Verarbeitungen immer in sehr persönliche Situationen verstrickt. Bei allen Gemeinsamkeiten liegen Welten zwischen dem Pogo-House von Egoexpress (noch in Arbeit) und den wackeligen My Bloody Valentine-Soundschleifen, in denen es sich Turner bequem gemacht hat. Außerdem gibt es da ja noch die diversen Nicht-Lados: Etwa Fever und Christoph de Babalon vom Berliner "Digital Hardcore"-Label bzw. Crossfade Entertainment (Christoph de Babalon) oder die Breakbeat-Mods von Funkstörung. Kurzum: Das Entzückende an dieser Platte ist, dass es keinen abgeklärten Masterplan gibt. Man hat mal machen lassen. Und das blinde Vertrauen wurde belohnt: Nichts klingt beliebig, weil sich niemand in schnödem Frickeljux erging.

Ein versteckter roter Faden findet sich dann aber doch: In allen erdenklichen Varianten wird die von Lowtzowsche Stimme verwandelt, verfälscht und moduliert. Und das nicht nur mit digitalen Mitteln: Neben Justus Köhncke von Whirlpool Productions (der auf der endgültigen Pressung mit einer abseitigen Version von "Jackpot" vertreten sein wird) haben auch die Münchner Electro-Dandys Dakar & Grinser Toco-Lyrics neu eingesungen. Das wirkt nicht weniger überraschend wie wenn anderswo - etwa bei Ostinato (das ist Christian Mevs vom Soundgarden Studio) und Console (Martin Gretschmann) - die Software Dirks Gesang wie die eines defekten Spielzeugroboters klingen lässt ("An jeder Ecke stehen Mänschn, Mänschn, Mänschn, Mänschn usw. usw."). Womit wir wieder am Anfang wären: Auch Rockmusik ist inzwischen zum variablen Tool geworden, das nicht auf authentische Signaturen (Gitarrensolo, "echte" Stimme) angewiesen ist. Zu ständigen Abwandlungen eignet es sich genauso wie die Techno-12". Weil das so ist, werden noch weitere Remixe von Thies Mynther (Stella, Superpunk), Trans Am sowie von einem geheimen HipHop-Act erwartet...Abwarten und Freuen!

ARAM LINTZEL

Aram Lintzel lebt als freier Autor und Redakteur in Berlin. Er schreibt in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften über Musik, Film, Kunst und Politik.

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