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Es ist ihnen egal, aber ...
Mit freundlicher Genehmigung des Subway-Magazin.

Tocotronic zwischen Stardom und Selbsttherapie

In nur drei Jahren sind Arne, Jan und Dirk von Tocotronic zu einer der essentiellsten deutschen Bands geworden. Gedanken, Gefühle und Gemeinheiten einer jungen Generation zwischen Enttäuschung, Entrüstung und Widerstand wie kein anderer zuvor formulierend. Gerade ist ihr neues Album „Es ist egal, aber" erschienen, auf dem ihr selbstbewußt-sympathischer Schrammelgitarrenstyle erstmals mit Streichern angereichert wird. SUBWAY sprach mit Bassist Jan Müller über alte Fehler und neue Ideen.

Subway: Warum habt Ihr Euer neues Album in Frankreich eingespielt?
Jan: Wir haben drei Platten in demselben Studio in Hamburg eingespielt und wenn wir jetzt wieder dort aufgenommen hätten, wäre das Ergebnis sicherlich absehbar gewesen. Das Studio in Frankreich wurde uns von Chokebore und Surrogat, zwei befreundeten Bands aus Berlin, wärmstens empfohlen. Es gab dann auch den Ausschlag, daß da viele alte Gitarrenverstärker, Effektgeräte und Mikrophone herumstehen, was ja im „Soundgarden” überhaupt nicht der Fall ist. Außerdem wollten wir zu der Aufnahme wirklich mal unsere Ruhe haben, denn die vorigen Platten hatten wir immer mit Carol von Rautenkranz aufgenommen und der ist halt immer sehr beschäftigt. Dadurch war dann nie so die Ruhe im Studio.
Subway: Es war dann also richtig schön und entspannt dort?
Jan: Eigentlich war es eher ziemlich anstrengend. Das nächste Album möchte ich auch auf jeden Fall wieder in der Stadt aufnehmen.
Subway: Welchen Einfluß hatte denn Hans Platzgumer, Produzent und derzeitiger Goldene Zitronen-Gitarrist?
Jan: Also wir sind ja alle drei so alte Fans von HP Zinker, seiner alten Band. Er hat uns auch schon zur letzten Platte gefragt, ob wir sie nicht mit ihm aufnehmen wollten. Die wollten wir dann aber noch unbedingt mit Carol machen und sind dann halt bei dieser Platte auf ihn zurückgekommen. Er kennt sich gut mit Gitarrensounds und Keyboards aus, kann außerdem diese Streicherarrangements schreiben, die wir ja sowieso haben. Zum Anfang war das Aufnehmen ziemlich schwierig, weil wir uns ziemlich uneinig über die Bedeutung der Rolle des Produzenten waren. Er hätte, glaube ich, gerne mehr Einfluß genommen, als wir ihm dann tatsächlich gegeben haben. Wir sehen das halt so, das Toningenieur, Produzent und Band so eine Art Team bilden und der Produzent Vorschläge macht, die die Band dann entweder annimmt oder auch nicht. Es mußte erstmal so geklärt werden, daß wir dann doch das letzte Wort haben. Deshalb waren die Aufnahmen dann anfänglich doch anstrengend, obwohl wir mit dem Endergebnis jetzt sehr zufrieden sind.
Subway: Die eben erwähnten Streicherarrangements wurden auf dem Album aber nur sehr sparsam verwendet...
Jan: Wir waren eigentlich schon überzeugt, daß es paßt. Nur wollten wir das nicht so aufblasen, eher ein bißchen bescheiden einsetzen. Die Platte ist ja sonst auch nicht so produziert, wie ein Album von Oasis oder den Smashing Pumpkins, wo alles so total dick und wabbelig klingt. Deshalb haben wir uns auch entschieden, das eher bei den etwas ruhigeren Stücken einzusetzen. Diese Idee mit den Streichern rührt halt nicht von Bands wie Oasis, sondern eher von ruhigen Sachen wie z.B. Nico oder den Tindersticks.
Subway: Eure letzte Platte hatte ja den forschen Titel „Wir kommen um uns zu beschweren”, die neue hingegen heißt eher resignativ „Es ist egal, aber”. Ist das programmatisch zu verstehen?
Jan: Erstmal ist das mit der Titelwahl bei uns eher so ein bißchen pragmatisch, wenn ich ehrlich bin, weil wir es sehr gern haben, daß eines der Stücke des jeweiligen Albums gleichzeitig auch der Plattentitel ist. Wir finden, daß das ein ganz gutes Prinzip ist. Dann haben wir halt den Titel „Es ist egal, aber” genommen, weil wir meinten, daß das der allumfassendste Titel von allen ist. Ich würde diesen Titel aber gar nicht als resignativ sehen, sondern es ist eher so ein geflügelter Spruch, wenn wir uns in der Band streiten oder Diskussionen haben. Dann sagt Dirk meistens „Es ist mir ja egal aber...”. Damit haben wir ihn dann immer so ein bißchen gehänselt und er hat dann daraufhin ein Stück geschrieben.
Subway: Schreibt ihr eure Stücke eigentlich zusammen?
Jan: Also die Stücke, die Dirk schreibt, singt er auch selbst. Stücke die Arne singt, die schreibt er. Bei Dirk gibt es zwei verschiedene Arten von Stücken: Die eine ist, daß er Sachen in Worte faßt, die eh schon innerhalb der Band im Rahmen stehen, z.B. Stücke wie „Es ist egal, aber” oder „Digital ist besser”. Die andere sind halt so sehr persönliche Stücke wie beispielsweise „Nach Bahrenfeld im Bus”.
Subway: Seitdem ihr 1995 eure erste Platte herausgebracht habt, gibt es ja immer mehr Bands, die auch auf Deutsch singen. Welchen Anteil haben Tocotronic an dieser Entwicklung?
Jan: Das finde ich ganz ganz schwierig zu beurteilen, denn da bin ich schnell in einer anmaßenden Rolle drin, wenn ich jetzt sage, daß wir andere Bands beeinflußt haben. Bei uns waren deutsche Texte aber nie ein Thema, weil wir halt, besonders Arne und ich, aus der Punkszene kommen, wo es gang und gebe war, das die Bands in ihrer Landessprache singen. Für mich ist das, durch Ton, Steine, Scherben usw. überhaupt keine neue Sache gewesen. Irgendwann habe ich halt dann diese ganzen Hamburger Sachen wie Blumfeld etc. kennengelernt. Es hat mich auch immer gewundert, daß überhaupt so ein Thema daraus gemacht wurde.
Subway: Aber Eure Texte formulieren schon eine bestimmte Haltung, die viele Leute angesprochen hat und vorher noch nicht da war?
Jan: Das ist mit Sicherheit richtig. Aber eigentlich ist das doch immer so bei einer Band, die einigermaßen erfolgreich ist, daß sich Leute in den Texten wiederfinden. Von daher kann ich nicht sagen, das wir da irgend etwas gestartet haben. Vielleicht hat eine deutsche Band das noch nie in dieser Art wie wir gemacht, das kann schon sein. Aber so großartig neu ist das ja nun auch nicht, da gibt es ja genug Beispiele, gerade aus Amerika. Unser Einfluß sind Bands wie Dinosaur Jr. oder Pavement, die das schon seit Ewigkeiten machen...
Subway: Also ihr überlegt euch auch nicht, daß es da eine bestimmte Gruppe gibt, die das vielleicht besonders wahrnimmt, wenn ihr etwas herausbringt?
Jan: Wir merken natürlich schon, daß da Leute sind, die sich sehr damit identifizieren. Wir haben uns bei dieser sehr melancholischen, streckenweise etwas negativen Platte auch gedacht, daß es vielleicht doch nicht so gut ist, sie Leuten vorzusetzen, die sich mit der Musik so sehr identifizieren. Im Endeffekt können wir unsere Musik aber nicht nach den Zuhörern ausrichten, weil wir es erstmal immer noch für uns machen.
Subway: Dirk hat in einem Interview zum Album „Wir kommen um uns zu beschweren” gesagt, er hätte keine Lust mehr, so lustige Texte zu machen wie z.B. „Digital ist besser”. War das auch ein Grund dafür?
Jan: So richtig lustig war das ja irgendwie noch nie, obwohl es vielleicht so angesehen wurde. Gerade der Opener der ersten Platte „Freiburg” ist ja eigentlich auch schon sehr resignativ. Was eben so ein bißchen „schruppig” anlief, waren diese ganzen Slogans wie „Masterplan” oder eben „Digital ist besser”, die wir damals so hatten. Das machen wir aber aus dem Grunde nicht mehr, weil wir uns dann einfach wiederholen würden und das wäre ja auch ein schlechtes Ergebnis.
Subway: Ist Resignation eine gewisse Antriebskraft für euch oder sind das eher andere Sachen?
Jan: Ich glaube man hat eher das Bedürfnis, das kann ich jetzt für Dirk und Arne sagen, Stücke zu schreiben, wenn man sich nicht so gut fühlt. Genauso ist es auch, wenn man die Stücke spielt, daß einem diese schlechte Erfahrung eigentlich die Kraft gibt, schlechte Gefühle zu verarbeiten. Vielleicht ist das auch eine Art Selbsttherapie, weil man ja Glücksgefühle so ausleben kann, ohne sich weiter groß damit zu beschäftigen.
Subway: Ihr habt auch mal gesagt, daß ihr Platten machen wollt, wie ihr Tagebuch schreibt. Ist das auch in diesem Zusammenhang zu verstehen?
Jan: Ja, schon ein bißchen. Aber das hing auch damit zusammen, daß wir die ersten drei Platten in relativ kurzen Zeiträumen veröffentlicht haben. Von diesem tagebuchartigen Prinzip sind wir aber mittlerweile so ein bißchen weg, weil wir uns mit dieser Platte ein bißchen mehr Zeit nehmen wollten. Wir wären halt einfach für uns selbst zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen, wenn wir sofort wieder ins Studio gegangen wären, als alle Songs fertig geschrieben waren. Unsere eigenen Ansprüche sind auch gestiegen, besonders jetzt bei der vierten Produktion, weil wir uns halt inzwischen auch mit dem Aufnehmen ganz gut auskennen.
Subway: Gibt es denn auch etwas, was ihr beim Aufnehmen der ersten Platten anders gemacht hättet?
Jan: Glücklicherweise kann ich sagen, daß wir bis auf das Stück „Ich bin neu in der Hamburger Schule” auf der zweiten Platte, daß ich im großen und ganzen recht zufrieden bin. Dieses eine Stück war damals schon umstritten und heute würde ich für meinen Teil dieses Stück nicht mehr aufnehmen, weil es zu sehr diesen Tagebuchcharakter hat und einfach zu wenig allgemein gültig ist. Da kann ich ganz persönlich sagen, daß ich auch damals schon dagegen war, dieses Stück mit auf dir Platte zu nehmen. Als wir dann darüber diskutiert haben, fanden wir es aber dann doch ganz hübsch, zehn Stücke auf der Platte zu haben.
Subway: Ist die Band für euch mittlerweile ein Fulltime-Job geworden?
Jan: Wir machen unser Studium nach wie vor weiter und wollen es eigentlich auch zu Ende bringen, gerade weil wir keine Berufsmusiker werden wollen, ohne eine langfristige Perspektive zu haben.
Subway: Gibt es denn einen bestimmten Punkt oder eine Situation, wo du sagen würdest, daß Tocotronic einfach vorbei sein muß?
Jan: Dieser Zeitpunkt wäre halt dann, wenn man irgendwie merkt, daß man sich nur noch wiederholt. Und auch wenn es einem einfach keinen Spaß mehr macht, Platten aufzunehmen und zu spielen und man eigentlich nur noch wegen des Geldes dabei ist. Dann müßte man die Band eigentlich auflösen. Ob wir das dann auch wirklich machen, ist wieder eine andere Frage! (lacht)


Text & Interview: Alexander Haase, Christian Göttner
Quelle: Subway Magazin 07/97
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