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Hat Tocotronic die Machete für den Metaphernwald vergessen?
Vielen Dank an Katrin,die uns auf dieses Interview aufmerksam machte.

Gespräch mit Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist des Hamburger Trios Tocotronic, das sich nach 18monatiger Funkstille mit seinem sechsten Album zurückgemeldet hat

F: »Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht«, heißt es in Ihrem Song »Wolke der Unwissenheit«. Der erste Eindruck: Man versteht den Text vor lauter Metaphern nicht. Wie knackt man die verschlüsselten Botschaften von Tocotronic?

Mit der neuen Platte wollten wir das Prozeßhafte der Musik einmal auf die Texte übertragen. Es hätte wenig Sinn gemacht, zu diesen brüchigen Sounds klar formulierte Aussagen zu treffen. Die Deutung bleibt so jedem selbst überlassen. Das Eröffnen anderer Dimensionen war sehr reizvoll, früher gab es bei uns ja immer eine klar umrissene textliche Topographie mit real existierenden Orten, die im Alltag festgemacht werden konnten. Das neue Album ist quasi eine Erweiterung dieser Landkarte hin in andere Gefilde.

F: Auch der Song »HiFi-Science-Fiction« spielt in einer anderen Dimension, auf anderen Bewegungsbahnen. Ganz schön abgehoben.

Das All mit seiner rätselhaften Unendlichkeit interessiert uns sehr.

F: Ein anderes Zitat: »Was wir täglich sehen, sind Dinge, die wir nicht verstehen«. Ein Ausdruck von Orientierunglosigkeit?

Die neuen Texte sagen eigentlich nichts über meine eigene Befindlichkeit aus. Ich habe ja den Leuten auf den fünf vorhergehenden Platten schon so viel mitgeteilt über mich. Jetzt aber will ich niemanden mehr mit meinem privaten Kram belasten.

F: Trotzdem gibt es persönliche Momente. »Näher zu dir« beschreibt zum Beispiel eine Annäherung, die nicht funktioniert. Ein autobiographischer Song?

Das ist dieser Moment, an etwas möglichst nahe heranzukommen. Das kann eine Person sein, aber auch eine Religion. Ein Beispiel dafür, daß wir gern mit doppelt und dreifach genähten Begriffen arbeiten. Es muß immer mehr sein als eins zu eins.

F: Dann darf man die Zeile »Alles wird in Flammen stehen« als eine Prophezeiung verstehen?

Für mich ist das eines der klarsten Liebeslieder. Feuer und Liebe sind ja nicht weit voneinander entfernt. Aber man darf sich natürlich gerne im Kopf ein Inferno ausmalen.

F: Vom Horror geht demnach eine Faszination aus?

Der Song »Das böse Buch« beschreibt eine Faszination für etwas, das man nicht bekommen kann. Der Text spielt auf das Werk von H. P. Lovecraft an, eines amerikanischen Horrorschriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts, der in der Tradition Edgar Allen Poes schrieb. In seinen Kurzgeschichten entwickelte Lovecraft eine komplexe Kosmologie, in der absurde Gottheiten regierten. Dort gibt es ein böses Buch, das heißt »Das Nekronomikon«.

F: Viele ältere Songs beschäftigen sich mit politischen und sozialen Problemen. Inwieweit darf man die Texte von »Tocotronic« noch als Gesellschaftskritik betrachten?

Immer wenn wir in der Vergangenheit Gesellschaftskritik formulieren wollten, haben wir uns an Protestsongs abgearbeitet. Mittlerweile scheint uns dieses Feld abgegrast. Die Themen »Wir gegen sie« oder »Alle gegen uns« sind einfach durch. Natürlich gibt es bei Tocotronic auch weiterhin ein gesellschaftskritisches Moment, das ist aber mittlerweile eingebettet in eine traumhafte Textwelt und nur schwer erklärbar, weil ich beim Schreiben keinem bestimmten Konzept folge.

Das Interview führte Olaf Neumann

Quelle: Junge Welt

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