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SCHOCOHONIC
Mit freundlicher Genehmigung von Headspin

Ich möchte Teil einer Cordhosenbewegung sein...

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich eines Abends eine Beach Boys-Platte auflegte, das Licht in meinem Zimmer ausmachte und mich ins Bett legte. Bevor ich einschlief, be-schloß ich, die Trompete - die ich damals im örtlichen Posaunenchor betätigte - an den Nagel zu hängen und Gitarrespielen zu lernen. Damals war ich ungefähr dreizehn. Ein paar Jahre später fielen mir (und dafür danke ich dem Schicksal auf Knien) Frühwerke von Dinosaur. Jr. und den Lemonheads in die Hände und ich beschloß, elektrisiert von dieser neuen Welt, die sich mir auftat, selbst in einer Band zu spielen. Anfangs diesen Jahres fand ich dann plötzlich das Vorabtape zum Tocotronic-Al-bum "Digital ist besser" in der Post und zum ersten Mal seit ewigen Zeiten setzte ich mich tatsächlich mal wieder mit meiner Gitarre vor die Anlage und begann, Akkordfolgen und Melodien rauszuhören und nachzuspielen. Die letzte Platte, bei der ich das so intensiv betrie-ben hatte, war "nevermind" von ein paar unbe-kannten Slackern namens Nirvana gewesen... Doch Lieder wie "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" oder "Drüben auf dem Hügel" sprachen (und sprechen) mir auf so eigenartige Weise aus der Seele und ich fühl(t)e mich ihnen so nahe, daß ich sie unbedingt selbst spielen und singen wollte.
Denn es macht einen Unterschied, ob man ein paar Amis von High School Romanzen, von Dairy Queens, "the golden rule" oder von Highways singen hört, von Dingen also, die man nur bedingt nachvollziehen kann, weil man sie in der eigenen Kultur so einfach nicht erlebt, oder ob man Lieder hört, in der diese ganze Scheiße angeprangert wird, die ein deutsches Wochenende nunmal so ausmachen: Kaffee und Kuchen, Verwandtenbesuche, Michael Ende, Gartenarbeit, Gemütlichkeit, Sportver-ein, Frühstücksflocken, Ausgehzwang und so weiter und so weiter. Das ist es, was die Songs von Tocotronic so sympathisch macht: Diese ständige Gewißheit, das auch zu kennen, was da besungen wird, sei es die Imbißbude am Bahnhof, der letzte Sommerferientag oder Gefühle wie "nichts wird so sein, wie es war".

Dirk von Lotzow bietet erstmal jedem eine Zigarette an, als Michael und ich mit Tocotro-nic auf dem Spielplatz neben der Münchner Kulturstation sitzen, und lobt das Regierungsin-terview in Headspin #9, das er mal irgendwann gelesen hat. Die vielen Fußballfans haben ihn etwas verstört (Ajax Amsterdam gastierte an dem Tag in der Landeshauptstadt), aber sonst sei München schon recht schön, für Fußball interessiere sich eigentlich keiner von ihnen so recht, Jan gibt daraufhin zu, Motorsport zu mögen. Dirk, der ursprünglich aus Offenburg stammt, begann in Freiburg zu studieren, sat-telte dann auf Jura um und gelangte so nach Hamburg, in die Hauptstadt des neuen deut-schen Diskursrocks, Twingeltwangelbeats, wasauchimmer. Dort traf er Jan und Arne, zwei dicke Freunde, die zusammen schon bei den "Punkarschis" (auch ein Name wie in Stein gemeißelt) die Bassaiten und Schlagzeugfelle bearbeiteten und so wurde kurz darauf die Gruppe "Tocotronic" aus der Taufe gehoben.

[Tokkotronick] mit englischem R und Kurz-Os oder [Tokotrooonik] mit deut-schem R und langem O?
Dirk: Wir sagen eigentlich Tokotrooonik (also deutsch).
Jan (schnell): ich sag "tronnnic" (in weltmänni-schem Englisch).
Arne: Wobei einem "Tokotrooonik" ja schon irgendwie leichter über die Lippen geht, ne...
Jan (beharrlich): "tronnnic" is aber eigentlich cooler.
Dirk: Wir wollten halt auf alle Fälle einen Na-men, der nicht nach Gitarrenband klingt. Und wir wollten auch keinen so Namen wie "Die Regierung" oder sowas, wobei das ein guter Name ist, aber das wollten wir halt nicht.

Es wäre ja auch etwas peinlich, sich jetzt noch so in diese äh... "alte Hamburger Schule" einreihen zu wollen...
Dirk: Klar, da gibt es schon so viel und auch so viel Gutes und wenn man versuchen würde, das nachzumachen, kann eigentlich nur Mist bei rauskommen. Und deswegen haben wir das auch so ein bißchen bewußt technomäßig gehalten, weil wir uns nicht so als die konser-vativen Gitarrenrocker sehen.

Konservativ hin, technophiler Name her, musi-kalisch sind Tocotronic Chuck Berry oder den Stones jedenfalls näher als Aphex Twin oder Felix Da Housecat. Ihre Wurzeln - und somit wäre wieder ein Bogen zur manchen Leuten etwas seltsam erscheinenden Einleitung ge-schlagen - liegen wohl am ehesten im Bereich des amerikanischen Post-Hardcores, "Bug" von Dinosaur Jr., "Fall" von den Moving Tar-gets, "Creator" von den Lemonheads, mit anderen Worten: Wären Tocotronic Amerika-ner, hätten sie "Digital ist besser" höchstwahr-scheinlich in Fort Apache aufgenommen...
Dirk: Die Wurzeln für die Sachen mit verzerrter Gitarre, also die etwas rock'n'roll-mäßigeren liegen schon eindeutig im Amerikanischen, eben diese Dinosaurmusik und Artverwandtes. Bei diesen mehr balladesken Stücken würde ich dann eher sagen Jonathan Richman, den finde ich sehr gut...
Jan: Pallace Brothers...
Arne: (lacht) Lennon/McCartney...

Etwas später, wir sind gerade beim Thema "Fünf Freunde" angelangt, eine Band mit der Tocotronic mehr verbindet, als nur der gemein-same Wohnort, unterbrechen wir das Ge-spräch für den Soundcheck, auf der Cassette des "geborgten" KJR-Diktiergeräts finden sich durch die entstandene Lücke ein paar interessante Dinge:
Wolfgang Scholz (irgendwas diktierend, im Hintergrund Polkamusik): zweitens sehen, neue Zeile, drittens sprechen Schrägstrich hören. Praktischer Teil...

Durch diese Unterbrechung ist allerdings eine wichtige Information nicht auf dem Band ent-halten, die wir euch dennoch nicht vorenthalten wollen. Während des Soundchecks verrät Dirk nämlich den Grund für die große Heiterkeit beim Thema "Fünf Freunde": Er und Sängerin Julia sind zusammen, wir nehmen dies zum Anlaß den "battle of the teenage Aufruhr-Bands" auszurufen, dazu kommen wir jedoch erst weiter hinten...

Jetzt natürlich noch die unvermeidliche Hamburgfrage: Was ist dran an diesem "jeder kennt jeden und man hängt zusam-men ab" oder besser: Inwieweit trifft das auf Euch zu?
Arne: Ja, mit den einen mehr mit den anderen halt weniger weil ja in Hamburg weil es ja nur zwei Kneipen gibt in die man gehen kann und da trifft man alle...
Dirk (grinsend): Warum redest du jetzt wie Myriam?
Arne (verlegen): Ich zitiere...
Dirk: Man muß halt sagen, daß Hamburg von der Szene her ja schon sehr klein ist und natür-lich kennt man die dann fast alle.

Und empfindet ihr das als positiv?
Arne: Jaaaa, ist schon gut.
Dirk: Doch, es ist schon sehr kollegial und eine sehr nette Szene. Ich bin zum Beispiel sehr überrascht wie wenig Konkurrenz es da gibt, es macht jeder so sein eigenes Ding und ir-gendwie ja auch jeder relativ erfolgreich.
Jan: Sehr wohlwollend auch uns gegenüber, obwohl wir da ja gar nicht so herstammen aus dieser Szene, gerade so die älteren Bands wie die Zitronen die versuchen zum Beispiel über-haupt nicht irgendwie "ihr Territorium" zu ver-teidigen und uns wie Eindringlinge zu behan-deln.
Dirk (sichtlich erfreut): Klar, da kommt dann auch mal Tilman Rossmy und klopft einem väterlich auf die Schulter, das fand ich eigent-lich ziemlich reizend.

Tocotronic also als "Neue in der Hamburger Schule" (übrigens ein neuer, live gespielter und nicht wirklich guter Song von ihnen), die einerseits musikalisch wie textlich ihr eigenes Ding durchziehen wollen, sich aber über Anerken-nung aus Kreisen etablierter Diskursrockgrö-ßen trotzdem freuen wie die Schneekönige. Aber wer würde das nicht? Idiotisch deshalb wohl auch der Versuch einiger Musikjournali-sten, Tocotronic als teeniekompatible Gegen-bewegung zur intellektuellen, kopflastigen Bands wie Blumfeld aufbauen zu wollen, ein Unterfangen, gegen daß sich die Band auch ganz entschieden wehrt.
Arne: Montag stand ja erst wieder was im Jugendmagazin jetzt der Süddeutschen und wir haben zwar schon mit dem Typen geredet können uns aber weder erinnern die Fragen gestellt bekommen zu haben, die jetzt da ste-hen, noch die abgedruckten Antworten gege-ben zu haben.
Jan: Wobei die Sachen die dort stehen inhalt-lich schon okay sind...
Dirk: Ja klar, nur daß Arne und ich mit ihm geredet haben und jetzt steht da "5 Fragen an Dirk" und eben auch Fragen, die der uns so nie gestellt hat.

"Überflüssige Scheiße von Kunststudenten für Literaturstudenten oder umgekehrt" schreibt das "Plot" [damaliges Hardcore-Fanzine, Anm. CK], "Die werden so 'ne typische Spex-Band" meint Nicole, die mit Dirk mal in Offen-burg auf der Schule war...
Arne: Spex habe ich eigentlich bis wir drin standen nie gelesen, jetzt finde ich's aber eine ganz okaye Zeitung. Die Gurke [Spex-Redakteur Christoph Gurk, Anm. CK] ist auch ein netter Typ, schreibt aber dann doch irgendwie immer anders...
Dirk: Stimmt. Naja und in gewisser Weise sind alle diese Hamburger Bands sind letztlich Spexbands, aber es gibt ja auch schlechteres als das. Und daß da eine Achse Köln-Ham-burg existiert, kann nunmal keiner bestreiten.

Aber um nochmal auf das oben angesprochene Nachvollziehbare, universell Zutreffende - böse Zungen würden sagen Gemeinplatzhafte - in den Texten zurückzukommen, gut getroffen ist auf jeden Fall das frustrierende Leben in der Kleinstadt, immer dieses Gefühl "drei Schritte vom Abgrund entfernt" zu sein und trotzdem nicht springen zu können, eingebettet in ein teuflisches Netz aus Sportverein, Tanztheater und Backgammonspielern.
Dirk (funkelnd): Ja, diese Backgammonspieler sind eine ganz schlimme Zunft, die sitzen den ganzen Tag in so Cafés rum, trinken einen Kaffee und wenn man da an denen vorbeigeht oder sie anspricht meinen sie "Bitte stör mich nicht, ich spiel grad und das is ganz wichtig".
Arne: Vor allem wenn man das doofe Spiel dreimal gespielt hat, hat man durchschaut, wie man die Steine setzen muß und dann ist es einfach nur noch stinklangweilig.
Dirk: Total beknackt!
Jan: Die sollten lieber mal was Vernünftiges spielen, zum Beispiel Schach...
Dirk: Die Typen gibt's überall, das ist echt die Pest, wo man hinkommt sitzen die rum, packen ihre Taschenbackgammons aus und fangen an.
Arne: Aber es ist ja auch irgendwie schön, wenn's Sachen gibt, die überall gleich sind, wenn das bei Euch in der Kneipe zum Beispiel genauso ist wie bei uns, ich war übrigens letz-ten Sommer in Fürstenfeldbruck. Bei Frank Henne. Seine Eltern haben so einen Sanitärbe-darfshandel und da habe ich schon so manch schönen Sommer verbracht...
Dirk: Man denkt dann eigentlich, z.B. bei die-ser Backgammonsache, "Das kann jetzt kein Mensch mehr nachvollziehen", aber daß da noch jemand anders drunter leidet, das ist schon toll... Ich zehre ja auch teilweise immer noch so aus Erinnerungen an die Kleinstadt, deswegen heißt das Stück ja auch "Freiburg", was nicht heißt, daß es sowas in Hamburg nicht auch gibt.

"Ich bin schon aufgewacht
mit dem schlechten Gewissen etwas zu vermissen
ich hab nachgedacht
den Kopf versunken in meinem Kissen
und es wird mir klar
nichts wird so sein wie es war..."

"Fahr doch mit dem Fahrrad
in ein anderes Stadtgebiet.
Sag hallo zu einem Mädchen
das dich erstmal übersieht.
Lade sie zum Eis ein
Stracciatella oder Nuss
vielleicht bedrückt sie was
über das sie reden muß.
Wahrscheinlich hat sie gar keine Zeit
die Idee ist gut,
doch die Welt noch nicht bereit."

"Es ist klar, ich kenn jetzt
'ne ganze Menge Leute
aber irgendwann
ging's mir besser schon als heute
zum Beispiel letztes Jahr
im Sommer"

"Auf der Straße denken Leute
'Wie sieht der denn aus?'
Daß Leute doof sind
setz ich als bekannt voraus
In einer Gesellschaft
in der man bunte Uhren trägt
in einer Gesellschaft wie dieser
bin ich nur im Weg"

"Jetzt müssen wir wieder in den Übungsraum
Oh Mann ich hab heut überhaupt kein' Bock
Jetzt müssen wir wieder in den Übungsraum
Oh Mann ich hab heut schon was bes-s'res vor"


Battle of the TEENAGE AUFRUHR-Bands

Fünf Freunde vs. Tocotronic


Soundtracktauglichkeitsfaktor für den Aufstand:
Tocotronic: 6 Punkte (da oftmals ein wenig weinerlich und ohne den richtigen Kampfgeist)
Fünf Freunde: 9 Punkte ("Aggro, Aggro" sei der Kampfschrei und "Liebling laß uns Waffen klauen" die Parole)

Partyfaktor bei Konzerten:
Tocotronic: 4 Punkte (durch ihr Schüler-bandauftreten und Arnes liebenswerte Art eher herzerwärmend als aufput-schend)
Fünf Freunde: 7 Punkte (Gitarristen klet-tern auf Boxentürme, Trompeten schmettern fröhliche Melodien, lediglich etwas mehr musikalische Abwechslung könnte auf Dauer nicht schaden)

Cordhosenfaktor:
Tocotronic: 10 Punkte (100% der Bandmitglieder gehen in Corduroy)
Fünf Freunde: 6 Punkte (schwankend, 33% - 66% Cordquote)

Kann man mit Textzitaten angeben?
Tocotronic: 9 Punkte (supergut sogar, weil universell anwendbar ["Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse, Zauberkünstler/Copyshopbesitzer/Kulturmafiosi dieser Stadt..:"])
Fünf Freunde: 7 Punkte (Ziemlich guter Prahlfaktor, vor allem, wenn man gerne mal ein bißchen den Rebellen spielt)

Vorläufiges Endergebis:
Tocotronic: 29
Fünf Freunde: 29

War ja klar...

(Christoph Koch)

Quelle: Headspin #12

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