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TOCOTRONIC
Vielen Dank an Martin, von dem wir dieses Interview übernehmen durften.

Kommentar des Textabtippers: Eines der frühesten abgedruckten Tocotronic-Interviews, geführt vom Wiener Musikmagazin/Fanzine Chelsea Chronicle, als Tocotronic im Vorprogramm von Blumfeld spielten. Dirk plaudert z.B. über die Umstände ihres Hypes im Spex.

Tocotronic

Sie nennen sich nach einem Gameboy-Vorläufer, den es Anfang der 80er bei Tschibo (German Eduscho) zu kaufen gab und mögen es, wenn die Leute dabei an Techno denken. Sie wollen nicht ins deutsche Gitarrenpop-Eck gestellt werden und finden es lustig, mit technoiden Assoziationen zu flirten. Rock’n’Roll ist für sie Spaß, aber nicht alles; viel wichtiger ist das Jura-, bzw. das Graphikstudium oder die Freundin. Nach einer Tour mit Blumfeld und dem Erscheinen ihres Debütalbums "Digital ist besser" müssen sich Tocotronic nun dem Musikzirkus stellen. Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank erwiesen sich während ihres Aufenthalts in Wien als drei blutjunge Freunde, die sich sehr wohl Gedanken darüber machen, was mit ihnen passiert.

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit
Wir mögen nicht in eine konservative Gitarrenecke gestellt werden, obwohl wir eigentlich schon drin stecken. Es gibt zuviele Leute, die sehr stark auf handgemachten Rock beharren und alles andere, wie z.B. HipHop für beknackt halten. Das ist rassistisch und wir finden das bekloppt. Wir mögen einfach deutsche Musik, haben früher Deutsch-Punk gehört und auch das Tote-Hosen-Trauma miterlebt. Die neueren Bands sind jedoch meistens sehr uninteressant. In Hamburg, da gibt es ein paar gute, grundsätzlich sind wir jedoch mehr vom amerikanischen Sound inspiriert.

Über Sex kann man nur auf Englisch singen
Wir nehmen unsere Texte eigentlich schon sehr ernst. Ich arbeite gerne mit dem Stilmittel Ironie, denn auf Deutsch gesungene Texte können ja oft in Peinlichkeiten ausarten, oder man muss versuchen, die Texte auf eine lustige Weise rüberzubringen. Oft sind wir dann auch verblüfft, wenn nach dem Konzert die Leute herkommen und sagen: ""h, ja, das ist es, ich habe verstanden, was ihr sagen wollt"" Denn oft sind es persönliche Sachen, zu denen nur wie den Bezug haben, aber oft singen wir auch von ganz einfachen Dingen, denen dann unheimlich viel Bedeutung beigemessen wird.

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein
Bei diesem Text geht es um eben diese Sehnsucht. Ich wuchs eben kleinstädtisch auf und kannte wenig Leute, die ähnliche Musik hörten, etwa The Smiths. Der Ausdruck "Jugendbewegung" kann natürlich auch negativ besetzt werden, so in demagogischer Hinsicht, gerade in Zeiten von Rostock oder Mölln, und grundsätzlich heißt es auch aufpassen. Aber natürlich sollte man den Leuten gestatten, die Lieder selbst zu interpretieren. Es kann ja auch als politisches Anti-Nazilied verstanden werden, aber ich möchte das eher offenlassen. Die Zeile "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" ist ja an und für sich sehr sperrig, und ich finde, dass sie auf einer künstlerischen Ebene meine innere Zerrissenheit ausdrückt. Musikalisch lässt sich das mit dem Bruch nachvollziehen, wo das Stück auseinanderfällt. Das ist ein musikalischer Fake, da kommt sogar Jazzrock rein und deshalb klingt das Ganze ein wenig holprig und taugt eben nicht zur Hymne. Es ist mehr kontrolliertes Chaos und kein straighter Rock. Wir glauben aber, das Lied wird schon richtig verstanden, so wie wir es interpretieren. Auf der Bühne bringen wir es auch recht komödiantisch. Über diesen Song ist ja schon ziemlich viel geschrieben worden, doch wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Es ist halt wieder so eine Mediengeschichte, die Journalisten nehmen das alles viel wichtiger als die Leute, die sich die Platten kaufen und zu unseren Konzerten kommen.

Blumfeld und L’Age d’Or
Jochen Distelmeyer von Blumfeld hat die Zeile "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" gefallen und hat uns gefragt, ob er den Spruch in einem seiner Lieder verwenden kann. Er hat das dann ja auch in einem seiner Stücke verbraten. Dann wollte er uns als Vorband für ihre Tour im letzten Jahr. Blumfeld sind Leute, die ihren Erfolg dazu benützen, um damit auch andere, unbekannte Bands weiterzubringen, wie eben uns. Eher nicht so gut finde ich es aber, wenn uns die Presse als eine Art Antimodell zu Blumfeld erklären möchte. Solche Aussagen wie "Tocotronic, das ist Blumfeld für weniger Intellektuelle" sind Schwachsinn und das geht auch wieder mal von den Medien aus. Wir spielen ja ganz andere Musik, obwohl wir Blumfeld mögen. Unser Plattenlaber L’Age d’Or macht da gar nicht so groß rum mit Anzeigen und Push-Aktionen und so, das geht mehr automatisch. Die Tour lief ja bis jetzt sehr gut, es sind meistens zwei-, dreihundert Leute, die zu unseren Konzerten kommen und auch ihren Spaß haben. Wir sind uns dessen bewusst, dass es eigentlich ungewöhnlich ist, wenn eine Band so schnell erfolgreich wird. Das lag eben vor allem an den ganzen Plattenkritiken und Interviews. Wie haben da eher in kleinen Schritten gedacht, genauso wie auch L’Age d’Or. Allerdings wollten wir aber auch nicht mehr nein sagen, als es sich so gut anließ. In Hamburg kennt man ja außerdem die ganzen Schreberlinge in dieser ziemlich kleinen Szene und so sind auch die Verbindungen da. Zum größten Teil verantwortlich für den ganzen Rummel ist aber "Spex". Dort arbeiten einige Leute mit L’Age d’Or zusammen, so nach dem Mooto "eine Hand wäscht die andere". Da kommt man wieder drauf, wie klein die Welt ist. Man muss aber auch sehen, dass wir nicht die erste Band sind, die so gepusht wurde wie wir, das galt auch für Die Regierung oder Das Neue Brot. L’Age d’Or ist eben sehr geschickt mit der Presse, und das Label arbeitet auch sehr viel. Die Sache mit dem Vertrieb kommt auch noch dazu. Vor ein paar Jahren war das ja noch ein Ein- oder Zwei-Mann-Unternehmen, jetzt beliefern sie ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich.

Man macht ja auch nichts, was man nicht machen will
Ich glaube, es gibt mehrere Faktoren, die unseren bisherigen Erfolg ausmachen, obwohl er sich eigentlich noch in Grenzen hält. Zum einen ist die Aufmerksamkeit für deutsche Sachen durch Bands wie Blumfeld, Zitronen usw. sicher gestiegen, zum anderen kann es ja auch sein, dass wir echt gut sind. Trotzdem muss man die Halbwertszeit dieser Geschichte sehen. Die Medien feiern einen ein-, zweimal total ab und in der nächsten Saison ist wieder eine andere Band angesagt. Das ist eben das Popmusik-Prinzip. Ich finde es auch blöd, wenn jemand sagt, ich möchte mit meiner Musik jahrelang über die Dörfer ziehen, nur weil ich mal Erfolg hatte, koste es, was es wolle. Da sind mir eben andere Sachen wichtiger. Ich möchte lieber aufhören, bevor es zuviel wird, wenn man z.B. von den Leuten zu sehr vereinnahmt wird und die Persönlichkeit draufgeht. Oder wenn meine Freundin, die ebenfalls Musikerin ist, meinen würde, so geht unsere Beziehung nicht weiter. Oder wenn wir drei uns nicht mehr verstehen würden – da käme ja wahrscheinlich auch nichts mehr raus. Im Moment sind wir selbst manchmal überrascht. So wie hier, wenn wir sehen, dass die Szene Wien derart voll ist, obwohl wir uns eigentlich für eine ganz komische Band halten. Das ist dann manchmal schwierig nachzuvollziehen.

Hamburg rockt und Gitarrenhändler sind schlechte Menschen
Klar, Gitarrenhändler arbeiten wie andere Leute auch, aber unserer Meinung nach eben schlechter. Ich habe das Gefühl, dass ich von oben herab behandelt werde, wenn ich in einen Gitarrenladen gehe und Saiten kaufen möchte. Die wollen einem dann irre viel Zeug andrehen, das man nicht braucht, und haben eigentlich gar keine Ahnung von Musik. Bei diesem Text ist schon ein bisschen was dran, es ist zum Teil ernst, aber auch witzig gedacht. Oft macht es ja auch Spaß, zu polemisieren. Den Pressetext von Marc Fisher, der mit unserer CD ausgeliefert wurde, fanden wir eigentlich auch nicht so toll, aber vielen Leuten hat er gefallen. Wir wollten halt versuchen, mit dem Info etwas eher Unübliches zu machen. Mir gefällt es vom Literarischen her nicht, und auch das Generation-X-Gehabe mit dem Macho-Schluss ist nicht so gelungen. "Gen X", das sind eben so Begriffe, an denen zwar schon etwa dran ist, ich finde jedoch, dass jede Generation so was besaß. Das war schon in den Fünfzigern der Fall, siehe James Dean mit "Denn sie wissen nicht, was sie tun" oder auch mit der "Klasse von 1984". Unsere jetzige Tour dauert 16 Tage, ist also relativ kurz, aber wir müssen ja auch noch studieren. Wir finden das auch gut so. Drei Tage länger touren würde schließlich auch bedeuten, dass ich meine Freundin drei Tage länger nicht sehen kann. Man sollte das mit der Musik nicht so ernst nehmen, das passiert speziell in Hamburg viel zu sehr. Natürlich ist es auch schön, und es kommen dabei sehr viele Gefühle zutage, aber als Lebensziel? Ist doch nur Musik.

Quelle: Malzer, Andrea: Tocotronic. In: Chelsea Chronicle 2/95, Seiten 20-21

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