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Out of Seattle
Mit freundlicher Genehmigung von Stigma.

Out of Seattle

1994 war ein hartes Stück Jahr für die Musikwelt. Kurt Cobain aus Seattle, der sowieso nie mit dem Label Grunge identifiziert werden wollte, brachte sich um, und noch in der selben Nacht rissen betrunkene Kids in einer Kellerdisko Nirvana von den Wänden.
Die Sache wäre fast vergessen gewesen. Dann aber kamen auf Viva drei Hamburger Jungs mit seltsamen Frisuren, liefen über ein Hamburger Flachdach, nannten ihre CD "Digital ist besser" und füllten sie mit scheinbar mißratenen Rote-Augen-Photographien, geschossen mit billigen Polaroidkameras. Einer von ihnen hieß Dirk, schrammelte lahm auf einer Elektrischen herum und klagte mehr, als daß er sang:

...und ich bin alleine
und hab’ kein Vertrauen
und kann Melodien nur klau’n
und sie sagt zu mir
Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
und werden es auch niemals sein
Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
Was bildest du dir ein
Was nicht ist, kann niemals sein

Tocotronic nannte sich die Band mit den einfachen Texten, die nichts sagten, als daß es nichts zu sagen gäbe. Scheinbar.
Selbst die schnellen, härteren Lieder wurden nie wütend, sondern blieben resignativ, schwankten zwischen Selbstmitleid und Selbstironie und hörten manchmal einfach zwischendrin auf. Gewollt unfertig.

...Jungs, hier kommt der Masterplan
und was man damit machen kann...
(schrumm, schrumm - Ende)

Sie zerschlugen den Gordischen Knoten ihrer Probleme nicht, sondern gingen zum nächsten Lied über und ließen ihn ungelöst zurück.
Ihre autobiographisch angelegten Texte beschreiben eine durch Wiederholungen quälende Alltagswelt, eine langweilige, mittelständische Vorstadtjugend mit der sich scheinbar viele Jugendliche identifizieren können, was nicht zuletzt das Interesse der Musikpresse, sondern auch die enormen Verkaufszahlen der Alben belegen. Ihr unbestimmter Haß richtet sich gegen Gitarrenhändler ("Gitarrenhändler Ihr seid Schweine") oder Freiburger Backgammon-Spieler ("Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse"), wobei sie nur die Symptome ihrer Probleme besingen, nicht aber deren gesellschaftliche Ursachen. Ein Paradebeispiel dafür gibt der Titelsong ihres dritten Albums, der hier einmal in voller Länge stehen soll, um den Weltschmerz der Band plastisch zu verdeutlichen:

Wir kommen um
uns zu beschweren
Wir kommen um
uns zu beschweren
manche Leute melden sich
am Telefon oft unfreundlich
Sie wollen nämlich, daß wir hör’n
wie sehr wir sie gerade stören
sie sind das Salz in unsrer Wunde
und daran geht die Welt zugrunde

Aus den einzelnen Versatzstücken der Texte Tocotronics ergibt sich dennoch das implizite Gesamtbild einer Jugend, der es materiell an nichts mangelt, der aber die Spaßgesellschaft zum Hals raushängt. Das Fehlen von überpersönlichen Werten und der Rückzug ins Private bedeutet nicht die Hinwendung zur "Girlie"-Gesellschaft, sondern wird als bewußter Protest gegen den Aktionismus der 68er betrachtet. Nicht nur die Kleinkunst und Tennis gehören zu den Klischees, mit denen Tocotronic spielen, sondern auch das ‘Du-laß-uns-da-mal-drüber-reden’-Syndrom:

Geh’ doch mal zum Bahnhof
in der sogenannten Frühlingszeit
sag’ ‘Hallo’ zu einem Fremden
der einem Zug entsteigt
Lad’ ihn ein zur Cola
im Imbiß gegenüber
vielleicht hat er Probleme
und möchte reden drüber.
Wahrscheinlich hat er gar keine Zeit,
die Idee ist gut,
doch die Welt noch nicht bereit

Andererseits bietet die pragmatisch-biedermeierliche Gegenwart in der Kohl-Ära auch keine lebenswerte Lösung. Ihre vierte und bisher letzte CD von 1997 gibt Zeichen davon:

Heute bin ich recht gut
ausgeschlafen aufgestanden
meine Zähne geputzt und auf die Straße gestolpert
Und am Tageslicht erkannt, daß diese Gegend nicht
dafür vorgesehen wird
daß freundliche Menschen sich in ihr gegenseitig gut verstehen

Ironisch zwar schaut sich Tocotronic selbst beim Scheitern zu, ohne jedoch neue Entwürfe aufstellen zu wollen. Das Scheitern an der alltäglichen Umgebung wird zum eigentlichen Antrieb ihrer Musik:

Manchmal weiß ich schon beim Aufstehen,
heut geht alles schief
und abends muß ich dann wohl einsehen
selbst das klappt meistens nie

und endet nur selten in einem ernsthafteren Bekenntnis:

Ich bin viel zu lange
mit Euch mitgegangen
und ich glaub’ nicht daran
daß ich jetzt noch mal
umkehren kann
Ihr habt mir viel zu oft
Auf die Schulter geklopft
Und ich glaub nicht daran
daß ich ohne das Klopfen noch kann

Musikalisch untermauert wird das Ganze mit einer Musik, die in ihrer Machart an eine Heimproduktion im Badezimmer der Eltern erinnert, an die drei Akkorde des Punk, allerdings bewußt verfehlte. Die Gitarren schrammeln unterlegt von Pfeifen und anderen Störgeräuschen vor sich hin, die Sänger zerbrechen sich an den hohen Tönen ihre Stimmen und enden in übertrieben kläglicher Lautmalerei.
Gerade die Unfertigkeit und scheinbare Unprofessionalität von Tocotronic machen den Reiz und das Neue der Band aus und unterscheiden sie von den glatten, melodiösen Rockacts der 80er. Ihre Texte erfassen den Zeitgeist und geben Impulse an andere Bands, wie die Kreuzberger Formation "Victoriapark".
Die österreichische Gruppe Heinz schrieb, wohl in Anlehnung an die unpoetischen Reime Tocotronics, einen Song mit den Zeilen:

Ich hab’ mit Tocotronic Bier getrunken
und du hast sie nur live gesehen.

Grunge ist Protest, der nicht mehr sein will, als das.
Und in diesem Sinne kann man Tocotronic vielleicht als eine deutsche Ausprägung des amerikanischen Grunge betrachten.

Quelle: Stigma Ausgabe 1

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