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Biest's Tocotronic Interview
Mit freundlicher Genehmigung von Steffie Bieber (Biest)..

Müde? Frustriert? Verwirrt? Genervt? Verzweifelt? Gelangweilt? Verliebt? Wie immer man sich gerade fühlt, was immer man gerade durchmacht, irgendwo gibt es den passenden Tocotronic-Song dazu. Die Fans lieben das, doch Tocotronic selbst hatten nach vier Platten voller Identifikations-Potential genug davon, von jedem zwischen 16 und 26 als Seelenverwandte vereinnahmt zu werden. Die neue Platte "K.O.O.K" ist anderes - und doch ganz Toco. Eingängig war der geradlinige Gitarren-Schrammelrock schon immer, doch nun, bereichert durch hübsche, elektronische Spielereien und dem Einsatz von Streichern und Bläsern, bekommen die Songs eine neue, geradezu epische Tiefe. Die Texte, auf den ersten Blick die übliche Mischung aus Weisheit und poetischem Nonsens, verpackt in geniale Schachtelsätze, die das Herz eines jeden Germanistikstudenten vor Freude höher schlagen lassen, sind von rätselhafter Mystik, die Melodien leiser, düsterer, melancholischer als je zuvor. Statt starker Slogans werden fast romantische Bilder beschrieben und eine Identifikation wird erst nach längerem Nachdenken ansatzweise möglich. Eventuell, denn vielleicht meinen Dirk, Jan und Arne das alles auch ganz anders. Die konkreten Feindbilder sind einer lakonischen Feststellung der Unzulänglichkeiten dieser Welt gewichen. Gesellschaftliche Resignation versus privates Glück. "Man braucht nicht viel davon um glücklich zu sein, wir küssen uns im Sonnenschein - das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein!" Aber auch ein neues Selbstbewußtsein. Aus "Ich bin viel zulange mit euch mitgegangen, und ich weiß nicht genau ob ich jetzt noch mal umkehren kann" wird "Wir sind raus, und wir sind stolz darauf!". Biest traf Dirk von Lotzow, Sänger und Gitarrist bei Tocotronic, vor dem letzten Konzert der "K.O.O.K."-Tour in der Berliner Arena.

Ihr haltet Euer Privatleben gern unter Verschluß, oder? Selbst eingefleischte Fans wissen wenig über Euch als Person und sogar das Internet, sonst unerschöpfliche Informationsquelle verrät nur wenig.
Eigentlich nicht. Es kommt darauf an, was man unter Privatleben versteht, was man von uns wissen will. Natürlich, das allerprivateste Leben schottet man natürlich ab, einfach weil das niemanden etwas angeht. Das macht ja jeder.
Was habt ihr denn vor Tocotronic gemacht?
Wir haben halt vorher studiert. Ich habe Kunstgeschichte und Germanistik studiert, aber nicht fertig, dann habe ich ein bißchen Jura studiert. Jan hat auch Jura studiert, da hab ich den auch kennengelernt. Und Arne studiert immer noch nebenbei Illustration an der Hamburger Kunsthochschule.
Das ist heute das letzte Konzert dieser Tour. Ein befreiendes Gefühl?
Ja, schon. Wir waren jetzt einen Monat auf Tour und das war auch eine wirklich sehr schöne Tour und wir haben auch extrem viele schöne Erfahrungen gemacht, aber wenn man jetzt weiß man ist fertig, dann will man auch nicht mehr weiter. Wenn man jetzt wüßte, man müßte noch fünf Konzerte spielen, würde man das natürlich auch machen. Wir sind auch alle gesundheitlich etwas angeschlagen, aber das ist eigentlich nichts Außergewöhnliches, das passiert eigentlich immer. Wir touren meistens im Frühjahr oder Herbst und da wird man halt immer krank. Und wenn erst einer krank ist, kriegen es alle. Man sitzt den ganzen Tag im Bus, da wirbeln die Bazillen herum - sehr unangenehm. Aber eigentlich ist das schon normal, ich glaube ich hab das noch nie erlebt, auf Tour nicht krank zu werden. Da kann man auch jede Band fragen.
Was steht denn jetzt als nächstes an, erst einmal Urlaub?
Gar nichts. Wir machen ja alle drei noch ein paar Sachen nebenbei, darum kümmert sich jetzt erst einmal jeder. Private Sachen oder andere Projekte. Jan produziert nebenbei, ich werd' halt manchmal gefragt ob ich irgendwo was singe und Arne auch. Arne zeichnet nebenbei noch Trickfilme und ich schreibe nebenbei noch für die Zeitschrift "Texte zur Kunst". Das finde ich sehr interessant, einfach weil es etwas ganz anderes als Musik ist und mit dieser Musikwelt gar nichts zu tun hat. Beispielsweise ist diese Kunstwelt ganz anders strukturiert, obwohl es natürlich Parallelen gibt. Viele Musiker sind ja gleichzeitig Künstler. Außerdem ist es eine Arbeit, die man allein an seinem Schreibtisch verrichtet. In d einer Band zu spielen ist natürlich in erster Linie Teamarbeit.
Gutes Stichwort. Wenn man Monate miteinander verbringt und sich jeden Tag rund um die Uhr auf der Pelle hängt, geht man sich da irgendwann auf die Nerven? Seit ihr froh, daß jetzt jeder erst einmal etwas Zeit für sich hat?
Das auf jeden Fall. Aber grundsätzlich ist das ja so, daß wir uns als Band nicht irgendwie nach musikalischen Kriterien gefunden haben, sondern das die Band ja eigentlich aus einer Freundschaft heraus entstanden ist. Und darum gehen wird uns halt nur in dem Sinne auf die Nerven, wie sich halt sehr sehr gute Freunde manchmal auf die Nerven gehen, aber nicht grundsätzlich. Wir verstehen uns eigentlich sehr gut.
Habt ihr schon eine Idee, was die nächste Single sein wird?
Es ist angedacht, daß wir vielleicht noch eine Single rausbringen. "Morgen wird wie heute sein". Aber mal sehen.
Gute Wahl. Ein sehr schönes, melancholisches, fast episches Stück. Aber natürlich absolutes Kontrastprogramm zur aktuellen Single "Jackpot".
Das ist natürlich eine Seite von uns, daß wir sehr ruhige Stücke haben. Wir hatten jetzt als Single zwei, die nicht so ruhig ist. Darum haben wir uns jetzt für dieses Stück entschieden, weil es einen anderen Teilbereich von dem abdeckt, was wir machen.
Zum Album: alle Feuileton-Journalisten sind offenbar der Meinung, ihr wärt plötzlich erwachsen geworden und ihr würdet die Dinge nicht mehr so negativ angehen. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich mir die Platte anhöre habe ich den Eindruck, daß sie fast melancholischer den je ist. Die konkreten Feindbilder sind zwar verschwunden, die Unzulänglichkeiten dieser Welt werden lakonisch, fast ein wenig resigniert festgestellt. Ich würde für mich die Botschaft daraus ziehen: Genießt euer eigenes kleines Leben, denn im Endeffekt geht doch alles den Bach runter.
Es geht eigentlich nicht konkret um eine Botschaft, die man vermitteln will. Es ist grundsätzlich nicht so einfach, die eigenen Texte zu interpretieren und ich glaube auch nicht, daß es die Aufgabe eines Künstlers ist, die Interpretation seines Werkes gleich mitzuliefern, ich glaube sogar daß das sehr falsch ist. Ich weiß natürlich was ich mit den Texten sagen will, aber gerade weil man bestimmte Sachen nicht konkret in einem Essay oder so ausdrücken kann wählt man ja die Form des Songs, weil man da zwei Möglichkeiten des Ausdrucks zur Verfügung hat: den Text und die Melodie. Und was solche Sachen wie das Erwachsenwerden abgeht: ich glaub einfach, daß das so Medienmechanismen sind. Wir haben einfach sehr jung angefangen, so mit 22, und sind da schon sehr an die Öffentlichkeit gegangen, und das in einem Genre, daß eher von älteren Leuten besetzt war. Das was man so gemeinhin als Diskurs-Rock versteht, wurde damals von Leuten gemacht, die einfach wesentlich älter waren als wir, und wir waren die Nesthäckchen. Und dann ist es so: bis zu einem bestimmen Punkt bleibt man in den Augen der Medien immer 22. Während der nächsten Platten sind wir natürlich älter geworden, ich bin jetzt 29, aber irgendwie wird das erst ab einer bestimmten Schnittstelle wahrgenommen: aha, jetzt sind sie erwachsen. Es wird kein fortschreitender Prozeß wahrgenommen. Bis zu einem bestimmten Punkt sind das halt die jungen Typen, die jugendlichen Heißsporne oder Rebellen oder weiß ich was es da für Stereotypen gibt, und dann sind die plötzlich erwachsen. Ich glaub, daß war schon bei den Beatles so. Deshalb kann man da nicht so viel darauf geben. Für einen selber ist das ja ein fortlaufender Prozeß. Im Übrigen glaube ich, ist man auch mit 22 schon erwachsen. Klar gibt es auf der Platte keine konkreten Feindbilder mehr, weil ich glaube, daß das einfach von uns ausgeschöpft worden ist. Da kann man sich nur noch wiederholen.
Aber die Melancholie der Platte kannst du nicht abstreiten. Bist du ein melancholischer Mensch?
Ja. Ich finde, das Problem mit Melancholie ist, daß das auch eine sehr passive Sache sein kann. Das kann leicht in eine Art Selbstzufriedenheit abrutschen: "Happy to be unhappy" und das ist etwas, was ich eigentlich nicht möchte. Ich glaube schon, daß es bei und darum geht, bestimmte Inhalte zu vermitteln und auch bestimmte Sachverhalte zu analysieren: gesellschaftliche oder politische Tendenzen. Wir haben uns auch immer als linksgerichtete Band verstanden. Es geht also definitiv nicht darum, sich einzurichten in seinem Melancholie-Haus, in seinem Kerzenbestückten Wohnzimmer wo es sich dann schön behäbig traurig sein läßt. Grundsätzlich sind wir aber natürlich schon auf eine gewisse Art melancholisch. Es gibt natürlich auch musikalisch bei uns eine gewisse Tradition von trauriger Musik, die wir einfach verfolgt haben und die uns auch immer extrem interessiert hat. Da passieren viele Sachen auch über die Musik.
Wenn man die erste Platte "Digital ist besser" und "K.O.O.K" hintereinander hört kann man sich schwer vorstellen, daß es Platten dazwischen gab...
Es ist natürlich für uns sehr schwer das zu bewerten, aber ich glaube auch, daß sich mit der neuen Platte der Kreis geschlossen hat. Daß, um das mal selbstkritisch zu sagen, im Grunde alle Platten die nach der ersten kamen im Grunde genommen eine Art Sekundärliteratur zu "Digital ist besser" waren, eine Fortführung von bestimmten Motiven und Stilmitteln und eine Ausreizung dieser Stilmittel, das Zusammenspiel von Leise und Laut, oder Schnell und Langsam. Und bei der neuen Platte haben wir tatsächlich versucht, eine andere Richtung einzuschlagen. Deshalb knüpft es in gewisser Hinsicht eher an die erste Platte an. So wollten wir das eigentlich auch verstanden wissen.
Im Gegensatz zu "Wir kommen um uns zu beschweren" und "Es ist egal, aber" gehören "Digital ist besser" und "K.O.O.K." zu der Sorte Platte, die man von Anfang bis Ende durchhören kann. Alle Songs passen zusammen, wie die Kapitel eines Romans. Die Alben dazwischen haben das Problem, daß immer, wenn man gerade so richtig in nachdenklicher, Trauriger Stimmung ist, plötzlich ein Krachstück kommt.
Das stimmt. Das ist auch etwas, was uns im Nachhinein an der ersten Platte sehr gut gefallen hat. Man taucht ein in eine seltsame Welt oder Weltanschauung, die da präsentiert wird auf 18 Stücken. Und das stimmt, bei den Platten dazwischen, daß sind eigentlich eher Stücksammlungen. Die neue Platte ist sehr viel geschlossener, Das war auch unser Anliegen, genau diesen Effekt herzustellen. Konzeptalbum ist natürlich ein sehr strapazierter Begriff, aber es geht in die Richtung. Wir haben sehr konzeptuell gearbeitet
Ihr habt euch diesmal auch ziemlich viel Zeit gelassen. Früher ist jedes Jahr ein Album erschienen, jetzt habt ihr zwei gebraucht.
Wir haben schon sehr bald nach der letzten Platte und den Touren zur letzten Platte angefangen, neue Stücke zu schreiben. Und wir haben uns tatsächlich Zeit gelassen, weil es uns nicht nur darum ging, eine bestimmte Anzahl von Stücken zu schreiben, die dann auf die Platte kommen, und die dann sie Platte ausmachen. Es ging uns schon darum, wie du sagtest, eine sehr einheitliche Wirkung zu erzielen und demzufolge haben wir sehr viele theoretische, konzeptuelle Gespräche darüber geführt, wie das ganze aussehen soll. Damals war es das Prinzip, das wir verfolgen wollten, was uns auch sehr interessant erschien, in Anknüpfung an die amerikanische Tradition von LowFi-Musik, wo wirklich ganz extrem schnell und unmittelbar Platten kamen, die immer wieder Befindlichkeitsspiegel desjenigen, der sie gemacht hat, dokumentiert haben. Und zwar auf eine sehr unreflektierte Art. Das was gesagt wird, das was man empfindet muß raus, das muß jetzt dokumentiert werden und das muß so schnell wie möglich gehen, weil das Verfallsdatum der Stücke so schnell ist. Und das wollten wir halt bei dieser Platte vermeiden, weil uns dieses Prinzip, alles so schnell wie möglich zu machen, es so authentisch wie möglich rauszuhauen, nicht mehr so reizvoll erschien, nachdem wir das nun vier Mal gemacht haben.
Fällt euch das jetzt auf, wenn ihr bestimmte Stücke live spielt, daß man Probleme hat, sich in die Lage oder Stimmung, in der man war, als man das Stück geschrieben hat, wieder hineinzuversetzen?
Das kommt so'n bißchen darauf an. Da spielen sehr viele Faktoren mit rein. So'n ganz banaler Punkt ist z.B. wie das auf der Bühne klingt. Manchmal klingt es sehr abstrakt, das hängt dann wieder von tausend Faktoren ab, vom Raum oder was-weiß-ich, der Geräuschdämmung. Und dann fällt es einem tatsächlich schwer. Aber manchmal ist man da so richtig drin. Und natürlich gibt es auch Stücke, die über die Jahre eine andere Wendung bekommen haben. Zum Beispiel spielen wir jetzt zum ersten Mal seit der ersten oder zweiten Tour wieder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", was absurd ist, weil wir das mit 22 geschrieben haben und jetzt 29 sind. Aber ich glaube, daß das Stück jetzt schon als so eine Art moderner Klassiker, jetzt wertungsfrei, behandelt werden kann und das man das wieder machen kann und das eine interessante neue Sicht auf die Dinge damals wirft, wenn man das jetzt spielt. Insofern fühlt man vielleicht nicht das gleiche, was man damals gefühlt hat, aber man nähert sich an das eigene Werk (grinst) von einer anderen Perspektive aus an und das finde ich eigentlich sehr interessant. Und dann gibt es ein paar Stücke, wo man schon ganz ehrlich sagen muß: das hat man so oft gespielt und man könnte eigentlich drauf verzichten, aber die Leute wollen das gerne hören. Es gibt aber auch bestimmte Stücke die wir überhaupt nicht mehr spielen, weil die einfach für uns verloren gegangen sind. Zum Beispiel so was wie "Wir sind hier nicht in Seatle, Dirk", das ist wirklich absurd, so etwas 1999 zu spielen, weil der geographische Punkt Seatle überhaupt keine Bedeutung mehr hat. Das war einfach Anfang der 90er Jahre extrem wichtig für die musikalische Entwicklung, aber jetzt hat dieser Song einfach überhaupt keinen Sinn mehr.
War der Song Ausdruck des Frusts über die Situation der deutschen Musikszene?
Das würd' ich nicht sagen. Es war einfach der Versuch, Musik zu machen und in den Text gleich eine Art Scharnier einzubauen, daß man also sagt man reflektiert gleich in dem, was man singt, über den Gegenstand, über den man singt: nämlich Musikmachen. Es ging uns nicht darum, amerikanische Musik mit deutschen Texten zu machen, sondern wir wollten genau diese Situation in der wir uns befunden haben, daß wir nämlich genau diese mit deutschen Texten gemacht haben. Mittlerweile ist das einfach nicht mehr so wahnsinnig das Thema. Und ein Stück wie "Der Cousin" das ist einfach eine Momentaufnahme, eine Skizze. Das ist in fünf Minuten dahingeschrieben gewesen und ich find es auch ein gutes Stück aber es hat einfach keine Bedeutung mehr.
Nun hat sich die Situation in der deutschen Musikszene ja auch ein wenig geändert...
Ich find das immer ein bißchen schwierig. Mir fällt das schon schwer zu sagen: Musiksituation in Deutschland, weil mich Deutschland einfach überhaupt nicht die Bohne interessiert. Deutschland als Land und die Musiksituation darin sind mir einfach echt egal. Es gab immer in Deutschland gute Bands zu jeder Zeit und es gab genauso viele beschissene Bands wie es in Amerika oder England oder Pakistan wahrscheinlich gab. Diese Diskussion darüber, wie sich Musik in Deutschland verändert und das jetzt auch ein größerer Anteil deutscher Musik vom Publikum akzeptiert wird, das geht oft in so 'ne nationalistische Richtung, was ich einfach zutiefst ablehne. Weil es überhaupt nicht darum gehen kann, deutsch zu singen und oftmals, wenn darüber geredet oder geschrieben wird, sind die Paradigmen die da angebracht werden immer Verständlichkeit oder Identifikationspotential und ich möchte überhaupt nicht unbedingt verstanden werden und ich glaube auch nicht, daß man in Deutschland besser verstanden wird, nur weil man deutsch singt. Das halte ich für totalen Quatsch.
Es gibt, gerade in der Independent/Alternative-Rock-Ecke, wo deutsche Bands bisher völlig ignoriert wurden, plötzlich viele deutsche Bands, die mit englischsprachigen Songs recht erfolgreich sind, ich denke da z.B. an Readymade...
Ja, ich glaube da haben sich einfach die Zeiten ein bißchen geändert. Weil so etwas, das man früher als Mainstreem bezeichnet hat, im Grunde genommen überhaupt nicht mehr existiert, außer bei ganz ganz großen Leuten, wie Janet Jackson oder so. Das klingt ja mehr nach Mainstreem. Aber die Sachen sind total seltsam produziert zum Teil. Die Grenzen sind da extrem fließend geworden. Und vieles was unter den Begriff Alternative Rock, den ich total verabscheue, vermarktet wird, ist im Grunde auch nichts anderes als derselbe Scheiß von vor 10 Jahren. Und was vor Jahren noch Independent war, ist inzwischen so 'ne Art Mainstreem geworden. Deshalb finde ich das sehr schwierig. Ungeachtet dessen ist es natürlich schon, wenn eine Band wie Readymade, die ich gut finde, Erfolg hat. Das ist ja jeder Band zu gönnen, Oder Miles, oder was es da alles gibt. Aber ob sich das grundsätzlich mit der nationalen Musiklandschaft oder mit der Bereitschaft, deutsche Bands zu hören, geändert hat, weiß ich nicht. Ein nicht unwesentlicher Faktor ist natürlich so'n Sender wie Viva 2, der einfach solchen Bands ein bißchen mehr Platz einräumt. Wobei man da auch sehr schnell an die Grenzen stößt. Man darf jetzt nicht denken, daß das ein extrem aufgeschlossenen Sender ist, da wird genauso selektiert, was paßt da rein und was nicht. Also wenn jemand extreme Avangarde-Musik macht, wird er da nicht gespielt werden. Das klingt sehr kulturpessimistisch oder resigniert, das soll's aber gar nicht sein. Ich find nur einfach, daß es uninteressant ist, das in Bezug auf ein Land festzustellen, oder auf die Deutsche Musiklandschaft, weil uns das nie in dem Sinne interessiert hat.
Wenn Euch Deutschland so fern ist, gibt es ein anderes Land, mit dem ihr Euch mehr identifizieren würdet?
*lachend* Italien... Nein, keine Ahnung. Ich kann mich mit überhaupt keinem Land und mit keiner Nation identifizieren. Ich glaube, das gibt es leider nicht. Es gibt ja kein Land, in dem Anarchie herrscht. (lacht wieder) Es gibt ja in jedem Land dieselben staatlichen und gesellschaftlichen Repressionen. Und da ist Deutschland, das muß man ja ganz ehrlich sagen, bestimmt nicht eines der schlimmsten. Ich find einfach, Musik auf nationale Phänomene hin beleuchtet, verliert einfach total ihren Reiz. Und Radymade ist doch das beste Beispiel: das ist eine deutsche Band, die könnte aber genau so gut aus England oder Amerika kommen. Das ist eigentlich total Wurst.
Eure Vorband, die Weakerthans, erinnert ein wenig an Readymade und kommen aus Kanada. Wie hat sich die gemeinsame Tour ergeben?
Wir achten eigentlich immer darauf - das kann jetzt durch das vorherige ein bißchen mißverständlich sein - nie mit deutschen Bands zu touren, wobei wir überhaupt nichts gegen deutsche Bands haben, wir sind sehr gut befreundet mit ganz vielen deutschen Bands: die Sterne und The Notwist und so. Das hat damit gar nichts zu tun. Aber da wir dadurch, daß wir deutsch singen, ziemlich selten aus dem deutschen Sprachgebiet rauskommen, außer vielleicht Dänemark oder Holland, ist es einfach sehr interessant auf Tour zu gehen und sich jemand aus einem anderen Land hierher zu holen. Das ist so ein bißchen das Konzept. Wir dachten auch, daß das gut ist für die Leute.

Man hat Euch im Sommer auf einigen Festivals gesichtet...
Ja. Ich war da gar nicht da, ich war da im Urlaub, aber Arne und Jan waren da weil da Blumfeld gespielt haben, die haben sie besucht, und Pavement, mit denen sind wir auch Sonn bißchen bekannt.
Lustig daß du das ansprichst. Mir hat neulich jemand gesagt, eure Songs würden ihn ein bißchen an Pavement erinnern.
Gewisse Einflüsse kann man vielleicht nicht leugnen. Es gibt da schon Parallelen, einfach in der Herangehensweise. Wir haben einen sehr ähnlichen ironischen Umgang mit Zitaten und dem Spiel mit Bedeutungsebenen. Wir sind einfach eine ähnliche Generation, auch wenn sie ein bißchen älter sind. Und dann darf ich nicht verhehlen daß ich selber großer Pavement-Fan bin und das da schon der eine oder andere Einfluß da ist.
Ihr habt auf dem neuen Album musikalisch viel Neues ausprobiert...
Wir haben schon bei der ersten Platte Synthisiser benutzt, aber nicht in dem Umfang. Wir hatten nie Berührungsängste mit elektronischer Musik oder elektronischer Erzeugung von Klängen. Und natürlich, wenn man die fünfte Platte macht, möchte man sein Ausdrucksspektrum auch erweitern und schauen, womit man die Stücke ergänzen kann. Da bieten sich Synthisiser-Sachen an, bevor man an die Harfe denkt (grinst) erstmal das.
Es gibt auch einige sehr schöne Arrangements mit Streichern...
Ja, das hat uns extrem gereizt. Das hat ein befreundeter Musiker für uns geschrieben und eingespielt, Michael Racher von The Notwist. Wir sind halt sehr gut befreundet, da hat sich das angeboten. Er hat uns das auch schon vor zwei Jahren angeboten, das mal für uns zu machen, weil ihn das auch gereizt hat. Weil wir gegenseitig Fans sind.
Ihr seid mit vielen Musikern befreundet, seit ständig unterwegs. Fällt es da schwer, Freundschaften mit Leuten aufzubauen und zu erhalten, die aus einer ganz anderen Richtung kommen und die mit Musik überhaupt nichts zu tun haben.
Überhaupt nicht, das findet man je eher angenehm. Man ist schon mit vielen Leuten, die Musik machen befreundet, aber auf einer ganz anderen Ebene dann kommuniziert, man labert ja dann nicht die ganze Zeit über Musik. Und ganz im Gegenteil, ich finde das sogar eine ganz ganz wichtige Sache, daß man auch mit Leuten befreundet ist, die nichts mit Musik zu tun haben, in anderen Bereichen tätig sind, z.B. auch durch diese Kunstgeschichte, das ist sehr interessant. Oder meine Freundin z.B. macht Filme. Ich find das ganz extrem wichtig auch für einen selbst, daß man auch mit ganz normalen Leuten, auch Studenten, zusammen ist. Nur weil man viel Zeit in die Band investiert, wendet man sich nicht automatisch von den Leuten ab. Es wirkt für Außenstehende oft auch so, als wäre man dauernd und permanent unterwegs, aber man verbringt auch viel Zeit Zuhaue. Wenn heute das letzte Konzert vorbei ist, führen wir auch wieder ein ganz normales Leben. Man steht morgens auf, frühstückt, trifft sich mit Leuten. Man darf sich das nicht so vorstellen wie ein ewiger Rock-Kreislauf, in dem man dann drin ist. (grinst) Wir legen da auch sehr viel Wert darauf, daß das nicht passiert. Dann verliert man den Kontakt zur Realität, und das ist sehr gefährlich. Und nicht nur fürs Privatleben, sondern auch für die Arbeit. Man muß ja aus einer realen Lebensexistenz schöpfen. Wenn man nur im Backstage rumhängt, worüber soll man dann Songs schreiben? Irgendwann reduziert sich die eigene Lebenswirklichkeit auf ganz bestimmte Sachen, und das ist fatal. Aber natürlich passiert es auch, daß man mit Leuten, mit denen man früher sehr eng befreundet war, nicht mehr so viel Kontakt hat. Weil man plötzlich wirklich ein völlig anderes Leben lebt. Wobei ich nicht glaube, daß das etwas mit der Musik zu tun hat. Das ist einfach ein ganz normaler Prozeß, der unter Menschen oft vorkommt, daß man sich aus den Augen verliert, oder einfach in einer völlig anderen Situation ist als der andere und sich nicht mehr so viel zu sagen hat. Oder man zieht in eine andere Stadt und kriegt irgendwie eine andere Perspektive auf bestimmte Dinge, die der andere dann nicht hat und so. Aber ich finde es schon extrem wichtig, daß man nicht nur in seinem Kosmos lebt und darüber hinaus nichts wahrnimmt. Man macht ja Musik nicht der Musik wegen. Damit das interessant wird, ja "Kunst" wird, muß da ja eine Beschäftigung mit gesellschaftlichen oder politischen oder künstlerischen oder persönlichen Dingen einhergehen. Das man aus etwas schöpfen kann, daß man gegen oder für etwas Stellung bezieht. Wenn man das nicht tut, wenn man nur in so einer Kunstwelt lebt, in einer Glasglocke, die mit dem Rockmusikbuisines zu tun hat, dann kann man nur noch Platitüden verbreiten. So wie Aerosmith. Das eine Lieb heißt hat Crasy, und das andere I miss you und das nächste Long lives Rock'n'Roll, oder so ein Quatsch. Ich glaube, daß das extrem gefährlich ist, sich darauf einzulassen. Kunst kann nur entstehen im Austausch mit anderen, mit gesellschaftlichen Phänomenen, mit Theorien. Es geht ja nicht darum, das Kabel in die Gitarre zu stecken und zu sagen, jetzt wird gerockt. Das ist nicht Sinn der Sache, dafür ist das zu anstrengend. Dann kann man auch zu Hause bleiben. Man hat nichts zu sagen, wenn man keine Schnittstellen mit dem Rest der Welt hat.
Du hast vorhin erwähnt, daß ihr euch viel mit politischen und gesellschaftlichen Problemen befaßt. Gibt es im Moment etwas, das euch besonders beschäftigt?
Das so das dem Stehgreif zu sagen ist sehr schwierig. Ich fänd' es albern jetzt zu sagen: ich finde die EU-Politik verfehlt.
Du hast vor Jahren einen Song geschrieben "Ich werde mich nie verändern". Und, hast du dich verändert?
Das ist natürlich ein extrem trotziges Lied, das natürlich genau damit spielt, daß es Quatsch ist, was da gesagt wird. Jeder Mensch verändert sich, das passiert ganz zwangsläufig. Aber manchmal will man ja bestimmte Veränderungen für sich, für seine Persönlichkeit oder für sein Umfeld nicht wahr haben. Und das war ein Ansingen gegen alles, was einen verändern kann, gegen diesen Prozeß. Das ist eigentlich ein Protestlied gegen sich selbst. Sehr selbstzerstörerisch im Grunde genommen, denn wenn man sich nicht verändert in irgendeiner Art und Weise ist man ja irgendwie schon tot.
Es wird viel darüber geredet und geschrieben, daß ihr euch auch äußerlich sehr verändert habt. Kordhosen und Strickjacken sind eleganten Stoffhosen und Hemden gewichen.
Ich weiß nicht, daß kann man auch überbewerten. Es ist ja nicht so, daß wir den lieben langen Tag in Kordhosen rumgelaufen sind. In dem Maße, in dem man auf so bestimmte Erscheinungsmerkmale reduziert wird, hat man schon keinen Bock mehr drauf. Gedanken über Äußerlichkeiten wie Kleidung machen wir uns eigentlich überhaupt nicht. Das find ich ja schrecklich. Ich muß ja nicht noch mit 80 in Kordhosen und Trainigsjacken rumlaufen. Aber es ist natürlich genau wie mit dem Erwachsenwerden. Dieses Klischee. Jetzt haben die gar keine Kordhosen mehr an. Dabei tragen wir schon seit Jahren keine Kordhosen mehr. In den Erinnerungen der Menschen bleibt man halt lange immer derselbe, selbst wenn man das gar nicht mehr ist.
Ihr spielt heute abend in einer sehr großen Halle. Merkt man da als Musiker einen Unterschied?
Ja, die Arena ist in der Tat ziemlich groß. Bis jetzt hatten wir das in Berlin immer so gelöst, daß wir zwei Mal in einem kleineren Club gespielt haben, aber das ging diesmal aus organisatorischen Gründen nicht. Und Berlin ist natürlich auch viermal so groß wie jede andere deutsche Großstadt. Aber das ist schon irgendwie komisch. Man hat viel weniger Kontakt zu den Leuten. Aber es ist irgendwie jeden Abend anders. In jeder Stadt sieht der Konzertraum anders aus, man geht immer mit einem anderen Gefühl auf die Bühne. Manchmal ist man müde, manchmal wach, manchmal gut und manchmal schlecht gelaunt.
Ihr seid relativ oft in Berlin, hat man das Gefühl. Habt ihr ein besonderes Verhältnis zu dieser Stadt?
Eigentlich bin nur ich relativ oft in Berlin, was natürlich kein Zufall ist. Meine Lebensgefährtin wohnt hier. Aber ein besonderes Verhältnis zu Berlin als Stadt?
Also ist es euch eigentlich egal, in welcher Stadt ihr gerade spielt?
In Berlin ist es natürlich so, daß man sehr viele Leute kennt, weil es hier auch sehr viele Bands gibt, mit denen man befreundet ist, unsere Agentur sitzt hier und weil ich so oft hierhin, kenn' ich einfach viele Leute, die hier wohnen. Natürlich ist das was anderes als ob man, ohne abwertend sein zu wollen, in irgendeiner Kleinstadt spielt, wo man keinen Menschen kennt. Es ist schon was besonderes, in Berlin zu spielen, wo man viele Leute kennt, oder in Hamburg...
...wo man alle kennt...
*lachend* Wo man alle kennt. Ich hab manchmal das Gefühl, je größer eine Stadt ist, desto mehr bildet sich eine Art dörflicher Gemeinschaft heraus. Man ist immer bemüht, sich zu verkleinern, um aus dieser Anonymität herauszukommen, und irgendwann kennt man dann fast alle. Ich komme aus Offenburg, eine Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern, aber manchmal denke ich, ich wäre aus der Kleinstadt ins Dorf gezogen. In Hamburg, in dem Viertel, in dem ich wohne, kennt man alle fünf Meter jemanden. Da wohnen ja auch alle Musiker. Ich glaube, daß das ein extrem komischer Mechanismus ist, daß sich in Großstädten so dörfliche Strukturen bilden.
Ist man nach all den Jahren noch ein bißchen nervös, wenn man auf die Bühne geht?
Ich kann's von mir bejahen. Das kommt echt ganz selten vor, daß ich nicht nervös bin.
Ist das schlimmer, wenn du das halbe Publikum kennst?
Ne, das hat eigentlich keinen Einfluß darauf. Eigentlich ist es ja schön, es ist netter, wenn man Leute kennt. Weil man sich dann auch so ein bißchen geborgener fühlt.
Ist es euch lieber in kleinen Clubs zu spielen, als auf Festivals?
Ich glaub, jede Band findet kleine Clubs besser. Das liegt einfach ganz banal daran, daß es auf der Bühne in kleinen Clubs besser klingt. Es klingt näher an dem dran, wie man z.B. im Proberaum spielt. Das hat was sehr vertrautes. Und um so größer es wird, desto abstrakter wird das eigene Erleben der Musik. Aber wenn halt eine bestimmte Anzahl von Leuten kommt, geht das nicht mehr.
Das ist doch aber auch gut fürs Selbstbewußtsein, vor vielen Leuten zu spielen, oder?
Ich bin mir da nicht so ganz sicher. Bei mir funktioniert das komischerweise immer ein bißchen anders. Ich denke manchmal, je mehr Leute kommen, desto schwacher wird mein Selbstbewußtsein. Aber das hängt auch damit zusammen, daß man so 'ne krude Auffassung hat, daß gute Kunst nur das sein kann, was nur ganz wenig Leute interessiert. Und dann denk ich immer automatisch: wenn ganz viele Leute kommen, dann kann es eigentlich nicht wirklich gut sein. Weil ... Marcel de Chomp auch kein Schwein kennt und man denkt, das kennt keiner, weil es so gut ist. Aber das ist eigentlich eine extrem schwachsinnige Denkweise.
Warum gehst du nicht davon aus, daß die vielen Leute halt alle einen extrem guten Geschmack haben?
Ja, das wäre eigentlich das normale, aber ich denk immer: wir müssen ja schlecht sein, daß so viele Leute kommen. Das ist jetzt wirklich nicht kokett gemeint. Es ist natürlich nicht wirklich genau so, aber es geht eher in die Richtung, als daß es einem einen Kick gibt, wenn so viele Leute da sind. Es macht einen eher unsicher.
Ich glaube, daß ist wieder so ein Ausdruck deiner pessimistischen Grundeinstellung.
Das wird's schon sein.
Letzte Frage, weil daß im Moment jeder jeden fragt: Was macht ihr Silvester 2000?
Ohhh, das find ich so schrecklich. Und das geht mir jetzt nicht wegen 2000 so, das geht mir jedes Silvester so. Das ist ein extrem deprimierendes Fest, find ich. Weil's immer ganz doof ist. Jede spontane Zusammenkunft, jeder Abend in irgend einer Bar ist meistens besser als dieses Silvester, wo man im Prinzip immer schon 364 Tage vorher weiß, daß man da feiern muß. Das ist ja jeglichem Glücksgefühl abträglich, wenn man schon lange vorher weiß, daß man da vielleicht gut gelaunt sein sollte. Und ich glaub, das geht echt ganz vielen Leuten so. Also ich find's immer blöd. Es ist dann Sonn Glücksfall, manchmal kann's dann auch gut sein.
Dann vielen Dank, daß du dir die Zeit genommen hast, es war sehr nett.
Ja, war es. Hat mich gefreut.

Interview: Steffie Bieber (biest78@yahoo.de)

Quelle: Iaah

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