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Es gibt nur cool oder uncool und wie man sich fühlt!
Vielen Dank an Carsten Wilhelm, von dem wir diesen Aufsatz übernehmen durften.

Gedanken zu deutschsprachiger Independent-Rockmusik

Der ganze Musikzirkus ist vermengt mit dem Business - was kann verkauft werden, was ist Mode, trendfähig. Musik ist ein wichtiger Punkt der Selbstdefinition, der eigenen Sozialisation. Zu welcher Gruppe stellt man sich, zu welcher Jugendkultur, in welchen Kontext, zu wem will man gehören, von wem sich abgrenzen?

Deutschsprachige Musik ist Ende der Neunziger nicht nur eine Randerscheinung. HipHop hier hat eine eigene Identität, Crossover, Punk, Independent, Gitarrenpop - auch fernab von Volksmusik, Schlager, Deutsch-rock und Neuer Deutscher Welle kann man auf deutsch texten. Und damit Jugend erreichen und für sie sprechen.

Früher hatten deutsche Texte für mich etwas Peinliches. Übersetzt man sich die englischen Songtexte und versucht sie zu singen, klingen sie auch unglaublich dämlich. Das klingt immer wie eine Lüge, total aufgesetzt, banal. Deutsche Sänger gaben ja auch immer unglaublich schlechte Beispiele dafür; Schlager für Omas, Pseudo-Rocker, die doch nur gutbürgerliche Spießer und reine Kommerzprodukte sind.

Irgendwann kamen Selig. Sie waren cool, machten gute Musik und sangen auf deutsch. Die hübschesten Mädchen fanden sie gut, sie hatten Energie. Ihre Selbstverliebtheit hat mich damals noch nicht so gestört, auch wenn aus jedem Lied ein "Das will ich nicht" sprach, ihre Musik eher in den 80ern verwurzelt war; "Hier" war toller "Hippiemetal", der Gefahr lief, schon bald veraltet zu sein. Mit dem neuen Album "Blender" wollten Selig zu den deutschen U2 werden, outeten sich damit aber auch als Spielball des Marktes.

Sie sangen sehr viel unkonkretes Zeug, Vieldeutiges, Vielgehörtes, Anspielungen auf Sex, Beziehungen. Teilweise trafen sie etwas, teilweise waren es nur Phrasen. Warum berühren mich bestimmte Sätze mehr? Worüber kann man überhaupt singen? Und welche Wörter benutzen?

Warum ist "Verbring die Nacht mit mir im Fahrstuhlschacht" (Selig, könnte aber auch von den Prinzen sein) albern, warum findet irgend jemand bei Rammstein plötzlich platte Grausamkeiten wichtig? Hat Text überhaupt eine Bedeutung für Rockmusik? Ist damit auch Arroganz verbunden oder nur eine Frage der Identifikation?

Dann erschienen Tocotronic, und obwohl sie ganz gewiß kein Sprachrohr oder Trendsetter sein wollten, kam ihnen doch eine Schlüsselposition zu. Sie sangen über echte Gefühle, über das Dazugehörenwollen, ihre Texte hatten etwas Wahres, wie ein Freund schrieb: "Was ich schon immer sagen wollte, aber nie ausdrücken konnte."

Sie sind Teil einer Szene, die man irgendwoher "Hamburger Schule" genannt hat; dazu gehören auch die Sterne, Blumfeld oder die Goldenen Zitronen. Die Musik liegt fern von Vermarktungsstrategien, auch wenn der relative Erfolg das Aufkommen von vielen anderen Bands ähnlicher Stilistik auslöste (Samba, Aeronauten). Anhand der Verkaufszahlen kann man aber immer noch von Untergrund sprechen. Und wenn auch diesen Bands Epigonentum vorgeworfen wird (Aroma Gold, Achtung Kabel, Sportsfreunde Stiller...) und auch vorgeworfen werden kann (Heinz aus Wien) - sie haben doch meist einen eigenen Zug und können für den Hörer eine Bedeutung haben.

Besonders in Hamburg gab es schon lange eine aktive Szene mit Bands wie Die Regierung, Huah!, Kolossale Jugend und Die allwissende Billardkugel, die sich jetzt fortsetzt in Brüllen oder Stella.

Diese Bands machen sich Gedanken um ihre Rolle, um die Strukturen und Mechanismen, Klischees und Definitionen. Eine neue Generation von Bands kommt aus den Häusern der Jugend des Landes, und sie wollen etwas Neues machen.

Tocotronic spielen absichtlich dilettantische Musik, die Persönlichkeit eines "Unser Kleiner Dackel"-Tapes ist nicht zu vergleichen mit dem Massenbetrieb von MTVIVA. "Rockmusik darf nicht dumm sein" heißt ein Sampler aus Hamburg, spielt damit, absolute Parolen aufzustellen. Nicht zuletzt sind die Gründe eines eigenen textlichen Stils historischer Art, liegen auch in der Abgrenzung zu amerikanischer/englischer/ deutscher Mainstream-Rock-Kultur, die vielfach kapitalistisch produziert und verreinnahmt ist.

Ist es letztendlich sogar nationalistisch, sich mit deutschsprachiger Rockmusik auseinanderzusetzen? Tocotronic und Rammstein in einem Artikel zu nennen, heißt, ihn nicht unter einen musikalischen, sondern einen regionalen Aspekt zu stellen. Musik bleibt aber nur so viel, wie sie für den einzelnen bedeutet.


Quelle: peer 3/98

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