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Jörn Morisse im Interview mit... Tocotronic
Vielen Dank an Stefan Zimmermann, der uns auf dieses Interview aufmerksam gemacht hat.

Mit freundlicher Genehmigung von Jörn Morisse.

Ein Glück, es gibt sie noch. Zwei Jahre vergingen, ehe die drei Puschelenten mit K.O.O.K." ein neues Album vorlegten. Etwas älter, etwas abgeklärter, etwas gereifter, aber verdammt unausgeschlafen präsentierten sich Dirk (D), Jan (J) und Arne (A) im Hotel Unter den Linden, Berlin zum Interviewtermin.

?: Was habt ihr die letzten Jahre gemacht, hattet ihr Zeit fürs Studium oder war es doch nur Tour, Studio, Urlaub?
J: Also, hauptsächlich haben wir wirklich schwer an der Band gearbeitet. Jura finito.
A: Ich hab noch mit einem Freund einen Trickfilm gedreht, aber eigentlich bleibt für sowas keine Zeit mehr. Es sieht immer mehr nach Musik only aus.

?: Sind das denn wünschenswerte Zukunftsaussichten oder kann man sich noch was besseres vorstellen?
A: Was anderes mit Sicherheit.
D: Nachdem mein Gespräch mit der Professorin an der Kunsthochschule doch recht ernüchternd verlief, bin ich mir da nicht mehr so sicher.
J: Ich find das geil. Musik ist das Beste, was man machen kann. Besser als Hollywood-Schauspieler übrigens.
D: Klar ist das geil, aber ich vermisse manchmal schon, noch was anderes nebenbei zu machen.
J: Ich überhaupt nicht. Ich bin echt froh, wie es im Momemt ist. Das reicht mir auch.

?: (An Arne) In einem alten Spex-Interview hast du mal sinngemäß gesagt, daß es schön wäre, immer so weiterzumachen. Immer eine Platte nach der anderen.
A: Das nehme ich hiermit zurück und behaupte das Gegenteil. Es hängt ja auch sehr davon ab, wie die Band sich untereinander versteht. Im Moment sind wir total zerrüttet, streiten uns nur noch, es wird viel geschlagen. Wenn man dann genauer über die ganze Situation nachdenkt, kommen einem echt Zweifel.
J: Mitunter sogar Dreifel (lacht).

?: Angenommen, die eigene Biographie wird in der Rückschau nach Veröffentlichungsterminen der eigenen Platten geordnet, wie Christiane Rösinger erzählt. War es schwer, das letzte veröffentlichungslose Jahr alternativ mit Erlebnissen zu füllen?
J: K.O.O.K." war so viel Arbeit, Langeweile hatte ich nicht.
D: Wir haben ja schon im Januar letzten Jahres angefangen, neue Stücke zu schreiben.
Dann mußten wir sehr viel proben, mehr als früher jedenfalls. Danach im Sommer die Festivals und die USA-Tour mit Fuck und ab Oktober ging der Aufnahmeprozeß los. Es war schon immer was los.

?: Bei Diedrich Diederichsen heißt es: Pop-Musik handelt traditionell von Neuem: neuen Verhältnissen, neuen Geräuschen, neuen Menschen und neuen Technologien. Neu ist hier fast synonym mit der Diagnose wirklich". Stimmt ihr mit dieser Diagnose überein?
D: Schon schlau, was der Diederichsen sagt. Popmusik handelt aber auch ganz stark von Erinnerungen, vom Erinnern. Allerdings nicht im konservativen Sinne von Bewahren, daß man jetzt alte Tugenden hochhalten müßte.
?: Aber ihr spielt auf der neuen Platte bewußt mit Classic Rock-Zitaten?
D: Es gibt dort auch viele Elemente, die gar nicht auf Rock in dem Sinne rekurieren, sondern schon eher postrockig" angelegt sind.
?: Provokativ gefragt: Ist eure Herangehensweise nicht trotzdem sehr konservativ, as if Punk never happened?
A: Es kann doch nicht konservativ sein, wenn man alte Platten hört, sowas wie Europe entdeckt und aus der Perspektive von 1999 denkt, was ist das eigentlich für eine verrückte Musik? Von Punk gehen ja heutzutage nicht mehr viele Impulse aus.
D: Gerade im Hardcore- oder Punkbereich gibt es die meisten stockkonservativen Bands. Wenn ich da an Rancid oder Social Distortion denke - gegen die kein vernünftiger Mensch etwas haben kann -, das ist doch stockkonservative Musik.
J: Da geht es dann auch zu, als ob es sowas wie Techno nie gegeben hat.
D: Was wäre denn überhaupt so richtig progressive Musik? Was man gemeinhin als extrem progressiv bezeichnet, z. B. To Rococo Rot oder Tortoise...
A: Oder Chuck Berry!
D: ...hat doch alles auch eine Geschichte. Und House hat eine Discovergangenheit.
J: Technolektro soll ja das neue Ding sein. Ein neuer Musikstil, von Westbam erfunden.

?: Was motiviert eure bewußte Hinwendung zum klassischen Rockbegriff? Und wie kann es sein, daß ein Etikett wie Poprock", der ja im allgemeinen nur mit solchen Nacktschnecken wie Sting, Genesis oder Bon Jovi verbunden wird, auf einmal so eine Aufwertung erfährt?
J: Unser Beharren auf Poprock" hatte schon einen Grund, denn jede andere Musikbeschreibung engt total ein. Poprock" ist einfach der umfassendste Oberbegriff.
A: Auch um uns von früheren Ettikettierungen wie LoFi" oder Neo-Folk" abzugrenzen.
D: Seit den Anfangstagen haben wir die Schubladen kommen und gehen sehen, es ist echt schlimm, wenn du da so reingepackt wirst und dich nicht gegen wehren kannst. Das merkt man z. B. auch bei Barbara Manning, die nie was mit Neo-Folk" anfangen konnte, aber bei Konzerten in Deutschland immer noch regelmäßig als Neo-Folk aus Frisko" angekündigt wird.

?: Rockt Hamburg eigentlich noch? Oder ist es jetzt Berlin, wie Die Sterne singen?
A: Der Hamburg-Hype hat sicher etwas nachgelassen.
J: Viel verändert hat sich in Hamburg nicht. Geändert hat sich ja vor allem Berlin.
D: Interessant genug, daß es überhaupt mal anständige Bands in Berlin gibt. Lange Zeit hat man mit Berlin ja nur diesen Sleazerock assoziiert.
A: Jingo de Lunch waren doch gut.
J: Schön abgehangenen Kreuzberger Kiezrock, den vermisse ich so. Wir wollen ja jetzt auch in Hamburg Kiezrock einführen, zusammen mit den Shanghai D'Guts.

?: Schon bei Wir kommen um uns zu beschweren" wurde von Kritikern angemerkt, daß sich bei euren Stücken 25jährige nochmal wie 16 fühlen können. Beim Konzert gestern wurden vor allem die alten, simplizistischen Punkrock-Kracher gewünscht. Hofft ihr mit den Midtempo-Stücken auf der neuen Platte eine neue Zielgruppe zu gewinnen?
D: Heute können sich 16jährige bei uns wie 83 fühlen.
J: 25 ist eigentlich nicht das Durchschnittsalter bei unseren Konzerten, eher jünger. Man weiß allerdings nie, wer sich die Platten kauft.
A: Es wäre natürlich schön, wenn die das alles mitmachen, die jungen Leute.
D: Bei so vielen neuen Stücken, die zum Teil recht komplex sind, hätte ich eigentlich noch mehr Zwischenrufe erwartet.
J: Ich hätte auch die alten Hits gefordert und mit meinen Jungs dann den Laden auseinander genommen.

?: Bei Britta ist von der neuen Bitterkeit" die Rede, ein Stück auf der K.O.O.K." heißt Die Neue Seltsamkeit". Was ist damit gemeint?
D: Ist natürlich schon ein sehr programmatischer Titel. Grundsätzlich war es aber nicht als Schlachtruf gemeint. Vielleicht eher, daß man sich seltsam sicher ist, was vorgeht, es nicht ganz fassen kann.

?: Das dunkle Königreich, das Unglück". Wo früher scheinbar ungebrochen autobiographisch die Alltagswahrnehmung der drei Tocs als Thema diente, hat man nun das Gefühl, die Erzählperspektive variiert, es ist nicht automatisch das Unglück von Beziehung oder Tourbus gemeint.
D: Das stimmt. Es war schon beabsichtigt, die Texte etwas rätselhafter zu gestalten. Mich hat es immer sehr gestört, wenn die Leute sagen, das ist Alltagspoesie. Auch das erzählerische Ich ist weitgehend eliminiert, aufgelöst, aufgesplittet. Wir waren alle der Meinung, man kommt mit diesen Textmodellen Wir gegen Sie" oder Der Haß-Song" nicht mehr so wahnsinnig weit. Das mußte man unter allen Umständen aufbrechen.
?: Mir kommt diese neue Rätselhaftigkeit auch wieder sehr romantisch raunend vor.
J: Wir würdens fantasymäßig nennen. A: Es ist doch gerade gut, wenn nicht immer alles so ausformuliert ist.

?: (An Dirk:) Setzt du dich hin und nimmst dir bewußt vor, solche lines wie Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut" oder Wir sind raus und wir sind stolz darauf" zu schreiben oder bemühst du dich eher, nicht auf die Verwertbarkeit zu achten?
D: An ein Publikum denke ich beim Schreiben erstmal gar nicht. (Beginnt zu greinen) So genau weiß ich allerdings auch nicht, wie ich das alles gemacht hab. Ist mir selbst ein Rätsel.
Die Texte entstehen auf jeden Fall immer im Hinblick auf eine neue Platte, soviel kann ich sagen. Ich hab jetzt nicht das Bedürfnis ständig irgendwelche Sachen aufzuschreiben, solche Leute soll es ja geben.

?: Wo würdet ihr die Veränderungen im Produktionsprozess sehen, verglichen mit euren früheren Sachen?
J: Eigentlich kann man sagen, daß dies unsere erste Platte ist, die richtig produziert ist. Fett zu klingen ist ja nicht so schwierig, aber einen geschmackvollen, ausgefeilten Klang hinzubekommen ist sehr zeitaufwendig. Es dauerte z. B. ewig, all die Gitarrensounds einzustellen. Peter Kubrick" Deimel (der Produzent) hat manche Sachen echt 30mal hintereinander aufgenommen, bis er den richtigen Sound gefunden hat.
A: Stichwort Apokalypse Now".
?: Inwieweit ist der Produktionsprozess unter solchen Umständen dann noch organisch? Klar ist, daß nichts mehr einfach so passiert wie bei Digital ist besser".
J: Natürlich gibt es Platten, die weniger Zeit brauchen und super sind. Ich würde nie behaupten, daß die Qualität von Musik mit den Produktionsmöglichkeiten unmittelbar zusammenhängt. Nur für uns war es einfach nicht mehr interessant, die Sachen so durchzuziehen wie in den letzten Jahren.
D: Das wäre ja wiederum sehr konservativ, um das noch einmal aufzugreifen. Nach dem Motto: So, das ist unser Stil und den kultivieren wir jetzt bis zur Besinnungslosigkeit. Schön abgetrasht und so Texte, die ein bißchen aus dem Leben gegriffen sind.
A: Hätte auch nicht soviel Sinn gemacht, die neuen Songs in Active Minds-Manier abzumischen.

?: Warum ist eigentlich kein Arne-Stück auf der Platte?
A: Das Instrumental Tag ohne Schatten" ist von mir. Darüberhinaus ist mir einfach nichts eingefallen. Außerdem habe ich keine Texte. Die beiden anderen haben sich auch nicht weiter darüber beklagt. Es muß ja nicht zwingend auf jeder Tocotronic-Platte ein Stück mit meinem Gesang sein. oder Dirk?
D: Würde ich jetzt auch kein Prinzip draus machen wollen.

?: In der neuen Beute" gibt es einen interessanten Artikel über das Zusammenspiel von Pop, Politik und Wirtschaft. Ihr seid ja jetzt Teil des Seagram-Konzerns, der Polygram und somit Motor Music gekauft hat. Betrifft euch das in irgendeiner Weise? Fühlt ihr euch noch gut aufgehoben in dieser Lado/Motor Konstellation?
J: Man merkt schon, daß bei Motor die Universal-Strukturen übernommen wurden. Es sind jetzt nicht mehr zwei Leute ausschließlich für Tocotronic zuständig, sondern eher sieben spartenmäßig aufgeteilt von Radio- über Presse- bis TV-Promotion. Aber die betreuen dann auch alle anderen Motor-Acts. Totale Profis.
A: Man könnte auch sagen, viele Köche verderben den Brei.
J: Das ist ja sowieso die letzte Platte gewesen. Wir sind jetzt eigentlich frei, d. h. nicht wir sind frei, sondern Lado ist frei, die Rechte an uns weiterzuverticken.
A: Wir sind bei Lado angekettet.
J: Wie es weitergeht, kann man schlecht sagen. Es ist noch alles offen.

?: Ihr seid ja auch Jungunternehmer. Was macht eure eigene Firma Rock-O-Tronic Records?
D: Im September kommt auf Rock-O-Tronic eine LP von Rudolf Brauer Sextett mit dem klangvollen Titel Die Schleife" heraus. Vinyl only.
J: Und dann geht's ab.

?: Mein Haus ist schwarz und es steht allein, es hat keine Fenster und es kommt niermand rein" haben EA 80 gesungen. Wenn Musik verflüssigte Architektur ist, wie sieht das Bauwerk von Tocotronic aus?
D: Ein labyrinthisches Spukhaus.
J: Ein Schloß. Meine Baßlinien bilden ein weißes Cinderella-Schloß. Ganz sauber und weiß wie in Euro-Disney. Und rosa.
A: Ähm. Ein Atomkraftwerk vielleicht?

Quelle: Satt

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