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Es gibt nur cool und uncool und was daraus wird
Mit freundlicher Genehmigung von Pittiplatsch 3000

von säm

Es ist drei Jahre her. Freunde alternativer Rockmusik hatten die Schnauze voll von Crossover. Rage against the Machine, Clawfinger und Co. wollte niemand mehr hören. Trend-Kids brauchten was Neues. Punk und Melody-Core waren plötzlich in. Doch statt Sicherheitsnadeln und Fetzenjeans trug man Baggy-Trousers und Einheits-T-Shirts (Visions, Dickies, Independent). Die Zappel-Discos spielten Bad Religion, Offspring und NOFX. Das konnte es wohl nicht sein.
Irgendwann fiel mir dann doch die rettende Platte in die Hände. Ein verschwommenes Polaroid von drei Typen in Trainingsjacken waren vorne drauf. Die Musik ein Aufschrei. Gegen das Schlechte und Gefühle, die man schon lange hatte, aber niemand zuvor aussprach. Digital war wirklich besser. Tocotronic haben mein Leben (oder wenigstens meine Hörgewohnheiten) nicht zerstört, sondern gerettet. Man konnte sie in Clubs vor 150 Leuten sehen und sich verstanden fühlen. Die Mini-LP bestätigte nochmal alles. Die Konzerte wurden voller. Intelligente deutschsprachige Musik war auf dem Vormarsch.
Zwei Alben und diverse Singles später war vieles anders: Freunde distanzierten sich von Tocotronic und Karten für die Konzerte waren immer schwerer zu bekommen. Ich aber hatte mein Vertrauen behalten. Besuchte weiterhin jede Konzert, kaufte jede Platte.
Am 14.07.98 spielten sie dann im Rahmen des Powerline-Festivals im Hirschen in Nürnberg. Schon am Eingang zeichnete sich ab, was zu erwarten war: Mädchen, die das Alter von 18 Jahren noch lange vor sich haben und Typen, die man wirklich nicht als Freunde haben will. Ja, ich sah auch zwei Böhse Onkelz-T-Shirts. Der Rest war gekleidet, als ging´s zu ´ner Schlagerparty.
Aber ja, die drei Hamburger würden ihnen sicher vor den Kopf stoßen.... dachte ich....
Kurz vor ihrem Auftritt konnten wir mit Dirk, Jan und Arne sprechen.
Als erstes sprach ich sie auf ein Statement an, daß Arne oder Jan vor zwei Jahren in einem "Wahrschauer"-Interview von sich gaben. Darin behauptete einer von beiden (ich weiß leider nicht mehr wer), daß Tocotronic lieber im Stile von Guided by Voices viele Platten veröffentlichen und ausgedehnte Touren eher vermeiden wollen. Inzwischen sind Tocotronic aber ständig auf Tour (Festivals, USA) und haben in zwei Jahren nur zwei Alben rausgebracht.

Jan Müller: "Ich hab das bestimmt nicht gesagt."
Arne Zank: "Ich hab das nie gesagt."
Dirk von Lotzow: "Nee, jetzt haben wir seit Oktober letzten Jahres eigentlich keine Auftritte gemacht. Wir gehen jetzt noch weiter als Guided by Voices, wir machen gar nichts mehr. Das ist doch viel besser."
Jan: "Wir hängen nur rum."
Dirk: "Nein, ich glaub einfach damals, daß man das so ´mal gesagt hat, man ist nicht so erpicht auf die totale Ochsen Tour."
Arne: "Is´ ja auch lange her."
Jan: "Da ist doch längst Gras drüber gewachsen."
Arne: "Das war damals genau so auch richtig, aber inzwischen würde man das anders beantworten. Anders Platten machen, anders auftreten."

Ja und wie ist das nun mit der nächsten Platte?
Arne: "Is´ in der Mache. Ist aber noch nicht sehr weit."
Dirk: "Weit, aber noch nicht sehr weit."

Danke für die Auskunft... und wie soll es denn dann klingen?
Dirk: "Alles ist dabei."
Jan: "Dies und das - für jeden was."
Dirk: "Die Fans kriegen alles geboten, was sie hören wollen."

Spätestens hier überlege ich, ob ich meine Helden von vor zwei Jahren noch ernst nehmen soll. Bei L´Age D´or erscheinen zur Zeit neben diversen Split- bzw. Live-Singles auch eine Best of-CD und -Video. Haben die Jungs überhaupt noch Einfluß drauf?
Dirk: "Also die Live-Lp (gemeint ist die von TugRecords, Anm. d. Verfassers) zum Beispiel, da haben wir eigentlich gar nichts mit zu tun. Das waren Leute, die höflicherweise gefragt haben, ob sie ein Bootleg machen dürfen. Wir haben ja gesagt, was eigentlich total blöd ist..."
Jan: "Wir hättens lieber, wenn die einfach ein Bootleg machen."
Dirk: "Es gibt von unserer Seite aus nicht die Notwendigkeit, daß das rauskommt. Also wenn die das machen wollen, dann sollen sie das machen ohne zu fragen."
Jan: "Damit wir sie auch verklagen können."
Dirk: "...um einige Millionen verklagen... und diese Best of-Platte, die haben wir gemacht, weil wir in Amerika auf Tour waren, damit wir da was zu verkaufen haben. Da sind ja auch englische Übersetzungen drin, die eigentlich für Amerika gemacht sind."
Jan: "Das Video ist entstanden auf häufige Nachfrage seitens der, ähm, Hörerschaft, die gerne mal die Videos auf Kassette haben wollen. Da haben wir gesagt: naja, wenn´s denn sein muß. Wir haben das dann auch mal versucht mit zwei Live-Auftritten ganz schön zu präsentieren."

Da die angesprochenen Produkte ja nur über L´Age-D´ors Mailorder erhältlich sind, ist das ja alles einigermaßen gerechtfertigt.

Was mich ja dann auch interessierte, war, ob Tocotronic sich auch mit aktuellen Bands befassen. Ich spielte darauf an, daß inzwischen 90 % der deutschsprachigen Rockbands mit ihnen verglichen werden.
Dirk: " Als wir angefangenhaben, war´s halt immer Blumfeld. Es gibt ein paar Namen und dann weiß man wie das so journalistisch funktioniert. Also Schublade auf - reingepackt - Schublade zu. Ich glaub es ist halt immer so. Es ist eigentlich doof für die Bands, aber letztlich ist das Faulheit von Journalisten."

Ja und was hört ihr jetzt von den aktuellen Sachen?
Jan: "Rolling Stones, Uriah Heep."
Dirk: "Santana, Leonhard Cohen,..."
Jan: "Die aktuellen Sachen!"
Dirk: "Simon & Garfunkel, Leonhard Cohen, manchmal auch die Beatles, wenn´s ein bißchen härter sein soll. Ach, alles mögliche. Und Come noch."

Mawe spielt darauf an, daß die Texte von Album zu Album weniger aggressiv werden. Haßlieder wie "Micheal Ende" findet man fast keine mehr.
Arne: "Die sind schon fertiggeschrieben, die Lieder, die brauchen wir nicht noch einmal zu machen."
Dirk: "Diese Aggressionen waren ja ganz klar gegen so komische Sachen gerichtet und dann gäbe es ja so ein Rezept, wie man das immer wieder machen könnte, das wäre ja so verlogen irgendwie. Die Leute erwarten jetzt so, daß wir ein böses Lied gegen irgendein ..., einen Mißstand geißeln oder so, und dann kann man sich die so rausgucken. Dann kann man das irgendwie immer nach dem gleichen Rezept machen, so ...Joghurtfabrikanten oder... Das würde sich dann textlich wiederholen."

Später will ich dann ja schon mal wissen, ob die erklärten KISS-Fans Tocotronic ein Supportangebot für die Reunion-Tour angenommen hätten, wenn denn eins gekommen wäre!
Jan: "Ich hätt´s nicht gemacht. Ich fand das von den Ärzten schon vermessen. Da muß halt ´ne mittelmäßige Metal-Band vorher spielen."
Dirk: "Also ich hätte es nicht gut gefunden. Es wäre ja eh erstens nicht möglich gewesen und wenn´s ganz bekannt wird, dann wär´s auch blöd, weil da feiert man sich so selber. Für die Ärzte war´s ganz o. k. wahrscheinlich."
Jan: "Und ich freu´ mich schon auf den Herbst, wenn das neue Album kommt."
Dirk: "Wie wir einmal auch vor Neil Young spielen sollten... Wär auch doof geworden. Das ist so naheliegend."

Ihr werdet also Eure großen Helden nicht auf irgendwelche Comeback-Touren begleiten?
Dirk: "Na wenn Leonhard Cohen..., nee Quatsch, daß ist ja auch ganz anderes Publikum. Ja zum Beispiel beim Neil Young wäre das doof gewesen. Da hätte der um 10 Uhr abends gespielt und wir um 6 Uhr abends. Das sind ja so ganz andere Leute, die da hinkommen. Da hätte man sich selber so auf die Schulter klopfen lassen, wir hätten jetzt mal Vorgruppe von Neil Young gespielt. Ob das jetzt so das wahnsinnige Erlebnis ist? Es ist ja interessant mit anderen Bands zusammen zu spielen, wenn man die auch kennenlernt und so, aber da wär das ja eh nicht möglich gewesen."

Zum Schluß interessiert mich, ob die angebliche Zusammenarbeit mit Fettes Brot nun wirklich stattgefunden hat. Stimmt das mit dem Lied, das ihr zusammen gemacht habt?
Dirk: "Wir haben Begleitband für dieses Lied gemacht..."
Jan: "Wenn man das überhaupt sagen darf."
Dirk: "Es heißt "Nicolette Krebitz wartet" und ist ´ne Coverversion von Bananarama umgetextet."

Zehn Minuten später muß ich sehen, daß man kaum näher als 3 Meter vor die Bühne kommt. Mädchen, die sich verhalten und aussehen, als hätten sie gestern noch ein Nick-Carter-Poster in ihrem Zimmer angebetet, sitzen wartend auf dem Hallenboden und geben keinen Zentimeter her...

(Siehe auch Pittiplatsch-Kommentar vom selben Tag)

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