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Interview Teil III

Eine Woche nach dem Berlin Interview mit Jan und Dirk, traf Tocotronix Arne Zank und Rick Mc Phail in Hamburg zum Interview. Stephan Rath war wieder dabei. Hier der erste Teil des Interviews.

Dirk&Jan Teil 1 Dirk&Jan Teil 2 Arne&Rick Teil 4

Tx: Die Fragen sind nach verschiedenen Schwerpunkten gegliedert. Ein bisschen etwas über euer Verhältnis zu den Fans, etwas zu eurer Selbsteinschätzung und ein paar Fragen, die bei uns im Forum aufgetaucht sind und teilweise ins Private gehen. Wir stellen sie einfach und inwieweit ihr die beantworten wollt, ist euch überlassen.
Fragen zu tocotronix.de
Zu Beginn zur Webseite "tocotronix.de": Lest ihr in unserem Forum?
Rick: Ab und zu mal guck ich darein.
Arne: Ich gestehe auch, dass ich es durchaus ab und zu mal besuche.
Rick: Besonders auf Tour. Da schaut man da am meisten rein, um zu schaün, ob da am nächsten Tag so eine Konzertkritik zu finden ist.
Tx: Seid ihr auch angemeldet im Forum?
Rick: Nein.
Arne: Nein. Es wäre auch schön etwas anderes zu sagen und es dann offen zu lassen, aber ...
Rick: Manchmal will man etwas dazu sagen, weil man sich manchmal ein bisschen aufregt über bestimmte Sachen, aber dann denke ich "Ach, was soll's? Sollen die Leute doch quasseln, was sie wollen."
Arne: Es ist noch nicht vorgekommen, dass man da so dringlich etwas direkt dazu sagen wollte. Vielleicht kommt das ja noch.
Tx: Schaut ihr euch ansonsten auf unserer Seite um?
Arne: Ja, ab und zu schon. Also jetzt nicht regelmässig, aber wie Rick schon meint, wenn man gerade etwas gemacht hat wie Auftritte, dass man da mal guckt. Oder auch, wenn man eine Platte raus hat, dann guckt man öfter mal, was für Reaktionen kommen.
Rick: Aber in der Flohmarkt-Rubrik oder so, das muss nicht sein.
Tx: Da könntest du ja gebrauchte Saiten anbieten.
Rick: Ja, vielleicht. Aber wir wollen das ja auch nicht ausbeuten.
Tx: Wir haben auf der Seite ja auch eine Mp3-Rubrik, wo es Coverversionen von anderen Bands drin sind. Habt ihr euch da mal etwas angehört?
Rick: Nein, noch nicht. [Zu Arne:] Du?
Arne: Ja, aber das ist schon länger her. Ich habe mir mal ein paar Sachen angehört, aber ich weiss nicht mehr genau.
Tx: Was für eine Meinung habt ihr dazu?
Arne: Gar keine. Kann ich nicht richtig sagen, weil es lange her ist. Es wäre unfair den Künstlern gegenüber, wenn ich mir da jetzt irgendetwas aus den Rippen leiere. Aber bei Coverversionen an sich kann man sagen, dass man meistens so belustigt und geschmeichelt gleichzeitig ist. Das sind dann Lieder, die einem ganz nahe sind, aber die irgendwie merkwürdig anzuhören sind. Andererseits sagt es ja auch aus, dass sich da viele Leute mit beschäftigt haben und das ist das, was einen schon erfreut.
Tx: Das ist eben auch so eine Besonderheit von Tocotronic. Ihr habt viele Leute dazu bewegt, mit Musikmachen überhaupt erst anzufangen, was sich dadurch äussert, dass sie eure Stücke covern. Ist das gut oder mehr beängstigend, dass da auch Leute bei sind, denen man lieber nie ein Instrument hätte in die Hand drücken sollen?
Rick: Nee, das gibt es nicht. Vielleicht ist es eher beängstigend, dass sie es besser als man selbst machen.
Arne: Ich habe ja Gitarrespielen gelernt mit "Die Regierung", weil ich da das erste mal gesehen habe, dass die die Akkorde zu den Texten abgedruckt hatten im Booklet. Und deswegen finde ich es total gut. Natürlich ist es sehr schön, wenn man anfängt Musik zu machen. Wenn man mit Punk aufgewachsen ist, dann kann man das ja auch nicht schlecht finden. Aber genau wie du schon andeutest, bei vielen Musikern denkt man doch "Such dir doch lieber etwas anderes". Skatspielen ist doch auch schön.
Rick: Bei "Youtube" kenne ich ein paar. Da sitzt irgendwie einer, hat die Kamera auf dem Fernseher stehen und spielt Akustikgitarre dazu. Es gibt auch eine Gruftiband, die jetzt schon zwei Lieder gecovert hat, aber die kann man sich echt nicht anhören. Die haben wohl die zwei Lieder auch rausgebracht sogar.
Tx: Dir haben wir noch nicht entdeckt. Arne, du als Tocotronic-Internetbeauftragter, kannst du dich noch an den ersten Kontakt mit "tocotronix.de" erinnern?
Arne: Nein. [Gelächter] Du meinst, wie man das so das erste Mal gesehen hat?
Tx: Oder wie du mitbekommen hast, dass es so eine Fanseite gibt.
Arne: Ich weiss nicht so richtig, wie man darauf gestossen ist. Wir haben das, glaube ich, erzählt gekriegt von "Lado" vielleicht. Ich weiss es echt nicht mehr.
Fans
Tx: Was empfindet ihr, wenn ihr im Privatleben möglicherweise dumm von vielleicht sogar betrunkenen Fans angesprochen werdet?
Arne: Wenn der Pegel ausgeglichen ist bei beiden Parteien, dann geht es meistens. Wenn ich nüchtern bin, dann ist es unangenehmer. Manchmal kann man damit auch besser umgehen und manchmal rechnet man gar nicht damit und ist sehr baff, wenn man auch noch mit eigenen Freunden da ist.
Rick: Aber die meisten Fans von uns trinken eigentlich nicht so viel, also die meisten, die ich getroffen habe. Ich habe nie welche getroffen, die richtig betrunken waren.
Arne: Ja, richtig besoffene sind sehr selten.
Tx: Und sonst im Privatleben, wenn ihr beim Bäcker steht und irgendeiner in der Schlange so ankommt "Hey, Rick! Wie geht's denn?"
Rick: Gibt es nicht.
Arne: Gibt es echt ganz wenig, muss ich so sagen.
Rick: In Hamburg sind die Leute, glaube ich, eh sehr zurückhaltend. In einem Gitarrengeschäft kam irgendwann man so ein etwas jüngeres Mädchen herein mit ihren Eltern, die vielleicht ein paar Jahre älter als ich waren. Sie war bestimmt sechzehn oder so und dann habe ich gemerkt, dass sie und auch ihre Eltern mich erkannt hatten. Und dann kam irgendwann die Mutter an und hat mit mir gesprochen. Dann kam das Mädchen eine Woche später wieder und hat sofort eine Gitarre gekauft. Leider nicht eine von meinen. Aber sie hat echt nix aus dem Mund gekriegt, konnte gar nicht wirklich reden.
Tx: Am besten dann noch eine Autogramm auf die Gitarre.
Rick: Die war echt sehr schüchtern. Meistens treffen wir die Leute sonst auf den Konzerten, wenn wir da rumlaufen oder am Merch-Stand, aber da kann man keine richtigen Gespräche führen, weil es meistens sehr laut ist. Da sind die Leute sehr schüchtern.
Arne: Normalerweise ist es so, dass die Leute aufgeregt sind und zu schüchtern, um ein normales Gespräch zu führen. Und nach den Konzerten ist es für sie meist etwas Seltsames, wenn man dann auf gleicher Ebene erscheint. Und allgemein so auf der Strasse kommt das ganz wenig vor. Manchmal merkt man das, dass man erkannt wird und die Leute einen dann extra nicht anquatschen. Also eher zurückhaltend.
Tx: Obwohl eure Musik weniger direkt und dafür leiser und subtiler geworden ist, sind eure Fans jung geblieben. Welche Erklärung habt ihr dafür?
Arne: Hoffentlich ist das so. Das ist schwierig, das selber zu beurteilen. Es ist natürlich auch etwas, was man anstrebt, dass sich das Publikum immer erneuert, dass mal neue Leute dazukommen und mal andere mal Platten aussetzen und es dann wieder kennen lernen. So etwas wünscht man sich total. Es ist halt etwas schönes, das man erreichen möchte, indem man sich verändert und versucht interessant zu bleiben und dass man nicht so einen Stiefel fährt und den Esel zu Tode reitet. Man versucht sich etwas Neues zu überlegen, was einen selber interessiert und natürlich auch die Hörer. Man soll auch eine Platte neu entdecken können, auch wenn man die Band überhaupt nicht kennt. Wenn das tatsächlich klappt, ist das hoch erfreulich.
Rick: Manchmal glaube ich, dass viele von den neuen, jungen Hörern uns über die früheren Platten kennen lernen. Man hat das Gefühl, es wird von Generation zu Generation weitergegeben, diese ersten Platten. Bei unserer letzten Tour habe ich österreich mit einem dreizehnjährigen Jungen gesprochen und der meinte, dass sein Lieblingsstück "Gegen den Strich" ist. Da habe ich schon so gedacht "Aha, eigentlich keine rockige Nummer". Dann ist mir eingefallen, dass ich selbst mit vierzehn, fünfzehn "The Smiths" gehört habe und diese ruhigeren, tragenden Lieder besser fand. Da war ich genauso alt. Ich glaube, man kann erstmal die Leute mit den früheren Sachen erreichen, aber dann öffnet man ihren Musikhorizont für ruhigere, gefühlvollere Musik. Egal wie alt man da ist.
Arne: Glaube ich auch. Das ist eben so ein Klischee, dass das eine erwachsene Musik ist. Man hat mit vierzehn auch schon Oldies gehört, altes Zeug wie "The Byrds", "The Beatles". Es ist so ein Klischee, dass man als junger Mensch nur die wildeste Musik hör. Natürlich auch, aber nicht ausschliesslich.
Rick: Das habe ich eher mit Mitte zwanzig gehört, die richtig heftigen Sachen.
Songwriting
Tx: Nun ein paar Fragen zum Songwriting und wie das so hinter den Kulissen bei euch abgeht. Wir haben mitgekriegt, dass Dirk ein leidenschaftlicher Faxer ist und die neuen Liedideen per Fax an euch schickt und dann trefft ihr euch im Proberaum und erarbeitet solch ein neues Stück. Wie viel von einem Song entsteht dann noch im Proberaum als Band?
Arne: Unterschiedlich. Im Regelfall ist es inzwischen so, dass bei den letzten beiden Platten Dirk mit Akustikgitarre schon Songs aufgenommen hat. Dann ist es so, dass sich jeder etwas dazu überlegt und dann redet man tatsächlich so theoretisch vorher und unterhält sich über die Stücke. Bei der letzten Platte war das fast schon beängstigend professionell, wie wir das gemacht haben. Jeder hatte schon eine gewisse Vorstellung, bevor man überhaupt zusammen gespielt hatte. Dann spielt man zusammen und guckt, ob es klappt oder nicht. In den meisten Fällen ist man sich dann auch ziemlich schnell einig, merkt genau, ob es hinhaut oder nicht und manchmal schmeisst man es auch weg. Es gibt Fälle, wo die Lieder dann total verdreht werden.
Rick: Manchmal würde es dann als Akustikversion besser klappen als eine Bandversion. Oder man nimmt die Akustikversion als B-Seite.
Arne: Manchmal merkt man, dass man als Band nichts dazu bringt. Es ist schon so, dass man dann so ein Lied auch manchmal schlechter macht.
Rick: Bei uns schreibt Dirk die Lieder halt zu Hause und hat dann schon eine Vorstellung im Kopf, in was für eine Richtung das gehen soll. Und dann sagt er uns das und dann probiert man das aus. Manchmal merkt man sofort "Okay, das ist nix." Dann probiert man vielleicht noch ein bisschen herum. Nicht mit dem Arrangement, sondern mit der Art, wie man das spielt und nach zwei oder dreimal sagt man dann "Okay, das ist wirklich nix."
Arne: "Geht nicht", ja. Manchmal schreibt Dirk dann eine andere Musik oder ändert den Text. Das ist so ein Hin und Her, dass man etwas zu viert erarbeitet und dann letztlich er sich wieder alleine davor setzen muss. Das ist halt so ein Prozess.
Rick: Ich habe dieses Mal weniger Ideen zu Hause vorbereitet. Bei der "Pure Vernunft"-Platte hatte ich immer viele Sachen zu Hause mir ausgearbeitet und dazu gespielt und gemerkt, dass es oft nix bringt, weil dann Dirk dann im Proberaum sagt, dass es eher in eine andere Richtung gehen soll. Ich glaube, Jan hat ganz viel zu Hause gemacht, aber ich habe dieses Mal gesagt, dass ich lieber improvisiere. Ich warte mal ab, was Dirk sagt. Irgendwie "Bitte mal ein bisschen "Fall"-mässiger die Gitarre spielen" oder "Bitte mal ein bisschen mehr Thurston Moore." [Gelächter]
Arne: Das sind so die Register, die man dann zieht.
Rick: Und dann habe ich eher dazu improvisiert im Proberaum und gehofft, dass ich Gehirntraining-mässig das bis zur nächsten Probe merken kann. Wir haben das recht intensiv geprobt, zwei, drei Tage lang und dann war mein Kopf noch ganz okay, sodass das dann irgendwann hängen geblieben ist. Ich fand das interessant für mich als Experiment.
Arne: Bei der "Pure Vernunft"-Platte hatte man noch ganz viel aufgeschrieben und war unsicherer, weil wir das erste Mal zu viert waren und dann konnte man sich an den Aufzeichnungen ganz gut entlang hangeln.
Rick: Jan und ich haben noch im Studio die ganze Zeit mit einem Spickzettel gesessen. Man hatte die Lieder nicht im Kopf, sondern musste immer krampfhaft nachgucken. Seit dem Zeitpunkt habe ich auch übrigens angefangen wieder meine Brille zu tragen. [Gelächter]
Arne: Und dieses Mal haben mir mehr versucht, vom Spielen auszugehen. Eben dass man viel spielt und sich das dann einprägt und sich darüber dann etwas entwickelt. Wir sind auch sicherer geworden in der Konstellation.
Tx: Steht ihr alle Vier gleichermassen hinter euren Alben, das Neue eingeschlossen? Letzte Woche haben wir erfahren, dass es für euch wichtig ist, einen Konsens zu bilden in Sachen Sound und Song. Habt ihr für euch das Gefühl, dass das gleichmässig verteilt ist und dass alle sagen "Ja, das ist gut gewesen" oder gibt's auch Sachen, wo eher der eine federführend ist und der andere sagt "Nicht das Beste, aber okay, wir machen es so"?
Rick: Es gibt ein paar Stellen, mit denen ich nicht so zufrieden bin.
Arne: Solche Stellen gibt es sicher bei jedem. Ich habe auch so Stellen, bei denen ich zweifle, ob es wirklich der richtige Weg war, aber man versucht immer etwas zu finden, dass sich jeder damit wohl fühlt. Jeder hat auch das Vetorecht, wenn es etwas gibt, wofür er sein Gesicht nicht hinhalten möchte. Dann wird das auch nicht gemacht. Aber bei jedem gibt es Stellen, bei denen man mindestens unsicher ist, ob es wirklich der richtige Weg war.
Tx: Sind das dann mehr Stilfragen oder mehr Detailfragen?
Rick: Beides, würde ich sagen. Da ist es auch gut, dass jeder seine Projekte hat und auch jeder irgendwie ein Songschreiber ist. Bei Tocotronic schreibt Dirk halt die Lieder und jeder von uns weiss, dass es seine sind und da macht man denn auch den ein oder anderen Kompromiss. Man macht halt ein Angebot und spielt dazu und will auch damit zufrieden sein, aber im Endeffekt beuge ich mich und stimme zu, wenn er sagt, er möchte das lieber so oder so haben. Das sind dann Detailfragen. Aber ich bin in einem Orchester aufgewachsen, wo von zehn Jahren aufwärts ich nichts anderes gemacht habe als Noten zu spielen. Es muss irgendwie schon so einen Diktator geben in jeder Band.
Arne: Naja? ich glaube nicht.
Rick: Die Sachen, die ich versucht habe durchzukriegen, wurden eben abgelehnt. Das ist dann doch eher so eine demokratische Sache vielleicht. Einer hat eben mehr die Vorstellung, wie es gemacht werden sollte.
Arne: Weil es eben seine Songs sind.
Tx: Rick, hat sich dein Einfluss auf den Entstehungsprozess der beiden letzten Platten deiner Meinung nach verändert?
Rick: Kann ich nicht beantworten. [lacht]
Tx: Du hast ja eben schon gesagt, dass es vorher so war, dass du viel zu Hause gemacht hast und jetzt mehr improvisiert hast, aber hast du das Gefühl, dass deine Handschrift ein bisschen mehr zum Tragen gekommen ist?
Rick: Als bei der letzten Platte? Vielleicht, weil ich bessere Sachen spiele diesmal. Man hört es mehr, wenn ich spiele. Ich glaube, es gibt kein Argument dafür, dass meine Gitarre nicht zu leise ist. Aber ich glaube es ist relativ gleich viel wie bei der letzten Platte.
Arne: Glaube ich auch, jedenfalls von dem, was man so konkret festmachen kann. Aber einen wachsenden Einfluss gibt es zumindest unterschwellig bestimmt.
Rick: Man wächst auch mehr zusammen. Ich habe ja schnell nach den Live-Aufritten mit den neuen Sachen angefangen, Ich glaube, das Live-Spielen hat einen grossen Einfluss auf die Platte gehabt; Eben das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Menschen. Man hat schon gemerkt, dass wir ganz gut zusammenspielen können.
Arne: Ich glaube auch, dass sich das so ergibt und das gemeinsame Repertoire sich verändert aufgrund der Einflüsse von vier Leuten.
Tx: Euer früheres Schaffen wurde ja viel von amerikanischer Musik beeinflusst. Welche Musik beeinflusst euch heute?
Arne: Immer noch dasselbe fast.
Rick: Eigentlich schon. Vielleicht sind ein paar mehr britische Einflüsse auf der Neuen.
Arne: "Babyshambles" war oft ein Stichwort. [Gelächter bei Arne und Rick] Kann man ja durchaus verraten. Ist ganz unterschiedlich. Völlig verdreht hat man sich nicht. Man zehrt viel von dem, womit man aufgewachsen ist. Tocotronic an sich schreibt man ja auch schon so eine Art Genre zu. Es sollte am Ende eben eine Rockmusik herauskommen auf irgendeine Art und Weise. Die Vorbilder, die man so hat oder die Register, die man zieht, wie Rick schon meinte mit "Mach mal Thurston Moore oder Mark E. Smith", die sind und bleiben ziemlich gleich. Manchmal kommt etwas dazu, was man so für den Moment gut findet, aber grundsätzlich bleiben die Sachen, mit denen man aufgewachsen ist. Man muss ja auch eine gemeinsame Sprachen haben und von Musik reden, die alle vier kennen.
Rick: Oder man geht los und kauft eine "Babyshambles"-Platte, damit man wenigstens mitreden kann. [Gelächter]
Arne: Dann kann man sich die Sachen halt erarbeiten.
Tx: Arne, uns ist aufgefallen, dass dein Schlagzeugspiel von "Ich hau mal irgendwo drauf, wo es gut klingt" zu solch einem perfekten Schlagzeugspiel geworden ist.
Arne: Ja, danke sehr.
Tx: Gibt es keinen Raum mehr für improvisiertes Schlagzeugspiel?
Arne: Eigentlich gibt es mehr Raum als je zuvor. Wir hatten immer so Stellen, die wir frei gelassen haben und wo man dann guckt, was passiert. Was man so gemerkt hat über die Zeit ist, dass es beim Musizieren in der Band auch gut ist, wenn man manches spielen kann. Man übt halt mehr, um das dann spielen zu können. Deswegen haben wir tatsächlich mal angefangen, dass sich jeder mit seinem Instrument mal mehr beschäftigt.
Tx: Ich würde mal etwas provokant behaupten, dass es früher einen Arne Zank-Sound gab, der sich nicht durch Perfektion kennzeichnete und teilweise live ganz anders klang als auf den Alben, während dein Style heute durch die technische Perfektion ein bisschen raus gewachsen ist. Wolltest du das tatsächlich so bewusst verändern oder ist es mehr so nebenbei passiert?
Arne: Nö, das kommt dadurch, dass wir zu dritt angefangen haben und drei Leute in einer Band schon sehr wenig sind, weniger geht es ja fast nicht mehr und wenn wir dann zusammenspielen und nicht so wahnsinnig virtuose Musikanten sind, dann entwickelt man seinen eigenen Stil, weil es sich einfach so ergibt. Jeder ist auf eine ganz spezielle Weise eingeschränkt, in dem was er spielt und zusammen ergibt es eben etwas Spezielles. Wenn man aber davon irgendwann man gelangweilt ist, was bei uns durchaus vorgekommen ist und man davon ermüdet, dann ist man an einem Punkt, wo man sich etwas anderes aneignen muss. Allein dadurch verändert sich dann der eigene Stil.
Rick: Glaube ich auch. Früher waren die Lieder eher "sloppiger", unkontrolliert und "Pavement"-artiger. Wenn man jetzt "In höchsten Höhen" nimmt, da ist alles präzise und es muss auch präzise klingen, aber sobald es dann wieder "Pavement"-artige Lieder gibt, was auf der letzten Platte und auf der Weissen so nicht gegeben hat, bei "K.O.O.K." gab es schon mehrere, kann Arne echt wie auf Knopfdruck so spielen und es ist echt nicht leicht, wie ich finde. Letztens habe ich diese "Pavement"-Live-DVD gesehen, die ich dir übrigens noch zurückgeben muss Arne. Man denkt, die spielen so lässig, aber trotzdem es ist so eine kontrollierte Lässigkeit, solch eine "Sloppiness", "Syncopation" sagt man auch als Fachbegriff in der Musik, wenn man so ein bisschen das Tempo zieht oder so zurückliegt. Das ist alles nicht so einfach, wie man denkt, aber Arne kann das sofort machen. Ich bin aufgewachsen mit Schlagzeugspielen, mit zehn Jahren habe ich angefangen, aber dass erste Mal als ich "Drüben auf dem Hügel" gehört habe, habe ich gedacht "Das kann ich nicht zählen. Wie macht der das?". Dieses datdatdatdatdatdat da ist immer noch schwierig für mich als Gitarrist, wenn ich das Lied spiele. Wenn man zulange in diesem ewig geraden 4/4-Takt denkt, dann ist das schon etwas Besonders. In einem anderen Interview diese Woche meinte der Interviewer, dass Arne echt wahnsinnig gut Schlagzeug spielt. [Gelächter]
Tx: Arne, nach "Cheers for Fears auf der letzen, wie viele Song hast du zur neuen Platte beigetragen?
Arne: Gar keines.
Tx: Das ist das erste Album komplett ohne?
Arne: Genau. Weil ich parallel an meinem Soloalbum gearbeitet habe und stand das nicht zur Diskussion. Wir hatten die Bandlieder und ich hatte so meine und dann hat sich das nicht ergeben. Man hatte sowieso recht viele Stücke, man war sehr fleissig.
Tx: Denkst du das ist das Ende von Arne-Liedern auf Tocotronic-Alben oder denkst, dass es gerade diesmal nicht so gut gepasst hat?
Arne: Mal sehen, keine Ahnung.
Rick: Er ist doch keine Maschine, er kann doch keine Hits rausquetschen.
Arne: Es muss fliessen und von selbst kommen.
Tx: Wird es denn demnächst von dir ein Soloalbum geben?
Arne: Ja, das sollte eigentlich bei Lado rauskommen, aber das hat ja jetzt nicht mehr geklappt. Das ist jetzt erstmal zurückgestellt. Kommt auf jeden Fall bald eins raus.
Tx: Sind das denn Lieder, die du spontan auf deiner Gitarre geschrieben hast oder mehr diese elektronischen Sachen, so "DJ Shirley" und die Ecke?
Arne: Beides. Die meisten sind elektronisch, aber manche auch mit Gitarre.
Tx: Rick, du giltst gemeinhin als der beste Musiker der Band. Ist damit auch eine Autorität beim Songwritingprozess verbunden?
Rick: Wieso? Ich kann sagen, dass ich ganz gut blenden kann. Also ich kann nicht mal die Tabs von Dirk lesen. Das ist alles Blenderei. [ungläubiges Gelächter]
Tx: Also du darfst nicht im Proberaum sagen "Hey Dirk, das ist falsch. Das greift man so und so"?
Rick: Nein, nein. Ich spiele keine typische Gitarre, sondern eine offene Stimmung. Ich kann keinen einzelnen Akkord spielen, ich habe so ein offenes Tuning, wo ich meistens so zupfe. Dabei drücke ich drei Saiten gleichzeitig mit einem Finger runter, also ich habe so einen Ein-Finger-Stil entwickelt. Ich verlagere das nicht so auf drei Finger wie die meisten, sondern ich spiele immer mit einem Finger, was manchmal schlecht ist. Nach fünfzehn Konzerten sage ich dann "Okay, ich sollte mal jetzt den anderen nehmen". Jedenfalls habe ich so eine offene Stimmung, wo ich keinen Akkord auflöse. Man hat zwar immer den Grundton und den letzten Ton, aber nie den mittleren, den man bräuchte um Dur- oder Mollakkorde zu bauen. Deswegen passt es immer. Egal welche Akkorde Dirk spielt, kann es bei mir nicht schief klingen, weil genau dieser eine entscheidende Ton fehlt.
Tx: Also ist das dein persönlicher Rick McPhail-Style?
Rick: Eigentlich kann ich gar nichts, aber ja warum nicht.
Tx: Tobias Schacht, der bekannt geworden ist als "Der junge mit der Gitarre" hat mal gesagt: "Der Dirk von Lowtzow von Tocotronic kann ja eigentlich Gitarrespielen, aber der will ja gar nicht so, sagen viele, weil das nicht seiner Aura entspricht. Das ist totaler Schwachsinn. Der kann überhaupt nicht Gitarrespielen." Was sagst du dazu? Kann Dirk Gitarre spielen oder nicht?
Rick: Er kann super Gitarrespielen. Er kann mehr machen als ich. Darum geht es aber eigentlich nicht. Wenn wir alles super spielen könnten, wären wir wahrscheinlich in irgendeiner Coverband und würden keine eigenen Lieder schreiben. Gerade wenn man nicht alle Grenzen ausgeschöpft hat, ist man eher kreativ. Die meisten Leute, die ich kenne und super Gitarrespielen können, die sitzen zu Hause und üben Eric Clapton-Lieder. Und wenn man keine Eric Clapton-Lieder spielen kann, fängt man an, selber welche zu schreiben. Das ist eher so eine Punk-Attitüde. Es geht nicht darum, sein Instrument perfekt beherrschen zu können.
Arne: Die Virtuosität ist egal. Man kann für ein Lied, was man auf die und die Weise spielen möchte, muss man manchmal drei Wochen üben, um einen bestimmten Effekt zu erzeugen. Dann ist man auch vom eigenen Fleiss überrascht, aber es geht nicht vorrangig um Virtuosität.
Tx: Das Lied "Keine Angst für Niemand" scheint einen offenen Bezug zu "Ton, Steine, Scherben" zu haben. Wer hat euch denn mehr beeinflusst? Rio Reiser oder Kurt Cobain?
Arne: Dirk hat glaub ich "Ton, Steine, Scherben" nicht sehr viel gehört. Jan und ich schon eher. Kurt Cobain war zum Anfang auch ein Einfluss, aber das war ja dann auch ziemlich schnell vorbei.
Live-Auftritte
Tx: Kommen wir zu euren Live-Auftritten. Da kam uns eine Frage per Mail rein und zwar wie du Arne, dein Becken "flangerst"?
[Gelächter bei Arne und Rick]
Rick: Das war Sunny bestimmt. Was macht Sunny da?
Arne: Ich glaube, dass sind Tricks von unserem Mischer Sunny. Das ist Hexenwerk, da habe ich selber keinen Einblick.
Tx: Also benutzt du bewusst keine Effekte am Schlagzeug?
Arne: Nee.
Tx: Auch nicht im Studio, dass du so sagst "Noch ein bisschen Hall" oder so?
Arne: Doch klar, aber so konkret kann ich das nicht sagen. Das ist schwierig.
Rick: "Flanger" auf dem Becken ist eher so eine "Sunny"-Frage.
Arne: [scherzend] Ich rufe ihn mal an. "'Flangst' du an meinem Becken rum?" [Gelächter]
Tx: Welches war bisher euer schönstes Konzert als Band?
Arne: Es waren alle wunderschön. Das ist immer so schwer zusagen, welches das Beste und das Schlechteste ist.
Rick: Wir haben echt wenig schlechte Konzerte in letzter Zeit gehabt.
Tx: Letzte Woche bekamen wir noch ein bisschen mehr rausgekitzelt. Jan und Dirk meinten, dass das Konzert am Alexanderplatz auf jeden Fall zu den Highlights gehörte.
Arne: Ja, das war lustig.
Tx: Oder fällt euch irgendein anderes Konzert ein, wo ihr von der Stimmung total begeistert wart?
Rick: Meistens war's echt super. Es gibt ein paar Städte, die irgendwie immer schlecht sind, wie Köln oder so was. Das hat immer so was Krampfhaftes. Oder auch das Heimspiel in Hamburg oder Berlin ist für mich immer ein bisschen schwierig. Aber in allen anderen Städten, also die, in denen man nicht wohnt, ist das zum Teil besser. Aber Alexanderplatz war kein typisches Berlinkonzert, weil es umsonst war und man von der Bühne einen schönen Blick auf den Fernsehturm hatte.
Tx: Gibt es eine Band, die ihr euch mal als Vorgruppe wünschen würdet?
Arne: Also wenn es so um die Traumband geht, dann wäre man selber ja im Vorprogramm. [Gelächter] Weil man doch am meisten Respekt vor denen hat. Aber eine echte Traumband dürfte auch gar nicht so gut sein.
Rick: Eher umgekehrt, dass man davon träumt als Vorband für jemand anderes zu spielen. Das war ja auch schon mal. Vor "Sonic Youth" haben wir Rock am Ring, Rock im Park vorletztes Jahr gespielt.
Arne: Das war schon krass.
Rick: Also schon eher umgekehrt. Da sagt man nicht "Die bringen wir jetzt mit auf Tour", weil die ja eh besser sind als wir.
Tx: Gibt es da denn noch so eine Band, vor der ihr gerne mal spielen würdet?
Rick: "Dinosaur Jr." gibt es ja nicht mehr ? Neil Young.
Arne: "Harvest".
Rick: Ach, die hörst du jetzt wieder?
Arne: Ja, schon immer.
Musikgeschmack
Tx: Nun zu eurem Musikgeschmack. Wie oft geht ihr CDs und Platten kaufen und welches war das letzte Album, das euch so richtig aus dem Alltag herausgerissen hat?
Arne: Das ist unterschiedlich.
Rick: Manchmal kauft man zwei, drei Monate keine Platten, aber wenn ich dann mal welche kauf, dann auch manchmal zehn. Ich kaufe so gut wie nix Neues ehrlich gesagt.
Arne: Ich war gerade neulich im Plattenladen, da habe ich mir John Cale gekauft und Nick Drake. So ganz olle Sachen.
Tx: Und was hat dich zuletzt richtig geflasht, Rick?
Rick: Man kennt zu viel. Da flasht einen nicht mehr viel. Vieles ist gut, aber eben nicht die Offenbarung. Ich kaufe inzwischen eh mehr so 70er Jahre Classic-Rock-Sachen. Letzte Woche habe ich mir die neue "Bloc Party" gekauft, weil alle irgendwie meinten "Ja, total die Veränderung. Ganz anders als die letzte Platte, total ruhig". Ich habe es direkt wieder zurückgegeben im Plattenladen und gegen eine "Can"-Platte getauscht. Ich probiere es immer mal wieder, aber die meisten von diesen neuen Bands ? man kennt halt zu viele. Auch deren ganze Einflüsse aus den 80ern, aber das klingt alles wie ein alter Sack. Leider schockt das nicht mehr.
Tx: Welchen Stellenwert hat Musik generell für euren kreativen In- & Output? Hat sich das im Laufe der Zeit geändert? Gibt es auch andere Kunstformen, die euch beeinflussen?
Arne: Wie Rick schon meint, man hört so lange und intensiv Musik, sodass einem Sachen nur schwer total umhauen. Und trotzdem hört man viel, noch viel mehr als früher. Ich kaufe ja auch mehr Platten als früher. Jetzt nehme ich das so mit einfach. Und anderes auch total, Film, Kunst und Literatur. Besonders auch bei Dirk beim Songschreiben hat das wohl grösseren Einfluss als Musik, glaube ich. Das ist so ein Kniff, so ein Dreh, den man hat, wenn man Musik schreibt, dass man auch mal etwas Artfremdes einbaut und experimentiert. Weil man sich sonst auch schnell verbeisst in Sachen.
Tx: Was sind denn momentan eure Lieblingslieder? Egal, ob sie schon älter sind oder aktuell.
Arne: Barbara Streisand im Moment wieder. "My funny Valentine" höre ich momentan immer zum Aufstehen.
Rick: Ich höre gerade viel die Toco-Platte, die wir neu aufgenommen haben.
Arne: [lachend] Ja, die hört man auch viel. Ach ja und die von Damon Albarn habe ich auch oft gehört in letzter Zeit. Sehr schön. "The Good, the Bad & the Queen".
Tx: Die Antwort haben wir in Berlin auch schon gehört. Und wie sieht es mit Lieblingsbüchern aus?
Arne: Ich lese gerade den ganz unoriginellen "Istanbul" von Orhan Pamuk. Hat ja einen Nobelpreis gekriegt. War recht offen zugänglich, das Buch. Sehr schön auch.
Rick: Ich kämpfe mich gerade durch "Ganz unten" von Günter Wallraff, was mir vor Jahren zum Geburtstag gewünscht hatte.
Tx: Auf Deutsch?
Rick: Ja. Ist das zweite deutsche Buch, was ich je gelesen habe. Ich finde es aber ein bisschen schräg. Es passt nicht mehr ganz in unsere Zeit. Ist so mehr Schock-Literatur. Ich kann es verstehen, dass es damals echt grosse Wellen geschlagen hat. Es ist schon zum Teil ganz lustig zu lesen und man wird in die 80er Jahre reinkatapultiert. Gleichzeitig lese ich "Buddha of Suburbia" von Hanif Kureishi. Er erzählt so ein bisschen biografisch aus seiner Jugend in den 60er Jahren. Er kommt aus einer konservativen Familie, aber sein Vater wird so ein bisschen ein Hippie. Halt so ein "Coming of Age"-Buch.
Tx: Welche Künstler abseits der Musik beeinflussen euch am meisten?
Rick: Also bildende Kunst? Bei mir gar keine. [lacht]
Arne: Kippenberger, Duchamp. Jan Timme hat grossen Einfluss. Das sind so die drei.


Der zweite Teil des Arne/Rick Interviews folgt in den nächsten Tagen

Dirk&Jan Teil 1 Dirk&Jan Teil 2 Arne&Rick Teil 4

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