Mit freundlicher Genehmigung von Tütensuppe, der Schülerzeitung der Realschule Beverungen.

Interview mit Jan Müller von Tocotronic

Ihr seid gerade in Amerika gewesen. Wie waren eure Konzerte dort?

Unsere Konzerte in Amerika - drei an der Zahl - waren sehr unterschiedlich. Zuerst spielten wir in Chicago für einen College-Radiosender. Eine Aufzeichnung im Studio ohne Publikum. Dies war eine neue und interessante Erfahrung. Ein Konzert ohne Zuhörer und mit Kopfhörern auf den Ohren ist ganz anders als sonst. Man konzentriert sich mehr auf das gemeinsame Musizieren als normalerweise. Dann ging es weiter nach Austin / Texas zur SXSW-Musikmesse. Innerhalb von 4 Tagen spielen dort ca. 800 Bands. Ein derartiges Überangebot stellt meiner Meinung nach die totale Geringschätzung von Musik dar. Trotzdem war das Konzert sehr schön. Viele Freunde, die auch auf der Musikmesse waren, besuchten uns und das Spielen machte Spaß. Zum Schluss spielten wir in New York / New York in einem Club namens "Brownies". Auf Grund der ungewohnten Verstärker bzw. des geliehenen zirkuskapellen-ähnlichen Schlagzeugs klangen wir an diesem Abend anders als sonst. Als spezielle Geburtstagsüberraschung für Dirk sollte J Masics von Dinosaur Jr. um Punkt 12 Uhr bei einem Lied mitspielen. Aber der zweite Gitarrenverstärker funktionierte nicht und J verließ die Bühne nach zwei Minuten wieder. Es war eher ein trashiges Konzert.

Euer letztes Album "K.O.O.K" habt ihr aufgrund eurer Amerikatour nochmals komplett auf Englisch aufgenommen. Habt ihr in euren Konzerten auch entsprechend alles auf Englisch gesungen?

Wir haben nur zwei Stücke auf Englisch gesungen. Die englische Fassung von "K.O.O.K." ist ein Experiment, welches uns Klarheit verschaffen sollte, wie wichtig die Sprache für unsere Musik ist; es ist nicht der Versuch, neue Märkte zu knacken.

Waren die Publikumsreaktionen in Amerika andere als ihr sie von Deutschland her kennt?

Die meisten Leute, die in den USA unsere Konzerte besuchten, kannten unsere Musik vorher nicht, daher waren die Reaktionen natürlich verhaltener als in Deutschland. Allerdings waren in New York auch viele deutsche Touristen anwesend.

Auf "K.O.O.K." befindet sich ein Liebeslied mit dem Titel "Jackpot". Ist es an jemanden bestimmtes adressiert?

Das Lied "Jackpot" ist für eine bestimmte Person geschrieben, aber die Botschaft soll dennoch eine allgemeine Gültigkeit besitzen.

Auffällig ist, dass es auf "K.O.O.K." nicht mehr die ansonsten so tocotronic-typischen Hasssongs gibt. In dem Song "Let There Be Rock" kommt gar folgende Zeile vor: "Alles, was wir hassen, seit dem ersten Tag,wird uns niemals verlassen, weil man es ja eigentlich mag." Wie ist diese Aussage zu deuten?

Es ist eigentlich unmöglich und auch sinnlos, die eigenen Texte zu interpretieren. Das behalten wir unseren Kritikern vor. Nur so viel: Liebe und Hass liegen dicht beieinander. Eine Binsenweisheit.

Ihr seid jetzt schon einige Jahre im Musikgeschäft. Was hat sich für euch - als Band bzw.als Privatpersonen - in dieser Zeit verändert?

Wenn ich für mich persönlich spreche, so muss ich sagen. Seit frühester Jugend war Musik für mich extrem wichtig. Deshalb ist es so schön für mich, dass sie nun einen so wichtigen Stellenwert in meinem Leben hat. Außerdem lernte ich durch das Musikmachen viele wertvolle Menschen kennen. Die Schattenseite: Menschen, die nicht an Musik, sondern an Erfolg / Ruhm interessiert sind, existieren natürlich auch. Aber dieses Phänomen ist schließlich nicht auf die Musik beschränkt, es ist überall vorhanden. Schwierig am Dasein als Musiker ist, dass es Phasen gibt, in denen man sehr viel zu tun hat und Phasen, in denen man kaum etwas tut und einen eine gewisse Leere ereilt. Das ist sehr unnatürlich.

War es für euch schwer, eine Entscheidung zu treffen, als ihr gemerkt habt, dass ihr von eurer Musik leben könnt, diesen Weg zubeschreiten?

Der Moment, in dem ich mein Studium abbrach, war für mich ein Zeitpunkt größter Befreiung. Ich denke, für das Jetzt zu leben und nicht immer voller Ängste in die Zukunft zu schauen, ist eine sehr positive Entscheidung.

Welche Erinnerungen habt ihr an eure Schulzeit und spielen diese eine Rolle in der Haltung zu eurer Musik bzw. in euren Texten?

Meine Schulzeit liegt so weit zurück, dass das Leid und die Depression, die damit auch verbunden war, eigentlich vergessen ist. Manchmal denke ich voller Melancholie an diesen Abschnitt meines Lebens zurück (à la Feuerzangenbowle). Andererseits war die Schulzeit auch die Zeit, in der wir begannen uns abzugrenzen. Ich merkte, ich denke und fühle anders als die Meisten. Damals glaubte ich, es sei eine bewusste Entscheidung, "Außenseiter" zu sein. Heute weiß ich, dass dies unvermeidbar war. Gott sei dank kenne ich heute einige Leute, die ebenso denken (nicht zuletzt Arne und Dirk). Die Zeit von Ausgegrenztsein und Einsamkeit während und in der Schule war auch ein Thema unserer Texte. Allerdings eher auf den ersten vier LPs (z.B. "Als letzter auf der Bank", ein Single-Outtake der "Es ist egal, aber"-LP).


(die fragen stellte: david)


Quelle: Tütensuppe 01/2000


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