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Drei Enten voller Hass
Vielen Dank an Martin, von dem wir diesen Aufsatz übernehmen durften.

Von "Letztes Jahr im Sommer" bis "Dieses Jahr": drei Jahre mit, vier Alben von und sieben Bemerkungen zu Tocotronic von Drehli Robnik.

Drei Enten: Am neuen Album fällt sofort auf, dass das Cover erstmals nicht die drei Musiker zeigt, sondern drei Enten. Tocotronic als possierliches Federvieh: Das ist als Verweigerung der direkten Selbstdarstellung dreier Popstars ebenso zu verstehen wie als Selbststilisierung in Richtung Kuscheligkeit und Infantilismus, als Erweiterung der im PR-Styling allgegenwärtigen Kinder-Cartoons (zwei Bandmitglieder sind hobbymäßig bzw. im Rahmen eines Studiums der Buchillustrationsgraphik als Zeichner tätig) - a touch of Tick, Trick und Track.

Philosophie: "Sie wollen uns erzählen, sie hätten eine Seele. Sie wollen uns glauben machen, es gäbe was zu lachen." (Tocotronics "Sie wollen uns erzählen", 1997) "Man bringt uns bei, dass die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist." (Gilles Deleuze: "Postskriptum über die Kontrollgesellschaften", 1990) Der Deleuze-Aufsatz, den die erste Single-Auskopplung aus "Es ist egal, aber" ins Popsong-Format übersetzt, analysiert flexibilisierte, post-institutionelle Arbeitsverhältnisse und differenzielles Marketing als gegenwärtige Herrschaftsform, die der fürsorgestaatlichen Disziplinarmacht gefolgt ist (siehe auch Mainstream der Minderheiten). Auch wenn Tocotronic bisweilen philosophische Fragmente verarbeiten - ganz explizit: Walter Benjamins Passagen und Flaneure in "Der schönste Tag in meinem Leben", Wittgensteins Bestseller im Eröffnungsstück und das Hauptwerk von Proust im Titel des zweiten Album "Nach der verlorenen Zeit" (1995) -, kommen sie ohne die würdevollen oder kryptophilen Denkerposen mancher Hamburger Diskursrockbands aus. Und es ist gut, dass das neue Album so heißt wie es heißt, und nicht "Das Passagen-Werk", wie das kurzfristig geplant war.

Was will man uns erzählen? Tocotronic-Texte entwickeln sich immer mehr von klassischen Erzählweisen weg. "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" vom Debüt-Album "Digital ist besser" (1995) folgte einer traditionellen Couplet-Bauweise an der Schwelle zum gespielten Witz: drei Strophen mit launigen Alltagsepisoden, die im Refrain pointenhaft kommentiert und zum Beleg einer Allgemeinerkenntnis erhoben werden. Neuere Texte dagegen neigen oft zum Minimalismus: Einzelne Sätze werden dekontextualisiert und verharren in ihrer Wiederholung. Dies geschieht entweder in Form einer monumental hinausgeschmetterten Behauptung als repetitiver Abschluss (etwa "Jetzt geht's wieder los, von vorne los!" im Eröffnungsstück des dritten Albums "Wir kommen, um uns zu beschweren", 1996), oder der Text reduziert sich auf zwei Sätze, die in der Mikro-Dynamik ihrer verzögerten Abfolge ein kleines affektives oder argumentatives Universum offenbaren: "Ich möchte irgendwas für dich sein. - Am Ende bin ich nur ich selbst." Diese Sätze sind Ruinen bzw. Kondensate größerer Geschichten, die nicht mehr erzählt werden müssen. Der Erzählprozess selbst wird parodiert (wie in "Liebes Tagebuch", einem Arne-Zank-Stück auf dem neuen Album, das Song-gewordene Tagebuchaufzeichnungen verspottet), oder er wird zerstreut, lose und als solcher ausgewiesen: "Das hier sind nur vier Geschichten von dir." Mitunter überlässt sich der Text der Eigendynamik einer Eingebung: Was gesagt werden kann/muss, bestimmt nicht ein interessanter Sachverhalt, sondern die Sprache selbst in ihrem Vermögen, unversehens "gute Sätze" zu generieren, die "alles" enthalten und auf den Punkt bringen. Diese Sätze sind oft Fundstücke aus populärkulturellen Archiven - Sprichwörter wie Auf den Hund gekommen, der Titel der TV-Serie "Ich heirate eine Familie", der Name des Heimwerkerbedarfs-Baumarkts "Du und deine Welt". Auf der neuen Platte kommt der "gute Satz" als Zufallsfund ins Spiel: "Und ich wühlte mit der Hand in meinen Taschen, und ich fand einen Zettel, auf dem stand: Das ist der schönste Tag in meinem Leben."

Sound: Dass auf "Es ist egal, aber" Streicher zu hören sind, sticht sofort ins Ohr. Hans Platzgumers in Arrangement, Mischung und Klangfärbung nuancierte Produktion markiert eine stilistische Innovation; allerdings nicht in dem Sinn, dass ein Studio-Wizard drei Punkrock-Primitivisten plötzlich die Weihen des Sound-Design verleiht, sondern als Fortsetzung eines langfristigen Differenzierungsprozesses. Dieser führt vom simplizistischen Ungestüm auf Digital ist besser über Geschrummel und Trägheit auf der zweiten und Monster-Rock-Attitüden mit überlänge und üppigen Gitarrensoli auf der dritten Platte zu einem Stil, in dem akustische Variation nicht Dekor oder Anbiederung, sondern Akzentuierung ist. Die Lagerfeuer-kompatible, schlichte Melodik wurde beibehalten, aber das früher eisern durchgezogene Strophe-Refrain-Schema wird nun von schleifenförmig ("Auf den Hund gekommen") oder aus zwei Blöcken gebauten Songs ("Meine Schwester") aufgeweicht. Der Bass spielt immer mehr tragende Rollen und Figürchen; das Schlagzeug hat das Poltern früher Jahre um eine Prägnanz auf der Hi-Hat erweitert, die einen Hauch von Tanzboden einbringt; die Stimme weitet ihr Spektrum aus, zwischen Verwaschung, tiefem Timbre und gebotener Schärfe. Im Vergleich zum heurigen vierten Album von Pavement - einer Band, der sich Tocotronic nicht unverbunden fühlen - zeigt sich, dass die Tocos anstelle relaxter Ziselierung auf Anspannung und Zuspitzung abzielen.

Hardcore: Tocotronic knüpfen weit mehr an eine Hardcore- und Indie-Tradition als an die Endlos-Pogo-Party von Revival-Punk an; daher rühren die Mainstream-Unverdaulichkeit einiger rasender Knüppel-Songs, die Straight Edge-Kreuze auf den Coverfotos des zweiten Albums und die "Greatest Hits of SST"-Abende, die Dirk als Gelegenheits-DJ abhält (Jan war seltsamerweise lange Zeit als Hardrock- und Obskuritäten-DJ tätig). Dirk zeigte sich dereinst durchaus vertraut mit dem Oeuvre einschlägiger Linzer Spätachtziger-Bands wie Target of Demand.

Hass und Protest: "Das nächste Stück ist ein Protestsong!" Diese bei den Tocos häufige Live-Ansage war wohl nie bloß scherzhaft gemeint. Nicht erst seit Tocotronic Neil Young herbeizitieren (die Mundharmonika von "Heart of Gold" in Sie wollen uns erzählen, "Hey Hey My My" in "Dieses Jahr"), protestieren sie emsig und bemühen sich um sowas wie ein Programm: Die alte Hymne "Digital ist besser" ist bestechend in ihrem Beharren auf einem ebenso diffusen wie pathetischen Anders-sein-Wollen (wenn das Digitale besser ist, dann ist das Analoge, das ähnliche, zweifellos schlechter). Seitdem lavieren Tocotronic zwischen dem Weltschmerz der Unverstandenen - ihre ideologisch schwächere Seite - und Hassausbrüchen mit hohem Feindbild-Output. Die Verbindung beider Aspekte macht viel von ihrem Lebenswelt-Appeal aus, erfüllt die traditionelle Popsong-Funktion, Ratgeber bei der Herstellung eines alltäglichen Selbst zu sein. Die apodiktische Klarheit ihrer Texte beruht oft genug auf einer fast genießerischen Hingabe an Ressentiments und Allergien, einem idiosynkratischen Festbeißen in als lästig empfundene Details: Wochenend freuden sind nicht nur blöd, sondern es geht gleich die ganze Menschheit daran zugrunde etc. Bisweilen schwingt auch paranoide Verschwörungstheorie mit: "Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam? Wollen sie verhindern, dass wir vorwärts kommen?" Es bleibt abzuwarten, ob Tocotronic ihre Wutanfälle, die im schlechtesten Fall pure Wehleidigkeit sind, künftig in stärker entfaltete äußerungszusammenhänge integrieren werden: "Analytische" Songs auf der neuen Platte (etwa "Ein Abend im Rotary Club", der den Ekel vor den besitzenden Klassen durch präzise Beobachtung ihrer Diskursrituale hervortreten lässt) deuten darauf hin.

Raum und Zeit: Die detailverliebte Empfindlichkeit der Tocos entspricht dem Versuch, angesichts des Kollapses von Werte-Tableaus (auch jener der Pop-, Sub- und Gegenkulturen) neue Orientierungen zu gewinnen oder alte neu zu bestimmen. Mitunter schwingen Tocotronic sich zu einer Art Politisierung des Privaten auf, entwerfen das Alltagsleben nicht nur in seiner Banalität (das tun ja heute schon alle), sondern als Prozess, in dem es jede Verhaltensweise ständig zu problematisieren gilt, weil jeder Schritt auf schlüpfriges Terrain führen kann. Die Zelebrierung von Nörgelei und mieser Laune ist nicht die schlechteste Reaktionsbildung in einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt und der Kontrollkapitalismus bedingungslose Ausgelassenheit auf dem lebenslangen Markt verordnet. Im Kontext der permanenten Selbstdefinition - die manchmal bloß narzisstisch ist, aber auch Grenzziehung sein kann, die dabei hilft, kein böser Mensch zu werden - gewinnt die eigenwillige Präzisionsarbeit beim Vermessen räumlicher und zeitlicher Erfahrungsparameter ihren Sinn: Weil eben nicht alles egal ist, muss man darauf achten, wo und in welcher Zeit man lebt. über die Jahre erstellen Tocotronic-Texte eine heterogene Kartografie verstreuter Orte: Seattle, wo wir nicht sind, Freiburg, Hamburg, das rockt und eine Schule hat, eine fade Kleinstadt, in der wir beide uns Gott sei Dank gehabt haben, Gegenden, "wo ich nie bin und niemand mich gesehen hat", und ein Hamburger Stadtteil, wo man im Bus hinfährt ("Nach Bahrenfeld im Bus" war ebenfalls Kandidat für den Titel des neuen Albums, in Anlehnung an "Babylon By Bus" von Bob Marley & the Wailers). Zugleich füllt sich das Archiv einer verlorenen Zeit, in dem Zeitpunkte und -räume, Veränderungsprozesse und Gewohnheiten, Wahrnehmungen und Erinnerungen auf verschiedenen Schichten und in paradoxen Ordnungen übereinanderliegen: Letztes Jahr im Sommer, An einem Dienstag im April, 23 Jahre, die man mit sich verbracht hat, das Gefühl, dass jetzt wieder alles von vorne losgeht, dass man wegen der Zeitumstellung asynchron zum Freundeskreis lebt, sich nie verändern wird oder ganz sicher schon mal hiergewesen ist und nur nicht weiß, wann, schließlich die Erkenntnisse, dass ich viel zu lange mit euch mitgegangen bin und dass Dieses Jahr länger als zwölf Monate war, weil der Oktober darin dreimal vorkommt.

Quelle: Robnik, Drehli: Drei Enten voller Hass. In: Skug #32 / Herbst 1997, Seiten 24-25

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