Mit freundlicher Genehmigung von Visions.

Apathische Widersprüche

Ob man sie nun mag oder nicht, eines steht fest: Tocotronic sind ein Phänomen, das nicht leicht zu erklären ist - und ein mittlerweile recht erfolgreiches. Sie sind eine der Bands, die man entweder liebt oder haßt. Auch für ihre vierte Platte "Es ist egal, aber" wird es kaum ein Dazwischen geben. Für alle, die die Anfänge nicht mitbekommen haben, noch einmal die wichtigsten Tocotronic-Stationen im Schnelldurchlauf:


Schon kurze Zeit vor der Veröffentlichung der Debüt-LP "Digital ist besser" im Jahre 1995 waren Tocotronic eine Band, über die man redete. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich damals noch auf einen überschaubaren Kreis von Leuten, die neue Stimmen in der Musikszene mit großem Interesse verfolgten. Zu diesem Zeitpunkt wurden Tocotronic von einer gewissen Hipness umweht. Dirk von Lowtzows Stimme hörte man zum ersten Mal 1994 auf dem Song "Sing Sing" von der zweiten Blumfeld-LP "L`etat et moi". Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer fand den Satz "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" so gut, daß er ihn unbedingt auf seiner Platte haben wollte. Obwohl damals wohl die wenigsten wußten, daß der Satz der Titel eines Songs ist, der von einer Band namens Tocotronic geschrieben wurde, wirkte sich die Blumfeld-Connection sicherlich positiv auf die Bereitschaft aus, Tocotronic zu akzeptieren. Nach einer etwas untergegangenen 7"-Single erschien Anfang 1995 eine Maxi im weißen Einheitscover, wie es sonst im House-Kontext üblich ist. Der Disco-typische Aufdruck "Supersound-Maxi" deutete bereits an, daß man keinen besonderen Wert darauf legte, handgemachte Musik zu spielen. Gleichzeitig wurde ein Bezug auf die 70er Jahre angezeigt, der sich in dem Titel des Debüts, "Digital ist besser" fortsetzte, denn damit waren Digitaluhren gemeint.


Die scheinbar kaum verklausulierten Texte Tocotronics wurden von vielen Freunden neuer deutschsprachiger Rockmusik als willkommene Ablösung vom komplexen und verschlüsselten Stil eines Jochen Distelmeyer gesehen. Auf den nächsten beiden Platten ("Nach der verlorenen Zeit" und "Wir kommen, um uns zu beschweren") setzte man im wesentlichen die textliche und musikalische Linie des Debüts fort. Es gab technische Verfeinerungen und mehr Platz für Gitarrensoli, während in den Texten sich Michael Ende als Vertreter einer sich in Phantasiewelten flüchtenden Spät-Hippie-Kultur zu den symbolischen Tocotronic-Feindbildern wie Fahrradfahrern, Gitarrenhändlern, Kleinkünstlern und Backgammon-Spielern gesellte.
Nun gibt es mit "Es ist egal, aber" eine neue Platte. Die Vorliebe für leicht nörgelige Titel, die sich schon mit "Wir kommen, um uns zu beschweren" ankündigte, wird aufrechterhalten. Der neue Titel scheint eine Form von apathischem Widerspruch auszudrücken, der möglicherweise dem generellen Skeptizismus entspricht, der die Songs von Tocotronic oft kennzeichnet. Im Rahmen ihrer ästhetischen Vorlieben haben Tocotronic ihr Spektrum erneut um einige Ideen erweitert. Wie bereits im Vorab-Bericht im letzten Heft erwähnt, werden in einigen Stücken auf der neuen Platte Streicher und Keyboards eingesetzt, die allerdings keine tragende Funktion haben, sondern reibungsfrei im Gesamtbild aufgehen. Man sollte also keinen Bruch mit den musikalischen Formen der ersten Platten erwarten - der Unterschied ist schlicht, daß alles eine Spur ausgetüftelter klingt, was sich oft auch erst dann bemerkbar macht, wenn man genauer hinhört.


Die Texte erscheinen generell etwas düsterer als bisher. In "Meine Schwester" wird eine Geschichte erzählt, deren Ende offen bleibt. Dies erweckt den Eindruck, der Erzähler sei sich selbst unklar darüber, wie er sich zu den geschilderten Tatsachen verhalten soll - und eben diese Art der Unsicherheit ist exemplarisch für die Texte auf "Es ist egal, aber". In "Ich bin viel zu lange mit euch gegangen" scheint die Kritik an Kritiklosigkeit, wie sie schon in "Ich bin neu in der Hamburger Schule" artikuliert wurde, variiert zu werden. Es geht um die Befürchtung, sich in einem abgeschlossenen Cliquen-Zirkel, der möglicherweise mit der Hamburger Musikszene korrespondiert, der übrigen Welt zu entziehen.
Ähnliche Fälle werden in "Du und deine Welt" und "Mein neues Hobby" behandelt. Inwiefern Tocotronic stellvertretend die Probleme einer Gruppe aussprechen, können die Rezipienten selbst für sich entscheiden. Tendenziell erscheint das neue Album als ihre bisher privateste Platte, die darüberhinaus am stärksten und unmittelbarsten auf die persönlichen Erfahrungen im Musikgeschäft reagiert. Man könnte mutmaßen, daß hier eine Episode der Verunsicherung reflektiert, aber doch positiv genutzt wird - indem sie sich musikalisch und textlich manifestiert. An einem schwülen Kölner Sommertag treffe ich Tocotronic zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen. Dirk scherzt, ich könne ja bald ein Buch über sie schreiben. Ja, dann könnte ich wohl aufhören zu studieren. Aber jetzt lassen wir die Jungs erst mal selbst zu Wort kommen:


Als wir das erste Mal miteinander gesprochen haben, ist mir aufgefallen, daß in Dirks Wohnung zwei Poster von Thomas Bernhard hängen. Hat der deine Texte beeinflußt?

Dirk: "Er ist einfach ein super Schriftsteller, und ich finde auch die Sprache klasse. Klar, wenn es jemanden gibt, dessen Stil man gut findet, beeinflußt einen das schon. Bestimmte Worte, die ich benutze, kommen definitiv von Bernhard. Und auch das ‘Freiburg’-Stück und ‘Samstag ist Selbstmord’ von der ersten Platte sind bezüglich ihrer ganzen Grundhaltung - daß man wahnsinnig polemisiert und normale Sachverhalte übertrieben darstellt - durch ihn geprägt. Auf der neuen Platte habe ich die Zeile `Ich bin auf den Hund gekommen, wie man sagt...` in etwas veränderter Form von Thomas Bernhard übernommen."


Ihr habt auf der neuen Platte viele Texte, die sich gegen ungenannt bleibende Personen richten. Sollen die HörerInnen selbst entscheiden, wer gemeint ist?

Jan: "Wir haben diesmal ganz bewußt drauf verzichtet, Leute zu benennen - solche Sachen wie `Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst`, das man ein Anti-Hippie-Lied nennen könnte. Aber ich habe mal im Klausner (Hamburger Fanzine - der Verf.) so einen Kommentar gelesen, von wegen `Wozu sich über Leute aufregen, mit denen man sowieso nichts zu tun hat?`. Und so ist es ja auch. Deshalb sind die Texte auf der neuen Platte zumeist auch etwas unbestimmter. Ein weiterer Effekt ist, daß man sich im `sie` selbst miteinschließt, so daß also auch Selbstkritik formuliert wird."

Dirk: "Genau. Wenn man immer wieder gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen oder einzelne Leute wie Michael Ende oder Fahrradfahrer wettert, nimmt man sich selber da raus. Das ist dann ein bißchen selbstherrlich. Wir wollten diesmal ein generelles Unbehagen ausdrücken, so ein Gefühl, bei dem man nicht weiß, was um einen herum passiert, anstatt konkret zu sagen: `ihr seid blöd, ihr seid Deppen`, oder so."

Jan: "Es wirkt vor allem selbstherrlich, wenn einem immer jemand zuhört und `genau!` sagt, was ja bei uns passiert ist. Bei der ersten Platte ging das noch, weil unser Publikum zahlenmäßig noch kleiner war. Da konnte man gewisse Sachen noch sagen, weil man aus einer Außenseiterposition argumentiert hat."


Macht ihr euch eigentlich manchmal Gedanken über euer Publikum? Man kann es ja ohnehin nicht so kontrollieren, aber...

Arne: "Man kann es sich nicht aussuchen! (allgemeines Lachen) Nee, das war Quatsch. Wir sind meistens zufrieden mit den Leuten, die uns hören. Bei manchen Konzerten denkt man aber schon `Heute war’s ein bißchen seltsam. Komische Leute - ob die was mit der Musik anfangen konnten?` Meistens geht es aber gut. Von daher sind wir noch nicht so in der Bredouille, daß man sich total von den Leuten entfremdet, die uns gut finden."

Dirk: "Manchmal ist man von den Reaktionen ein bißchen befremdet, wenn es im Publikum sehr euphorisch wird, aber grundsätzlich findet man es eigentlich toll, wenn man auf die Bühne kommt und dann alles applaudiert. Manchmal ist die Grenze eben fließend. Daß Leute mitklatschen, ist etwas, was wir total ablehnen, weil dadurch so eine Schunkelstimmung oder `Rockpalast`-Seligkeit erzeugt wird."

Arne: "Außerdem bringt es einen aus dem Takt! Das muß man auch mal sagen, vor allem bei den ruhigen Stücken."


Versucht ihr denn auch, dem dann entgegenzusteuern?

Dirk: "Wir schütteln dann meistens ein bißchen den Kopf und hoffen, daß die Leute das sehen. Grundsätzlich macht man sich schon Gedanken, weil wir nicht die Band sind, die sagt: `Wow, das Haus ist voll! Die Leute toben, das ist der Wahnsinn! Wir haben’s geschafft!`."


Ihr habt ja auch in den Texten immer eine gewisse Skepsis.

Arne: "Ja klar, man will schließlich nicht so selbstzufrieden sein und sich abfeiern lassen."

Jan: "In letzter Zeit war es in Konzerten besonders extrem bei dem Stück ‘Ich möchte etwas für dich sein’, wo dann Leute anfingen mitzuklatschen. Das befremdet total, weil speziell dieses Lied meilenweit entfernt ist von einem Party-Ding. Es ist eigentlich ein sehr zweifelndes Stück. Das drückt vielleicht auch eine Differenz zum Publikum aus, das den Text möglicherweise gar nicht so nachvollzieht."


Aber vielleicht nimmt ein Stück in einer Konzertsituation auch eine neue Bedeutung an.

Dirk: "Ja, natürlich darf man solche Situationen auch nicht überbewerten und sagen `Das ist Scheiße!`"

Jan: "Sonst endet man noch so wie Klaus Kinski, der sein Publikum anschreit, weil einer gehustet hat. Das hat mein Vater mal bei einer Lesung erlebt."

Dirk: "Für die Hörer ist ein Konzert schließlich eine der wenigen Möglichkeiten, der Band zu zeigen, daß sie von einem Stück begeistert sind. Nur einem selber paßt es manchmal nicht in den Kram, weil es so eine `Blauer Bock`-Atmosphäre schafft."


Ihr habt ein ziemlich heterogenes Publikum. Als ihr angefangen habt, wart ihr in sogenannten ‘Hip’-Kreisen durchaus angesehen - das hat sich vielleicht ein bißchen verflüchtigt, aber ihr seid da immer noch akzeptiert. Andererseits gibt es Jugendliche, die euch als Identifikationsfiguren sehen, die irgendwie aufmüpfigen Punkrock machen.

Arne: "Aber das überschneidet sich auch. Warum sollen sich gerade 16jährige damit identifizieren und die anderen hören es nur, weil sie es irgendwie intellektuell interessant finden? Das haben wir auch schon andersrum gehört. Es spricht ja auch Leute in unserem Alter persönlich an (alle drei sind 26 - der Verf.). Man muß da etwas vorsichtig sein."

Dirk: "Für uns war ja auch schon von vornherein klar, daß wir nicht nur für eine bestimmte Art von Publikum, also die Indie-Kenner, Musik machen wollen, sondern daß es auch andere Leute hören können. Diese elitäre Plattensammler-Mentalität vertreten wir nicht, weil wir sowas letztlich auch machomäßig, blöd und spießig finden."


Mir ist aufgefallen, daß bei euch jeder gleich wichtig ist. Jeder hat so eine bestimmte Rolle, wie in alten Beat-Bands vielleicht.

Arne: " Das ist die einzige Art und Weise, wie wir es machen wollen. Jeder ist gleichberechtigt, und wir machen alles zusammen."

Dirk: "Es war nicht so konzeptuell geplant, aber es ist sehr schön, daß es sich so entwickelt hat. Genau solche Bands fanden wir selbst ja auch immer interessant, gerade auch als wir uns gegründet haben. Nation Of Ulysses oder jetzt The Make Up zum Beispiel, wo jeder eine Funktion hat. Letztendlich geht es ja auf die Beatles zurück."


Daß ihr verstärkt als Gruppe wahrgenommen werdet, liegt vielleicht auch daran, daß ihr mit den Sachen, die ihr tragt, schon einen gewissen Stil etabliert.

Dirk: "Was man an Bands oft schlecht findet, ist, daß die so zusammengewürfelt wirken, gerade wenn man wie ich aus der Provinz kommt und dann nicht die richtigen Leute findet. Dann hat man den Metal-Freak an der Gitarre, und der Bassist kommt vom Funk und hat so`n Käppi auf..."

Arne: "Es hat sich so ergeben, daß wir alle ähnliche Sachen anziehen. Aber wir fanden es schon lustig, daß es nach Konzept aussieht. Wir mußten uns nicht verrenken."

Dirk: "Aber das kann man ja bei vielen Bands in Hamburg beobachten. Die Sterne haben auch einen ziemlich einheitlichen Kleidungsstil, oder die Zitronen mit ihren Anzügen. Das ist letztendlich gut anzugucken, so wichtig aber auch nicht."


Wie findet ihr es eigentlich, wenn Bands ganz offensichtlich von euch beeinflußt sind? Neulich habe ich eine Mini-CD von einer Band namens Stiller gehört, die euch ziemlich kopiert haben.

Jan: "Ja, mit denen haben wir auch schon mal zusammen gespielt. Es ist immer ganz schwierig zu beurteilen, ob eine Band von uns beeinflußt ist, zumal es sehr arrogant rüberkommt, sowas zu sagen. Man kann sich da ganz schnell irren."

Dirk: "Wenn man ganz ehrlich ist, merkt man unterbewußt ja schon, ob es da eine Beeinflussung gibt, aber wir finden es halt überheblich, sowas zu sagen. Bei Samba wird das ganz oft behauptet, aber ich glaub` das noch nicht mal. Die finden uns vielleicht gar nicht so doll."

Jan: (mit ironischem Tonfall) "Emporkömmlinge allesamt! Sterne, Selig - alles Emporkömmlinge! (allgemeines Lachen). Wir wollen uns da eher raushalten. Es wird nämlich auf der anderen Seite auch schnell peinlich, solche Bands zu fördern."

Dirk: "Ja, das finde ich auch total blöd. Das ist der Sonic Youth-Fehler, so gönnerhaft zu kommen, im Sinne von: `Die coole Band stellt jetzt mal Newcomer vor.’ Deswegen haben wir uns auch oft entschieden, mit amerikanischen Bands auf Tour zu gehen."

Jan: "Ja, genau. Sonic Youth - ganz fitte Vorband."


Könnt ihr eigentlich von Tocotronic leben?

Dirk: "Ja, im Augenblick schon. Wir haben ja auch viel gemacht. Die letzte Platte, jetzt die neue, und dazwischen gab es immer Tourneen. Es ist nicht so viel, daß man sich davon eine Wohnung kaufen könnte, aber wir können davon leben."


Sind Tocotronic auf Kontinuität hin angelegt? Ihr meint doch nicht die Band, wenn ihr singt "Manchmal wünsche ich mir, dieser Scheiß wär` schon vorbei", oder?

Jan: "Naja, manchmal denkt man das vielleicht."

Dirk: "Grundsätzlich verstehen wir uns aber so gut, daß wir hoffen, daß es immer weiter geht."

Jan: "Wir wollen nicht an den Punkt kommen, an dem wir denken, daß wir es machen müssen."

Dirk: "Wir hinterfragen schon den Sinn der ganzen Sache - wenn es nur eine Art Job wäre, würde man sich vielleicht auch wiederholen."

Jan: "In gewisser Weise ist es auch ein Job, aber eben ein Job, der Befriedigung verschafft, und das ist ja o.k."


Gibt es eigentlich Neid zwischen einzelnen Bands in Hamburg, oder ist es eher kollegial?

Jan: "Nee, eigentlich nicht. Die einzelnen Bands machen alle ihr Ding, gerade diejenigen, die schon länger dabei sind. Meistens sind die Leute zufrieden, auch wenn sie nicht so erfolgreich sind, so wie Tilman Rossmy, der aber genau weiß, daß er das machen will, was er macht."

Dirk: "Oder andere Bands wie Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, die kommerziellen Erfolg ausgeschlossen haben, weil die vorrangig ihr Studium im Auge haben. Gerade die älteren Leute, die schon ganz lange dabei sind, sind immer extrem kollegial. Gestern habe ich zum Beispiel Ale (Sexfeind, Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen und Mitbetreiber des ‘Buback’-Labels - der Verf.) getroffen, und der meinte: `Ah, ihr habt `ne neue Platte, super!’. Es ist schon sehr nett meistens."


Mario Lasar

Quelle: Visions Nr.59


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