Mit freundlicher Genehmigung von Visions.

Gestiegene Ansprüche

Gleich vorweg: Trotz einer aufwendigeren Produktion, die sich in Details bemerkbar macht, stellt die kommende Tocotronic-LP "Es ist egal, aber" keinen massiven Bruch mit den anderen Platten dar. Musikalisch halten sie den Breitwandgitarren die Stange – auch wenn filigrane Streicher subtile Akzente setzen und so für positive Überraschungen sorgen.

Als ich zur verabredeten Zeit im Café Saal II auf St. Pauli ankomme, sehe ich zuerst Jochen Distelmeyer, der an einem Tisch sitzt und, im schwarzen Anzug mit wirren Haaren, Texte schreibt. Im hinteren Raum sitzen Dirk von Lowtzow und Jan Müller von Tocotronic. Sie sehen eigentlich genauso aus wie auf den Fotos, die man so kennt. Dirk schlägt vor, das Interview bei ihm zu Hause zu machen. Er wohnt gleich um die Ecke. Wir sitzen auf dem Fußboden und trinken naturtrüben Apfelsaft. Hauptthema des Interviews sind die Produktions- und Aufnahmebedingungen der neuen Platte.

Stimmt es, daß die neue Platte in Frankreich aufgenommen wurde?
Dirk: Das ist richtig, ja.
Wie kam es dazu? Wolltet ihr mal was anderes ausprobieren?
Jan: Wie waren ja jetzt dreimal im Soundgarden-Studio hier in Hamburg, und wir dachten "Jetzt mal was Neues". Wenn wir wieder ins Soundgarden gegangen wären, wäre ja klar gewesen, was rauskommt. Wir wollten ein Stück weiter kommen und vielleicht sogar riskieren, daß es nicht klappt. Dann hätten wir immer noch ins Soundgarden gehen können.
Dirk: Wir hatten halt gehört, daß dieses Studio in Frankreich sehr schön sein soll. Chokebore, mit denen wir zusammen auf Tour waren, hatten da vorher aufgenommen, und die haben alle so davon geschwärmt. Und da haben wir uns gedacht: "Kann man ja mal machen". Im Soundgarden kennt man ja echt schon jeden Sessel, der da steht.
Jan: In Frankreich im Studio hatten die auch so altes Equipment stehen, was im Soundgarden überhaupt nicht der Fall ist. Es gab alte Gitarrenverstärker, ein altes ‚Motown‘-Mischpult...
Dirk: So Albini-mäßig ist das aufgezogen, also daß das so analog ausgestattet ist..., aber ich kenne mich da auch nicht so aus, haha! (Sehr beruhigend –Der Verf.).
Jan: Es ist einfach ganz altmodisch, also kein automatisiertes Mischpult oder so. Die Sachen werden nachher nicht auf DAT geschnitten, sondern auf Halbzweiband (? –der Verf.). Nur ärgerlich, daß wir es dann doch vom DAT mastern mußten.
Dirk: Und der Peter, der uns da aufgenommen hat, ist auch so’n Gitarrenfreak, der hat diese ganzen Gitarrenverstärker da, Marhall, Fender und auch so ganz alte, komische Dinger aus den 60er Jahren...
Jan:...des vorigen Jahrhunderts!
Dirk: Ja, und Peter und Ian Burgess waren die Tontechniker. Ian Burgess hat unter anderem Big Black, Killdozer und Naked Raygun gemacht, so die Schiene. Abgemischt hat er die Platte aber nicht.
Jan: Beim Abmischen im betrunkenen Zustand meinte er dann einmal: "Ich mach‘ jetzt ein Stück!" Ich saß hinter ihm, und er meinte dann zu mir: "Jaja! Das isses!" Die Aufnahmepegel waren dabei voll im roten Bereich. Und er: "Mein ganzes Leben habe ich im roten Bereich verbracht."
Klingt das denn gut?
Jan: Weiß nicht, wir haben das dann weggelassen. Wir haben’s aber noch auf Band.
Hattet ihr denn gar keinen richtigen Produzenten?
Dirk: Doch, Hans Platzgumer (of H.P. Zinker-, Goldene Zitronen- und Soloplatten- fame). Mit ihm hatten wir im Vorfeld schon bei der Entstehung der Stücke zusammengearbeitet, und außerdem hat er die Streicher-Arrangements gemacht. Das war halt auch so, weil wir dreimal mit Carol von Rautenkranz als Produzenten gearbeitet haben. Und Hans wohnt ja auch im Viertel (Schanzenviertel? St. Pauli? – der Verf.). Es lag auch nah, daß er viel von Gitarren versteht.
Jan: Daß er Streicher arrangieren kann, war eigentlich der eine Grund. Der andere war, daß uns schon immer gefallen hat, was er bei H.P. Zinker gemacht hat – diese Led-Zeppelin-Gitarrensounds.
So heftig war das?
Dirk: Ja, manchmal auch so Dinosaur Jr.-mäßig.
In welcher Stadt war das Studio denn?
Jan: Das war mitten auf dem Land, bei Rennes in der Nähe.
Und wie lange wart ihr da?
Dirk: So zwei Wochen.
Jan: Also zwei Wochen zum Aufnehmen, und dann waren Hans und ich nochmal zwei Wochen zum Abmischen da.
Liefen die Aufnahmen diesmal anders ab als bei den vorangegangenen Platten?
Jan: Es gab schon andere Vorstellungen bei uns und Hans, wie sich Platte anhören sollte. Aber im Endeffekt haben wir es dann schon wieder ähnlich gemacht wie bei den letzten Platten. Es ist immer so, daß man als Team zusammenarbeitet und jeder Vorschläge macht.
Dirk: Also wir drei, der Tontechniker und der Produzent.
War es eigentlich kompliziert, die Platte aufzunehmen? Es hört sich eigentlich nicht so an, weil die Stücke oft eher schnörkellos sind, finde ich.
Jan: Ich fand es sehr anstrengend, diese Platte aufzunehmen. Wir haben an 24 Stücken gearbeitet, und wenn man das erste Stück fertig hat, denkt man: "Ach, jetzt noch 23!" Das ist eine ganz schön große nervliche Belastung, weil man sich bei der Einspielung im Studio immer total konzentrieren muß. Wenn man live spielt, ist das besser. Beim Abmischen war es halt noch schlimmer. Man dachte: "Oh ha! Noch 23 Stücke!" Wenn man dann zum Ende kommt, ist es schon eine große Erleichterung.
Dirk: Wir haben diesmal auch mehr an den stücken gearbeitet. Bei den Platten davor...
Jan: Bei der ersten sind wir ins Studio und zack, in drei Tagen war das durch.
Dirk: Ja, das war damals mehr so’n Wochenend-Ding. Bei der neuen Platte hat die Vorbereitung schon mehr Zeit in Anspruch genommen. Und dann kamen noch die Streicher und die Keyboardsachen hinzu. Auf der neuen Platte gibt es auch viel mehr Gitarrenspuren. Vorher war es meistens nur eine Gitarre, und dann noch eine drüber und bei den Soli dann noch mal zwei. Jetzt sind die Gitarren mehr ineinander verwoben. Das war schon schwieriger, das so hinzukriegen.
Jan: Die Ansprüche, die man an sich selbst stellt, steigen ja auch bei jeder Platte. Klar hätten wir die neue LP wieder so aufnehmen können wie die erste, aber das wäre ein bißchen lau gewesen.
Dirk: Vor allem für einen selber. Manchmal denkt man vielleicht, es wäre ja ganz cool gewesen, die LP so in drei Tagen hinzurotzen...
Jan: Aber wir sind auch immer noch nicht die Band, die das so machen kann. So `ne Band wie Social Distortion oder irgendeine andere Ami-Punkband kann das wahrscheinlich im Schlaf spielen.
Dirk: Die Situation im Studio ist auch eine völlig andere, viel abstrahierter als im Proberaum, wo man Stücke öfter spielt und dann denkt, man hätte sie ganz gut drauf. Wenn man die Stücke dann aber im Studio spielt ohne den natürlichen Hall und die besondere Atmosphäre des Übungsraums, ist es schon komisch.
Jan: Proben ist halt eher so wie Kunstunterricht und Aufnehmen ist wie Matheunterricht. Im Proberaum klingt es eigentlich immer gut, aber wenn man im Studio ist, hört man erst richtig, wo die eigenen Grenzen sind.
Wie oft mußtet ihr die einzelnen Stücke denn aufnehmen? Oder nehmt ihr immer gleich den ersten Take?
Dirk: Es gibt schon so zwei bis drei First Takes.
Jan: Es läuft immer so auf vier oder fünf hinaus. An "Der schönste Tag in deinem Leben" haben wir ewig gesessen. Wir hatten das früher immer ganz anders gespielt, also das ist auch ein Stück, das wir schon live gespielt haben, und wir haben gedacht, das würde auch als Hit ganz gut funktionieren, aber im Studio haben wir dann gemerkt, daß es die totale Scheiße ist, was wir hier machen. Es klang wie `ne schlechte Schülerband. Wir haben es dann völlig umarrangiert. Aber es ist ja auch erfreulich, wenn sowas im Studio passiert, dafür ist es ja auch da.
Dirk: Manchmal ist es eben auch umgekehrt, daß Stücke, mit denen man sich im Übungsraum rumquält, im Studio sehr gut funktionieren.
Ihr bringt ja eigentlich jedes Jahr mindestens eine Platte raus. War das von Anfang an so beabsichtigt, oder hat es sich so ergeben?
Dirk: Jetzt haben wir uns ja sogar relativ viel Zeit gelassen, es sind ja fast schon anderthalb Jahre vergangen seit der letzten Platte. Was soll man auch sonst groß machen, wir arbeiten halt schnell. In der Hinsicht finde ich es auch logisch, eine Platte zu machen, wenn man genug Stücke zusammenhat, mit denen man zufrieden ist.
Jan: Nach der ersten Platte war es schon so eine theoretische Überlegung, daß es ziemlich cool ist, schnell noch eine zweite hinterherzuschieben, und das war auch ganz bewußt so, aber dann eigentlich nicht mehr.
Dirk: Wir wollen eben immer auch Musik machen.

...Was ich als Schlußwort ganz passend finde. Das eigentliche Interview war noch länger und entwickelte sich in der Endphase mehr zu einer angenehmen Unterhaltung über Praktiken im Musikjournalismus, Scott Walker und persönliche Erfahrungen in Plattenläden. wir haben auch noch über die Texte in den Tocotronic-Liedern gesprochen und die Veränderung, die sie durchlaufen haben. Aber darüber steht dann mehr in der großen Story in der nächsten Ausgabe.

Quelle: Lasar, Mario: Tocotronic. In: Visions 08/97 (Juli/August 1997), Seiten 128-129


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