Vielen Dank an Martin, von dem wir diesen Aufsatz übernehmen durften.<

Schluss mit Jugendbewegung

Tocotronic entwachsen zusehends den jugendbewegten Schuhen ihrer Anfangstage. Auf ihrem neuen Album "Es ist egal, aber" klingen sie facettenreicher und reifer als gewohnt, vereinen geschickt Innovation in Songwriting und Sound mit größtmöglichem Wiedererkennungswert und haben dabei das beste Album seit ihrem famosen Debüt fabriziert. Gerhard Stöger (Interview / Text) und Manfred Rahs (Fotos) haben die drei sympathischen Nachlassverwalter weltschmerzgetränkt-rebellischer Gitarrenmusik bei ihrem Wien-Besuch im Juni getroffen. Dazu als very extended Bonus-Track eine kleine Untersuchung von Drehli Robnik.

Erstmals haben sich Tocotronic für eine neue Platte mehr als ein halbes Jahr Zeit gelassen. Erstmals wurde sie nicht zu Hause im Hamburger Soundgarden-, sondern in Peter Deimels ruhmreichem Black Box-Studio in Frankreich aufgenommen. Und erstmals hat sich die Band - unterstützt von Hans Platzgumer als Arrangeur und Produzent - auf soundtechnische Experimente eingelassen und ihr klassisches Instrumentarium teilweise um Streicher und andere Spielereien erweitert. Dabei hat sich der angekündigte große Bruch zwar erwartungsgemäß auf eine Mikroebene verschoben, kommt dort aber umso massiver zum Tragen. Denn sind die bisherigen drei Tocotronic-Platten vor allem von einem etwas schematischen Nebeneinander ganz weniger unterschiedlicher Songsorten geprägt, so lässt sich das neue Album nicht mehr auf einen simplen Nenner à la "Gitarrengewitter und Punkrock" bringen. Vielmehr setzen das wohldurchdachte und weit ausgefeiltere Songwriting sowie die sorgfältigen Arrangements auf "Es ist egal, aber" eine Vielzahl neuer Akzente. Beispielsweise finden sich unter den 18 Stücken der neuen Platte mit "Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen" und "Du und deine Welt" gerade noch zwei der für Tocotronic bisher so typischen lauten und geradlinigen Gitarrenpophämmer.

Auch ein weiteres Charakteristikum der Band, die patzigen bis sloganhaften Songtitel, gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Einzig das einminütige Hardcore-Hassstück "Alles, was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben" knüpft scheinbar an diese Tradition an, der extrem traurige und nüchterne Text ("Das ist natürlich leicht gesagt, wenn man sowieso nicht dazu gehört. Sich rar machen bringt ja nichts, wenn es niemand merkt.") bricht den rebellischen Gestus des vordergründigen Refrains aber ganz massiv. Somit richtet sich das Stück gleichzeitig gegen plumpe Parolendrescherei, wie es die Möglichkeit und den Sinn radikaler Unmutsäußerung, die bewusste Positionierung außerhalb der verhassten Zusammenhänge vor dem Hintergrund der drohenden Vereinsamung und Resignation problematisiert. Tocotronic selbst geben sich freilich trotz der Erkenntnis, wie wenig minoritäre Gegnerschaft für gewöhnlich an den Verhältnissen zu kratzen imstande ist, nach wie vor keiner resignativen Affirmation hin, denn stärker als die Bereitschaft, vor dem Stumpfsinn zu kapitulieren und dem "Es ist egal" im Titel der neuen Platte, bleibt immer noch das widerständige "aber", die überzeugung, es so doch nicht haben zu wollen. Tatsächlich verbirgt sich hinter den scheinbaren Banalitäten und Alltäglichkeiten in den Texten von "Es ist egal, aber" die bisher wahrscheinlich politischste Platte der Band, was sich besonders an der Single "Sie wollen uns erzählen" festmachen lässt. Dass es sich um einen Protestsong handelt, macht bereits der Titel in seiner klassischen "Wir gegen Sie"-Opposition und der erstmalige Einsatz einer Mundharmonika klar. Dass es sich tatsächlich um eine Kritik an postfordistischen Unternehmensformen handelt, wird allerdings erst durch den Hinweis im Info klar.

Diese Mischung aus Hintergründigkeit, Understatement und der bewussten Ablehnung expliziter politischer Aussagen ist wohl der Grund dafür, dass die Standortbestimmung der Band manchen nach wie vor schwer fällt. Dabei verorten sich Tocotronic bereits durch die Zusammenhänge, in denen sie auftauchen, ganz eindeutig. So spielten sie bisher nicht nur für Wildwasser, eine Berliner Hilfsorganisation für missbrauchte Frauen, und den von deutschen Neonazis schwer verletzten Universal Congress Of-Gitarristen Joe Baiza, sondern auch für die linksradikale, in Deutschland massiven staatlichen Repressionen ausgesetzte Zeitschrift "radikal" Benefizgigs. (Seit dem Joe Baiza-Konzert haben Tocotronic übrigens die Saccharine Trust-Nummer "A Human Certainty" mit der tragischerweise nur zu wahren, extrem bitteren Textzeile "I only cry wolfe when all my sheep are dead" in ihrem Live-Programm.) Auch ihre Sozialisation gibt diesbezüglich ganz eindeutige Hinweise. Alle drei waren als Teenager in alternativen Jugendzentren tätig, schrieben für Fanzines und spielten in diversen Punkbands. Eine gleichermaßen selbstverständliche wie unspektakuläre politische Korrektheit ist ihnen von dieser Hardcore-Vergangenheit ebenso geblieben wie ein konsequenter Anti-Rockstar-Gestus, dem freilich eine von mehr oder weniger reflektiertem Fantum geprägte Realität gegenübersteht. Und wenn es mir auch als unsinnig erscheint, aufgrund ihres Publikums Kritik an der Band zu üben, so wirft Tocotronics widersprüchlicher Status als Beinahe-Teeniestars doch immer wieder die Frage auf, wie es kommt, dass sich so viele Jugendliche mit Tocotronic identifizieren können, während die Band doch in erster Linie dem Lebensgefühl einer bestimmten, in den Achtzigern aufgewachsenen und von ihnen geprägten Generation eine Stimme gibt. Ist es die Sehnsucht nach klaren Bezugssystemen, Anhaltspunkten und Kollektivität in einer von Vereinzelung, Entsolidarisierung, Flexibilisierung und Gleichgültigkeit geprägten Zeit, in der Subversion und Dissidenz zum Konsumgut wurden und jugendliche Rebellion wahlweise in der Teilnahme am großen Freudentaumel Love-Parade (Free Party) oder in nihilistischem Drogenkonsum endet, jedenfalls aber zur Farce verkommt? Oder sind Tocotronic einfach nur ein gefundenes Fressen für die geschichtslose Post-Nirvana-Generation zwischen Alternative-Rock und Retro-Punk? Aber wahrscheinlich ist das letztlich egal, und so lange die Band die Annahme eines VIVA-Awards mit der Begründung zurückweist, dass man nicht stolz darauf sei, jung und deutsch zu sein, treffsicher auf die richtigen Feinde verweisen kann, Fansongs für Team Dresch schreibt und gleichzeitig DJ Pierre covert, so wunderbare Platten wie "Es ist egal, aber" aufnimmt und es ganz generell schafft, trotz eines Outputs von etwa 70 Stücken in weniger als drei Jahren nicht in Routine zu erstarren, gibt es ohnehin nach wie vor keinen Grund, Tocotronic nicht uneingeschränkt gut zu finden.

Quelle: Stöger, Gerhard: Schluss mit Jugendbewegung. In: Skug #32 / Herbst 1997, Seiten 20-22


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