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Tour-O-Graphie

Konzertdetails

Wenn du Korrekturen zu diesem Konzert hast, dann schick sie bitte an Wolfgang.

05.05.96 - Offenbach
Location: MTW
Konzertart: Clubauftritt
Berichte: Auswärtsspiel in Offenbach
(Autor unbekannt)

Oft sind Hamburger Bands in der Fremde gelöster, als vor dem berüchtigt kritischen Publikum zuhause. Wie erging es Tocotronic am 5.Mai im MTW in Offenbach? Felix Bayer war eh in der Gegend...

Vor dem Club stand eine große Traube von Menschen: Eine erwartungsfrohe Menge, die meine Befürchtungen zerstreute, daß mit größerer Zahl des Publikums auch die Zahl der Idioten darunter zunehmen würde. Nur ganz wenige Schnauzbärte, die wahrscheinlich auch nur als Fahrer mitgekommen waren, störten das Bild eines angenehmen, wohlgekleideten Publikums, was ohne weiteres auch auf einem Pavement-Konzert anzutreffen sein könnte. Drinnen angelangt, suchte ich gleich den T-Shirt-Stand, wo ich den Tourbegleiter, Lado-Praktikanten und Träger der ordentlichsten Koteletten der Welt, Jan, traf, der auf Tour aus Verwechslungsgründen nur Scholz gerufen wird. Er geleitete mich gleich zum Backstageraum, wo ich die Tocs treffen sollte. Als Backstage wird das Clubheim des nahegelegenen Tennisclubs genutzt, was ich ganz passend fand. Es gab also eine eigene Bar und den Zugang zu einer Terasse, von der aus man einen schönen Blick auf die über dem Main untergehende Sonne hatte.

An einem Ecktisch saßen Dirk, Jan und Arne, es gab ein großes Hallo, aber dann wollte ich nicht länger stören, weil die drei gerade ein Interview gaben. Die Fanzineschreiber hatten Fix-Und-Foxi-Hefte und viel zu wenig Fragen mitgebracht, weshalb das Gespräch bald in allgemeines Geplauder über das Für und Wider des Jura-Studiums abglitt, in dem sehr bedauert wurde, daß juristische Lehrbücher so wenige Illustrationen enthalten, was dann wiederum dazu führte, daß Arne, der ja Illustration studiert, den Jungs für ihr Heft etwas zeichnen sollte. Inzwischen waren noch zwei Fanziner eingetroffen, deren Fragen sich Jan stellte, nachdem ich ihm den Verlauf des nachmittäglichen Grand-Prix-Rennens geschildert hatte (Jan ist großer Formel-Eins-Freund, sein Lieblingsfahrer ist Mika Häkkinen). Am Ende dieses Interviews sollte Jan noch seine zehn Lieblingsplatten aufschreiben, was ja auch ein beständiger Quell der Freude ist.

Inzwischen hatte die Vorgruppe zu spielen begonnen, Bluna, drei Mädchen aus Frankfurt. Leider hatten sie einen hundserbärmlichen Sound, der Baß dröhnte und der (englische) Gesang war kaum zu verstehen. Jessica, Jans Freundin, erzählte, daß es sein könnte, daß der örtliche Mixer des Clubs dies mit Absicht machte, weil er sich beim Soundcheck als ein chauvinistisches Arschloch herausgestellt hatte. Backstage waren nun alle Interviews abgeschlossen und es begannen die Auftrittsvorbereitungen, wie Gitarre stimmen und Setlist suchen. Dirk war ganz stolz darauf, daß sie diesmal die Setlists schon fertig mitgenommen hatten und so das lästige Szenario "Fünf Minuten bis zum Auftritt, jemandem fällt auf, daß keine Setlist da ist, schnell wird eine runtergehuscht und die entscheidenden Lieder natürlich vergessen" entfällt. Neue Effektgeräte wurden herumgezeigt und Jan besänftigte seinen Magen mit einem großen Schluck Jägermeister, bevor dann mit einem ironisch-aufmunterndem "An die Arbeit", der Weg zur Bühne angetreten wurde.

Wir Backstagegäste wurden auf beiden Seiten der Bühne gerecht verteilt. Dirk war es dabei sehr wichtig, daß er links nicht alleine war. Zunächst aber begann Arne mit drei Liedern. Sein erster Song war "An einem Dienstag im April", danach forderte jemand "Meister der Selbstbeherrschung", was Arne mit einem koketten "eben, deswegen spiele ich jetzt lieber "Ich werde nie mehr alleine sein" konterte. Ansonsten hatten die Auftritte in der Hauptstadt bei Arne einen kleinen Schaden hinterlassen, denn er berlinerte während seiner Ansagen hemmungslos herum.

Danach dann Rockband: "Wir kommen um uns zu beschweren" war der erste Titel, der Sound sehr gut und nach einigen anfänglichen Unkonzentriertheiten waren die Tocos in toller Form. Sie wirkten viel mehr aufeinander eingespielt als früher und in den neuen, langen Stücken entwickelten sie eine beeindruckende Musikalität. Ein erster Höhepunkt war die neue Version von "Samstag ist Selbstmord", ganz reduziert die meiste Zeit und man wartet ständig darauf, daß es "explodiert", was es dann auch noch tut, aber erst ganz am Schluß und dafür umso effektvoller. Ungefähr in der Mitte des Auftritts gab es einen richtigen Block mit Lieblingsliedern, was ich daran merkte, daß ich eigentlich schnell ein Bier holen wollte und dann immer dachte "Na, bei dem Lied kannst du doch nicht weggehen", ein echtes Hit-Powerplay mit "Schritte auf der Treppe", "Ich mag dich einfach nicht mehr so", "Letztes Jahr im Sommer", "Die Idee ist gut, doch die Welt ist nicht bereit" und "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" (Nicht sicher mit der Reihenfolge).

Nach etwa 18 Liedern beendete ein, man sagt wohl, episches "Ich möchte irgendetwas für dich sein" den Auftritt, doch für die Tocs gab es nicht viel Zeit, um zur Ruhe zu kommen, denn eine Zugabe wurde stürmisch gefordert. Und was für eine phantastische Zugabe es war: Vier Punk-Songs in hohem Tempo und mit kurzen Pausen durchgehauen, darunter eine tolle, fast hysterische Version von "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein". Natürlich wurde nach einer weiteren Zugabe gerufen: Jemand wünschte sich "Michael Ende, du hast mein Leben zerstört", was Dirk mit der Begründung, daß man Tote in Ruhe lassen sollte, zu spielen ablehnte. Stattdessen spielten sie "Du bist ganz schön bedient", was auch sehr herzlich aufgenommen wurde. Als sehr stimmigen Abschluß und quasi als Schluß-mit-lustig-Geste coverten die Tocs dann "Racist Friend" von den Specials, mit der eindringlichen Aufforderung "If you have a racist friend, then it`s time for your friendship to end". Eine tolle Version, bei der gerade Jan eine sehr schöne Baß-Melodie spielt. Bedauerlicherweise fiel gegen Endes des Liedes dann Jans Verstärker aus, so daß etwas früher das Ende kam, bei dem Dirk seine Gitarre mit einem Effekt Krach machen läßt, den Mixer Sascha dann zwischen den Lautsprechern hinundherpendelt.

Dirk stellte einen neuen Rekord im Auf-einem-Bein-Stehen-und-dabei-Gitarre-spielen auf, er erzählte später, er habe sich das ursprünglich angewöhnt, weil ihm bei den ersten Auftritten vor Nervosität immer die Beine gezittert hatten. Jan blieb wie immer scheinbar ungerührt und cool und Arne machte, was er halt so macht zwischen den Liedern: Fingernägel anschauen z.B. oder Brille putzen (A propos: Wie findet Ihr seine neue Brille?). Modisch gab es eine Bewegung hin zum Polo-Hemd zu sehen, passenderweise wurden am Merchandisingstand ja auch Polo-Hemden mit Toco-Aufdruck verkauft, neben den Schweißbändern und den Plastiktüten das schönste Produkt am Stand.

Das Publikum in der rappeldickevollen Halle war vom Alter her zwischen 16 und 36, mit einem Schwerpunkt auf Anfangzwanzigern und es waren für ein Rock-Konzert überdurchschnittlich viele Mädchen darunter (Eine gute Sache!). Viele Zuschauer sangen hingebungsvoll bis in jede Nuance alles mit, was man dann bei ruhigen Stellen auch hören konnte: Es klang sehr schön. Bei einigen schnelleren Stücken tanzten einige auch Pogo, aber es kam in Offenbach, im Gegensatz zu anderen Konzerten, nicht zu Stagediving.

Wie im Publikum, so auch im Backstageraum nach dem Konzert allenthalben glückliche Gesichter: Die Band war mit dem Konzert sehr zufrieden, Dirk ärgerte sich nur ein kleines bißchen, daß "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" live einfach nicht so gelingen will, wie er es sich vorstellt, aber das war nur ein ganz kleiner Wermutstropfen. Nun warteten die Tocos auf die Boxhamsters, die befreundete Gießener Band, die versprochen hatte, vorbeizukommen. Aber das Warten war vergebens, später stellte sich das Mißverständnis heraus, die Boxhamsters wollten nach Köln kommen. Aber zuvor ging Dirk kurz in die Halle, um nach den Boxies zu schauen. Dort wartete ein Mädchen, die an dem Tag ihren zwanzigsten Geburtstag feierte und sich von Dirk einen Kuß wünschte. Dirk war verwirrt und gerührt und küßte sie auf die Wange, was er machen konnte, weil entgegen sonstige Tocotronic-Tour-Gepflogenheit bisher noch keine Erkältung ausgebrochen war. Langsam kam im Tennisclubheim Aufbruchsstimmung auf und so verabschiedeten wir uns überschwänglich von der Band und den Begleitern.




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