Vielen Dank an Martin, von dem wir dieses Interview übernehmen durften.
Mit freundlicher Genehmigung von Zillo.

Tocotronic

"Hallo, alle zusammen. Wir, Arne, Jan und Dirk haben es nun wieder einmal geschafft, eine neue Platte aufzunehmen, eben die, die "Es Ist Egal, Aber" heißt. Wir haben sie zusammen mit Peter Deimel und Hans Platzgumer aufgenommen, in Frankreich, und zwar dort, wo such Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, weshalb auf dem Cover auch Enten zu sehen sind. Entsprechend zum sommerlichen Erscheinungsdatum sind die meisten Stücke eher traurig als lustig. Jedenfalls sind wir überglücklich, Euch die Platte sozusagen präsentieren zu können und hoffen, daß sie euch gefällt. Es grüßen Tocotronic."

Zusammen mit diesem charmanten Anschreiben kam vor einiger Zeit die aktuelle Tocotronic-CD und ein ausführliches Info ins Haus. Dem Zillo MusikMagazin gelang es trotz einiger Schwierigkeiten letztendlich, noch einen Interviewtermin mit dem Hamburger Erfolgstrio auszumachen, die ihre skeptische Haltung gegenüber dieser Publikation schlagfertig zu begründen wußten. Im Laufe der kreativen Unterhaltung stand dennoch "Es Ist Egal, Aber" im Vordergrund, ein Album, dem Wandel und Weiterentwicklung deutlich anzuhören sind. Dirk von Lotzow (Gitarre, Gesang), Jan Müller (Baß) und Arne Zank (Schlagzeug, Gitarre, Gesang) ist es trotz aller Veränderungen gelungen, das alte "Wir-haben-uns-weiterentwickelt-und-sind-doch-die-Selben-geblieben"-Klischee zu erfüllen. Melodiöser lauter Gitarrenrock mit Streichern. Die Erfolgsgeschichte von Tocotronic, die alle Drei noch Studenten sind, findet damit ihren vorläufigen Höhepunkt, wird aber bereits mit den sommerlichen Open-Air-Auftritten (u.a. beim Roskilde-Festival in Dänemark) und der anschließenden Clubtour weitergeschrieben.
Paradebeispiele für die neuen Tocotronic sind Stücke wie "Gehen die Leute" - treibender Noise-Pop mit dezenten Streichern und "Für Immer Dein Feind", eine Art Gitarrenpop-Hymne. Oder das punklastige "Alles Was Ich Will, Ist Nichts Mit Euch Zu Tun Haben", das melancholisch-zarte "Meine Schwester" mit verzerrtem Gesang oder der nächste potentielle Singleanwärter "Dieses Jahr".
Aber entscheidet am besten selbst, denn über plakative Songs verfügen Tocotronic nach wie vor, deren Songs schon gecovert werden (Buttermaker) und über die man schon eigene Stücke "Ich Hab Mit Tocotronic Bier Getrunken" (Heinz) gemacht hat.

Zillo: Zunächst einmal die Frage nach Eurer ablehnenden Haltung und der anfänglichen Weigerung zum Zillo-Interview. Was hat Euch bewogen Eure Meinung jetzt doch zu ändern?
Tocotronic: Gerade eine Zeitschrift wie die rechtslastige Junge Freiheit, die eine Anzeige bei Euch veröffentlichen konnte, ist dank ihres intellektuellen Hintergrunds doppelt gefährlich für eine vorwiegend junge Leserschaft wie beim Zillo, gerade durch ihr liberal-konservatives Erscheinungsbild. Es ist sehr bedenklich denen ein Forum zur Meinungsbildung zu geben, auch über Anzeigen. Die Entschuldigung von Easy Ettler war danach viel zu schwach und unentschlossen. Er hat sich von diesem Fehler nicht deutlich genug distanziert, und auch viele der Nachrufe sind diesbezüglich sehr lasch. Hier stellt sich für uns auch nicht die Frage nach politisch korrekt sondern erst einmal nur nach gesundem Menschenverstand. Aber den Ansatz, das Heft jetzt unter anderen Vorzeichen weiterzumachen und sich deutlich von diesen Sachen abzugrenzen, fanden wir gut. Durch dieses Gespräch jetzt wollten wir unsere Möglichkeit nutzen, unsere persönliche Meinung zu diesem Thema deutlich kundzutun und unseren Fans unter den Zillo-Lesern ein Feedback geben.
Zillo: Wie ist es denn überhaupt zu diesem überraschenden Albumtitel gekommen?
Tocotronic: Es handelt sich dabei um so eine Art geflügeltes Wort innerhalb der Band. Waren wir uns nicht einig über bestimmte Dinge, kam dieses Sprichwort zum Vorschein und wir bleiben damit auch unserer Linie treu, immer einen Liedtitel als Albumtitel zu verwenden.
Zillo: Wie immer verwendet ihr wieder eigene Fotos beim Coverartwork. Welche Gründe gibt es dafür?
Tocotronic: Wir haben immer versucht auf alle Produktionsabläufe den größtmöglichen Einfluß auszuüben, dazu gehört auch die Auswahl der Fotos. Das Info zur Platte stammt von einem unserer alten Freunde, Felix Bayer, übrigens auch ein Musiker (Fünf Freunde).
Zillo: Zum ersten Mal habt ihr außerhalb Deutschlands aufgenommen, in der französischen Provinz. Wie habt ihr dem Hamburger Soundgarden-Studio den Rücken gekehrt?
Tocotronic: Unser bisheriger Produzent Carol ist ja auch gleichzeitig der L‘age D’or Labelchef, und die Trennung zwischen Büro und Studio war bei den drei vorherigen Alben immer schon recht schwierig. Um dieser Routine zu entgehen gingen wir nach Frankreich, das Studio hatten uns befreundete Bands empfohlen. Es gehört einem Engländer und Toningenieur Peter Deimel, der uns mit Rat und Tat zur Seite stand. Primär ging es uns um die Musik, daher diese Wahl. Ein Großteil der Stimmungen ist diesmal eher traurig, und dennoch denken wir, daß sie gut in den Sommer paßt.
Zillo: Stichwort Weiterentwicklung. Wo seht ihr in erster Linie die Unterschiede zu Euren bisherigen Alben? Und wie schafft man es, das Niveau der so hochgelobten CD "Digital Ist Besser" zu erreichen, oder zumindest den hohen Standard der bisherigen Veröffentlichungen zu halten?
Tocotronic: Zunächst einmal durch die längere Entstehungsphase der neuen Platte. Schon beim letzten Album hatten wir viel über eine vielfältigere Instrumentierung nachgedacht. Diesmal wurde dann länger gefeilt, sowohl an den Texten, als auch an der Musik. Unsere Auswahl des Produzenten Hans Platzgumer (u.a. Bassist der Goldenen Zitronen) war nicht von ungefähr. Wir wußten, daß er in der Lage war die gewünschten Streicherarrangements einzubauen, ebenso die erweiterten Sounds von den Gitarren und Keyboards. Live werden wir aber auf diese Bereicherung verzichten, wir halten es auch nicht für unbedingt notwendig den Plattensound live zu reproduzieren.
Zillo: Mit 18 Stücken auf der neuen CD habt Ihr wieder ganz schön viel aufgenommen. Hattet Ihr einfach so viel Material oder liegt es daran, daß viele Titel recht kurz sind?
Tocotronic: Ja, viele sind recht kurz und der Käufer soll schon etwas für sein Geld geboten bekommen.
Zillo: Obwohl Eure deutschsprachigen Texte sehr wichtig sind, druckt Ihr sie im Booklet nicht ab. Menschliche Beziehungen wie Freundschaft und Trennungen ziehen sich durch die ganze Platte. Texte und Musik scheinen mehr denn je miteinander verknüpft. Es erfordert schon gehörige Konzentration, besonders live die Texte 100% zu verstehen.
Tocotronic: Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Die Magie bleibt nur erhalten, wenn man gerade nicht jedes Wort versteht. Arne und vor allem Dirk schreiben die Texte, die den Rahmen des Tagebuchschreibens bei weitem überschreiten. Dennoch können andere die behandelten Themen und Sachverhalte schon erlebt haben, sei es im zwischenmenschlichen Bereich oder in Bezug auf gesellschaftsrelevante Themen. Die Interpretation darüber wollen wir aber offen lassen.
Zillo: Wie werden überhaupt Entscheidungen innerhalb der Band getroffen, was die Auswahl von Musik und Texten angeht?
Tocotronic: Zumeist sind es Konsensentscheidungen, aber wenn wir merken, daß einem von uns eine Sache begründetermaßen sehr am Herzen liegt, kann er durchaus auch die anderen zwei beeinflussen.
Zillo: Ihr seid ja vordergründig keine politische Band, wie z.B. Elf oder die Goldenen Zitronen. Wie ist denn Eure Vorgehensweise diesbezüglich?
Tocotronic: Wir versuchen da eher aus unserer eigenen Erfahrungswelt vorzugehen und Sachen deutlich zu machen. Wir haben festgestellt, daß wir unser Weltbild noch stetig untersuchen, aber diese Art von Protestsong haben wir ja schon im Programm, allerdings nicht so pamphletmäßig. Sachen wie Antifaschismus sind sowieso klar, da brauchen wir keine Stücke drüber zu schreiben. Aber gerade dadurch, daß wir uns in unseren Stücken nicht so konkret äußern ist es uns wichtig, daß nicht das Bild entstehen könnte, diese Sachen wären uns egal. Wir kommen aus einer Art linkem Umfeld und der Zusammenhalt innerhalb dieser sogenannten Hamburger Szene/Hamburger Schule ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig für uns. Sehr respektvoll.
Zillo: Die Bindung zu den Fans war immer sehr wichtig bei Euch. Wie ist das heute, auch im Hinblick auf Stil und Mode?
Tocotronic: Zu Beginn waren Trainingsjacken und Cordhosen sehr interessant. Das sah besser aus, besser als ein Punk, Ted und Mod. Aber als ‚role models‘ wollen wir nicht dastehen, diese Art Macht wollen wir gar nicht. Bei uns ist nichts intendiert, auch wenn wir mit vielen Stücken den Nerv der Zeit treffen. Unsere Zielgruppe hat sich einfach so ergeben, es war nichts geplant.
Zillo: Eure Erfolgsgeschichte ist schon beachtlich: Bandgründung Ende 1993/Anfang 1994 durch Jan und Arne, Komplettierung durch Dirk. Gründung des Fanclubs ‚Megatronic‘, die erste umjubelte Single. 1995 das vielbeachtete und hochgelobte Debüt "Digital Ist Besser", deutschsprachige Popmusik vom Feinsten, ein Meilenstein des hiesigen Underground. Dann immer wieder Tourneen und Festivals, im Wechsel mit der Mini-LP "Nach der verlorenen Zeit" und dem Nachfolger "Wir kommen Um Uns Zu Beschweren" und weiteren Singleveröffentlichungen. Popstars amerikanischer Prägung, die den Nerv von Fans und Medien nur allzu gut treffen, umjubelte Auftritte wo immer das Trio hinkommt. Nur die Ablehnung des VIVA-Comet-Preises "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" sorgt für Widerspruch. Wie kam es zur Ablehnung?
Tocotronic: Wir haben lange überlegt den Preis zu nehmen, aber mit dem Motto konnten wir uns überhaupt nicht identifizieren. Trotzdem ist unser Verhältnis zu VIVA nicht gestört, aber diese Art von Deutschtümelei hat nichts mit uns und unserer Musik zu tun. Trotzdem haben uns viele Leute mißverstanden, denn natürlich sind wir froh, wenn VIVA auch unser neues Video zu "Sie Wollen Uns Erzählen" zeigt. Das ist auch die neue Single, damit ist uns scheinbar wieder ein großer Wurf gelungen, die Mitte Juni erscheint, vom Album Ende Juli.
Zillo: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der nächsten Zeit!

Kontakt: Tocotronic
c/o: Motor Music Gmbh
Presseabteilung
Holzdamm 57
20099 Hamburg

Quelle: Keil, Frank: Tocotronic. In: Zillo 7/8/1997 (Juli/August 1997), Seiten 86-87


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