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Zeitverfluggeschwindigkeit
Vielen Dank an Martin, von dem wir dieses Interview übernehmen durften.

Skug: Zwischen dem Erscheinen der letzten und der neuen Platte liegt erstmals ein - für eure Verhältnisse - größerer Zeitraum. Dies widerspricht doch der alten Philosophie des Die-neuen-Stücke-sofort-Rauswerfens.
Jan: Müller: Ja, schon ...Aber es kam einfach so, den irgendwann kann man das nicht mehr so durchziehen, irgendwann wird das auch ein bisschen stressig.
Arne: Zank: Vielleicht kommt die nächste Platte dann wieder ganz schnell, mal sehen. Im Prinzip ist dieses schnelle Veröffentlichen ja gut, aber manchmal geht es auch nicht so.
Jan:: Die Voraussetzung für das, was wir auf der Platte gemacht haben, war, dass wir mehr Zeit hatten - die Streicher, Frankreich und der ganze Kram.
Skug: Wie ist die Zusammenarbeit mit Hans Platzgumer verlaufen?
Jan:: Da gab es schon auch Unstimmigkeiten. Hans hat sich etwas zu sehr in seine Produzentenrolle hineingesteigert, glaube ich.
Arne:: Er hat seine Rolle ein bisschen zu wichtig genommen und verkannt, dass wir einfach so arbeiten, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt und aber auch einstecken muss. Da gab es anfangs so eine Klärungsnot.
Jan:: Hans sah sich echt so als Produzenten, meinte, das "White Album" machen zu können. Und da sind wir einfach nicht die Band dafür. Aber ich glaube, das hat sich letztlich alles geklärt, und mit dem Ergebnis sind jetzt auch alle zufrieden.
Skug: Ist es Absicht, dass es mittlerweile keine wirklich markanten Aussagen und Slogans, wie vor allem auf der ersten Platte, mehr gibt?
Jan:: Das ist schon Absicht, weil man sonst Gefahr läuft, sich selbst zu kopieren.
Arne:: Es war ja ursprünglich so, dass man diese Slogans in einem kleinen Kreis gemacht hat - wir zu dritt für die paar Freunde, die zu unseren ersten Konzerten gekommen sind. Und wenn man dann weiß, das werden auch ein paar Leute kaufen, die uns nicht persönlich kennen, dann verliert man daran die Lust.
Jan:: Das ist auch der Hauptgrund, denn das wäre ja echt schlecht, wenn man die Musik nach dem Publikum machen würde, das wäre in jeder Weise falsch. Ob man sich jetzt sagt, ich mache Slogan-Texte, damit die Leute das kaufen, denn Slogan-Texte kommen eben an, oder ob man sagt, nein, ich mache das nicht, denn ich will nicht, dass die Leute das mitbrüllen - es ist ja immer doof, sich bei den Sachen, die man macht, nach den Leuten zu richten.
Skug: Ihr hättet letzten Sommer einen VIVA-Cometen bekommen sollen, habt den Preis aber nicht angenommen. Wie kam es dazu?
Beide:: Ähm ...
Skug: Ist das jetzt irgendwie ein blödes Thema?
Beide:: Nein, nein, das ist ein gutes Thema.
Skug: Ich war kurz danach in Hamburg, und da habe ich Stimmen gehört, dass ihr den Preis ursprünglich schon annehmen wolltet, und dass es da einige Diskussionen darüber gegeben hätte?
Jan:: Diskutiert haben wir schon, aber unter uns. Erst mal ging es nur um den Preis, da hatten wir schon ein komisches Gefühl. Dann kam dieser Titel ins Spiel, dieses "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben", und da haben wir drei unter uns überlegt, dass wir da hingehen und sagen, dass wir den nicht haben wollen, weil das das einzige ist, was auch etwas bringt. Für manche Leute kam das vielleicht etwas billig rüber, als hätten wir es als Schachzug geplant, aber das war eigentlich nicht so gedacht. Andererseits haben wir von den ganzen anderen Hamburger Musikern so viel Schulterklopfen geerntet, das war auch schon wieder nervig. So von wegen "ja, richtig gemacht". Deshalb hat man das ja nicht gemacht.
Arne:: Es sollte auch keine Geste gegen VIVA sein. Das war einfach, weil wir den Preis zu dem Zeitpunkt nicht annehmen konnten, weil das ein beschissener Titel ist und da halt einmal Schluss ist. Wir haben noch versucht, es so bescheiden wie möglich zu machen, haben da auf der Bühne nichts kaputt geschlagen oder so.
Jan:: Es ist auch merkwürdig, welche Reaktionen darauf kommen. Gerade aus linken Kreisen - für die ist völlig klar, man lehnt den Preis ab, weil das Wort "deutsch" drin ist. Aber das war ja überhaupt nicht der alleinige Grund, sondern es ging um diese Kombination, die da geschaffen wurde, dieser blöde Zeitgeist mit "jung" und "deutsch", und dass man sich ganz einfach nicht in dieses VIVA-Sendeschema einordnen möchte.
Arne:: Als wir dann dort waren, haben wir uns schon gefreut, dass wir das vorhaben und dass wir uns nicht entschieden hatten, da zu spielen, weil das ganz einfach auch eine grauenhafte Veranstaltung ist. Das hat nichts mit Musik zu tun.
Jan:: Diese ganzen ekelhaften, von VIVA gemachten Affen, die dort auch rumlaufen und sich furchtbar geil vorkommen, wenn die Teenager vor der Halle rumhängen ...

Du und deine Welt

Skug: Früher war in den Texten das "Ich" dominant, auf der neuen Platte gibt es eine Verschiebung zum "Du" bzw. einem anonymen "Sie" - wie kommt das, bzw. was steckt dahinter?
Dirk von Lowtzow (der erst an dieser Stelle des Interviews auftauchte): Wir haben uns gedacht, bei der letzten Platte war vielleicht schon ein bisschen sehr viel "Ich" dabei (Gelächter), und da war es ganz zwangsläufig, dass in den Texten das "Sie" und "Wir" oder das "Du" mehr zum Tragen kommen sollte. Aber es geht überall immer noch um mich selbst; es ging hauptsächlich darum, dass man das nicht ganz so offenkundig tut.
Skug: Mit Texten konkret politisch Stellung zu beziehen, das ist offensichtlich nach wie vor nicht eure Sache?
Dirk:: Ich kann jetzt nur für mich antworten, wo ich den Großteil der Texte schreibe, und ich kann das halt überhaupt nicht, und mich interessiert das auch nicht.
Jan:: Da denken wir drei dann auch viel zu unterschiedlich, als dass man großartig politische Aussagen machen könnte. Aber letztendlich finde ich diese Platte fast politischer als die vorigen. Ein Stück wie "Sie wollen uns erzählen" würde ich schon eher als politisch betrachten.
Skug: Gerade bei diesem Stück ist es Auslegungssache, das kann man auf verschiedene Arten verstehen.
Dirk:: Das ist ja gut. Gerade das finde ich interessant, und das wollen wir auch. Aber wir sind eben nicht die Typen, die so konkret politische Botschaften in Texten rüberbringen. Und außer den Goldenen Zitronen fällt mir in Hamburg auch gar keine andere Band ein, die das wirklich macht.
Jan:: Ich finde es sehr schwierig, einen guten politischen Text zu machen, weil das auch viel von sich selbst verlangt. Franz Josef Degenhardt fällt mir da zum Beispiel ein, der hat das immer sehr gut gemacht.
Dirk:: Es geht da ja auch immer ums Niveau.
Jan:: Wenn ich über so Sachen wie Ton Steine Scherben, Slime oder Atari Teenage Riot nachdenke, finde ich das im Endeffekt völlig dumm, wenn ich das auch gerne höre. Das sind halt so schöne Kampflieder, aber ...
Skug: Ich habe das Gefühl, dass in den Texten der neuen Platte manchmal ein resignatives Hinnehmen mitschwingt, was im Gegensatz zur Wut, dem Hass und dem Aufbegehren von früher steht. Da habe ich mir die Frage gestellt, ob das wohl das ist, was man "Erwachsenwerden" nennt?
Dirk: (zögernd): Da ist schon was dran. Also, ein bisschen resignativ ist das manchmal schon, aber auf der anderen Seite finde ich es eher selbstverletzend, traurig, und da kann man ja auch wieder ganz viel rausziehen.
Jan:: Ich glaube, da wird jetzt eine These aufgestellt, die einfach nicht richtig ist, weil ja auch schon "Freiburg", das erste Stück von unserer ersten Platte, total resignativ ist.
Skug: Aber gerade in Freiburg gibt es noch diesen gerechten Zorn, eine konkrete Benennung, und genau das hat sich verändert.
Dirk:: Das ist eben genau das, was wir zu vermeiden versucht haben. Dieses konkrete Benennen war ja bei "Freiburg" und dem "Kleinkunst"-Stück auch gut, aber wenn man sich wieder etwas Beliebiges rausgreift, auf das man den sogenannten "gerechten Zorn" loslässt, dann läuft man wirklich Gefahr, dass das beliebig wird, dass man sich selbst kopiert. Es wäre langweilig, das ewig so weiterzumachen: Jetzt gegen die, dann gegen die ..
Jan:: Dann ist man echt da, wo Deutschpunk-Bands zum Schluss standen. Ein Lied gegen den Staat, ein Lied gegen die Polizei ...
Dirk:: ... ein Lied gegen den Papst, die dumme Sau. Und das entspricht einfach auch nicht dem, wie wir zur Zeit denken.
Skug: Aber es ist nicht so, dass ihr von Tag zu Tag resignativer werdet?
Dirk:: Nein, überhaupt nicht. Ich finde die Platte auch gar nicht resignativ - "Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben" ist vielleicht was du meinst, das ein bisschen resignativ klingt.
Skug: Zum Beispiel, ja.
Dirk:: Das war einfach eine Möglichkeit, ein Hass-Stück zu machen, auch diese Aggressivität zu haben, eigentlich viel stärker noch als bei den anderen Hass-Stücken, aber das gleichzeitig immer in der Strophe wieder umzudrehen und gegen sich selbst zu richten.
Skug: In "Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen" gibt es das ebenfalls.
Dirk:: Das ist tatsächlich auch das traurigste Stück der Platte. Aber ich weiß gar nicht, ob es unbedingt so resignativ ist, denn wenn man das feststellt, dann kommt es ja darauf an, was man daraus macht. Ich kann mir schon vorstellen, dass das runterziehend ist, aber auf eine andere Art birgt das auch wieder viel Hoffnung in sich.
Skug: Was erwartet sich eure Plattenfirma von der neuen Platte?
Arne:: Die erwarten sich, dass ganz viele Hits drauf sind, die radiokompatibel sind und wo man ein schickes Video dazu machen kann, das dann überall läuft, aber sonst ...
Dirk:: Wenn wir eine Platte aufnehmen, dann knüpfen sich daran ja nicht gleichzeitig so Hoffnungen, mit dieser Platte noch erfolgreicher zu sein oder so. Man versucht ja einfach, für einen selber möglichst gute Musik zu machen.
Arne:: Und was die wollen, weiß man auch, das ist ja klar. Das ist eine Firma, die wollen halt Kohle machen.

Quelle: Interview mit Tocotronic, geführt von Gerhard Stöger; in: Skug #32/Herbst 1997

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